Gesundheit : Kulturboom in der Wüste

Fruchtbares Klima: Archäologen finden in Afrika bahnbrechende Hinweise auf frühe Zivilisationen

Michael Zick

Reagiert der Mensch bloß auf die Natur oder schafft er Kultur aus eigenem Antrieb? Die Frage nach Henne und Ei darf mal wieder gestellt werden – diesmal in Afrika. Denn vor rund 12 000 Jahren setzte im nördlichen Teil des Kontinents eine Kulturentwicklung ein, die den gängigen Vorstellungen von menschlicher Entwicklung widerspricht.

Anstoß der umwälzenden Geschehnisse, so fand das Forscherduo Rudolph Kuper und Stefan Kröpelin vom Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln heraus, war der erstarkende Monsun aus Indien, der nach der letzten Eiszeit die knochentrockene Sahara ab dem 10. Jahrtausend v. Chr. allmählich in eine grüne Savanne verwandelte. In den folgenden Jahrtausenden wurde die Sahara von bislang unbekannten Menschen flächig besiedelt. Das Niltal, nun sumpfig und malariaverseucht, entvölkerte sich. Neue Pflanzen wanderten in die Sahara ein. Der Tschadsee uferte zur Größe des Kaspischen Meers aus. Jäger und Sammler tauchten auf. Sie züchteten – eine genuin afrikanische „Erfindung“ – das erste Rind, sie importierten Schafe und Ziegen aus Vorderasien und wurden zu Hirtennomaden. Nordafrika – so groß wie Europa bis zum Ural – pulsierte vor Leben.

Ab 5000 vor Christus, so die Kölner Prähistoriker weiter, flachte der Monsun langsam wieder ab, die Sahara wurde erneut Wüste und erreichte ihre heutigen Ausmaße. Die Menschen folgten dem Klima, sie zogen einerseits ins menschen- und kulturleere obere Niltal. Dort entfaltete sich – ziemlich abrupt und ohne erkennbare einheimische Wurzeln – ab 3500 vor Christus die ägyptische Hochkultur: Kein Pharao ohne Klimawandel?

Andere Gruppen der Klimaflüchtlinge wanderten in die Sahelzone, die Steppenregion südlich der Sahara, wo ihre Errungenschaften – Getreideanbau, Viehzucht und Keramik – spätestens ab 2000 vor Christus archäologisch gut zu fassen sind. Auch dörfliche Siedlungen, also Sesshaftigkeit, sind nachzuweisen. Damit wurde in Westafrika innerhalb kurzer Zeit ein gewaltiger Schritt vollzogen, der in den Kulturen des Alten Orients Jahrtausende benötigt. Es vollzog sich die so genannte Neolithisierung, also der Umstieg des Menschen vom Jäger- und Sammlerdasein zum Nahrung produzierenden Bauern. Für Peter Breunig, Archäologie-Professor der Universität Frankfurt am Main, wird die Region der heutigen Staaten Mali, Niger, Nigeria, Tschad und Sudan dadurch zu dem „innovativen Großraum, der kulturell auf den ganzen südlichen Kontinent ausstrahlte“.

Das gute bäuerliche Leben im Sahel dauerte rund ein Jahrtausend, dann kam ein neuer Klimaschutz Richtung Trockenheit, und die Menschen änderten ihren Lebenswandel: Die Sesshaftigkeit wurde aufgegeben, aus Bauern wurden Hirtennomaden. Ein anderer Teil der Sahelbewohner wanderte in den Süden, in die damals gelichteten Regenwälder Zentralafrikas. Dort konnte der Tübinger Archäologe Manfred Eggert gerade die kulturellen Errungenschaften der Savannenleute – Domestizierung, Keramik – nachweisen.

In Westafrika gab es um 500 vor Christus einen Kulturknall: Völlig unvermittelt, ohne erkennbare Vorstufen schufen Menschen Kunst, errichteten Siedlungen mit Wehrmauern für mehrere Tausend Bewohner, bauten neue Getreidesorten an und töpferten erstmals riesige Vorratsgefäße. Der Frankfurter Afrika-Forscher Breunig ist vorerst ratlos: „Das verstehen wir noch gar nicht. Das war ein Big Bang.“

Die Kunststücke der nach dem ersten Fundort „Nok-Kultur“ genannten Epoche sind elaborierte Terrakotten mit immer dreieckig geschnittenen Augen und ziselierten Details bis in die Kleidung. Die ältesten sind 2500 Jahre alt – und entsprechend begehrt im europäischen Kunsthandel. Breunig sieht in ihnen Indizien für einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel: „Das war keine Feierabendkneterei. Das war höfische Kunst.“

Ein weiteres Rätsel der afrikanischen Vorgeschichte bekommt jetzt eine neue Dimension: Nach Lehrmeinung wurde die Kunst der Keramikherstellung in der Sahara erfunden. Archäologische Funde weisen den tönernen Scherben aus der Zentral- und Ostsahara ein Alter von 9000 bis 10 000 Jahren zu. Die galten bislang als die ältesten der Welt.

Doch nun hat Eric Huysecom von der Universität Genf in seinen umfangreichen Grabungen in Mali Keramikfragmente gefunden, die eindeutig älter sind: mindestens 11 400 Jahre. Es sind zwar nur kleine Fragmente und es sind nur sechs Stück, die sich nicht zu einem Gefäß fügen lassen. Dennoch ist Huysecom überzeugt, dass Sahelbewohner die Keramik in die Sahara brachten, als sie mit dem Monsunregen nach Norden zogen: „Wir können annehmen, dass es sich bei der Erfindung der Keramik um eine Anpassung des Menschen an einen Klimawandel handelt.“ Denn mit dem Regen kamen neue Pflanzen. Um Wildgetreide genießen zu können, musste es gekocht werden. Dazu brauchte der Mensch Gefäße, die er über ein Feuer hängen konnte. Allerdings: Huysecoms Scherben sind bislang die einzigen und es gibt keinerlei archäologischen Hinweis auf eine Besiedlung der Sahara durch Menschen aus der Sahelzone.

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