Gesundheit : Kunstfelle in Schließfächern, Badelatschen im Wartesaal

ELFI KREIS

Im Bahnhof Zoologischer Garten setzen Studenten der Hochschule der Künste "Bahnhofssignale" / Eine AusstellungVON ELFI KREISEinmal irgendwo ankommen und über den extra ausgerollten Roten Teppich schreiten.Welcher Normalsterbliche hat noch nicht davon geträumt? Im Bahnhof Zoologischer Garten wird es Wirklichkeit."Bekannt wie ein bunter Hund" muß man dazu nicht sein.Erst rot, später bunt ist ein Teppichband, das zum Empfang der Reisenden auf Gleis 2 bereit liegt.Wer dort das Wartehäuschen mit nun sonderbar bläulichen Scheiben betritt, steht plötzlich in einer Schwimmhalle.Zumindest könnte man das meinen.Aus Lautsprechern hallt plätschernd die entsprechende Geräuschkulisse.Badekappe und Plastiklatschen liegen herum.Sogar nach Chlor riecht es - mitten auf dem Bahnhof. Doch auch dies ist kein neuer Sonderservice der Deutschen Bahn.Bei einem aufmerksamen Rundgang durch den Bahnhof Zoo sind noch eine Menge anderer außergewöhnlicher "Bahnhofssignale" zu entdecken: Rolltreppen, auf deren Handgriff eine Folge von Zeichnungen abläuft wie ein Film.Schließfächer, von denen man sich beobachtet fühlt, weil sie hundert Augen zu haben scheinen. "Bahnhofssignale" ist ein Projekt von 23 Studenten der Hochschule der Künste unter Leitung von Professorin Herta Schönewolf (Werkstatt Spiel und Bühne).Zwei Semester lang haben sie insgesamt siebzehn Rauminstallationen entworfen, den Ausstellungsablauf geplant, organisiert und die nötige Überzeugungsarbeit beim Bahnhofsmanagement geleistet.Mit Unterstützung der Deutschen Bahn AG heißt es nun: Großer Bahnhof für die Kunst. "Bahnhofssignale" ist nach "Kunst aus dem Waggon" (1994) und "Kunststationen" (1996) bereits das dritte Teilprojekt einer Reihe studentischer Kunstaktionen, die Kunst an öffentlichen Orten des Reisens, der Passage, des Übergangs erfahrbar machen will.Zum Auftakt machte die Kunst mobil.Die Beteiligten kamen in ihrem speziellen Kunstwaggon mit der S-Bahn in Fahrt und zeigten von dort aus bewegte Lichtbildfolgen und szenische Schattenspiele.Beim zweiten Akt konnte das Publikum selbst in dem zur rollenden Galerie und Bühne umfunktionierten S-Bahnzug mitfahren und das interdisziplinäre Kunstgeschehen hautnah erleben. Nun verlassen die HdK-Studenten erneut eingefahrene Gleise gängiger Kunstschau.Um sich mitten ins turbulente Alltagsgeschehen in dem öffentlichen und vielfrequentierten Bahnhofsgebäude zu begeben und Zufallsbegegnungen des Publikums mit aktueller Kunst zu arrangieren. Leicht übernächtigt sahen am Eröffnungsabend viele der jungen Nachwuchskünstler aus.Kein Wunder, schließlich hatten sie die ganze Nacht hindurch bis zum frühen Morgen gedübelt und geklebt, montiert und installiert.Die Spätschicht war notwendig, um den reibungslosen Bahnhofsbetrieb nicht zu stören. Im Morgengrauen gerät der Bahnhof in helle Aufregung: die ersten Fahrgäste und das Personal reiben sich die Augen.Zuerst meldet eine Bahnmitarbeiterin irritiert bei der Feuerwehr Pepe Baumgärtners (imaginären) Riß, der sich an der Hallendecke entlangzieht.Dann mobilisieren Passanten aufgeregt den Wachdienst, den Tierschutzbund und schalten sogar die Kripo ein, weil, so glauben sie beobachtet zu haben, Hunde in Schließfächer eingesperrt seien.Doch die vermeintlich gequälten und mißhandelten Kreaturen entpuppen sich bei genauer Betrachtung als Kunstfelle, die eine einfache Mechanik in Bewegung hält."Einzeller" heißt die Installation von Marc Pätzold.Die Kunst rückt der Realität nahe auf den Pelz.Doch mit dem anfangs noch fehlenden Schild ist die haarige Angelegenheit rasch als harmloser Kunstsachverhalt aufgeklärt. Derart spektakulär wirken nur wenige Arbeiten.Die meisten nehmen diskret Bezug auf ihre Umgebung und die Menschen, die den Bahnhof benutzen, in ihm arbeiten und leben.Wie das Gemeinschaftsprojekt von Inga Ritter und Sylvia Schedelbauer, die zuvor in einem Schaufenster ihr Fotostudio einrichteten.Die verschiedensten Menschen baten sie vor die Kamera.Nun zeigen sie diese Einzelporträts, aus dem sich wie in einem Kaleidoskop das lebendige Gruppenbild des Bahnhofs zusammensetzt.Immer wieder diskutieren Reisende angeregt den Fahrplan, auf dem Melanie Franke zu den Abfahrtszeiten ihre individuell gesammelten Erfahrungen notiert und ihre Begegnungen mit den zugehörigen Personen fotografisch festgehalten hat. Es ist auch ein Abschied: Mit dem stationären, dritten und letzten Teil des interdisziplinären Kunstprojekts setzt Professorin Herta Schönewolf auch einen ganz persönlichen Schlußpunkt.Mit "Bahnhofssignale" soll die von ihr initierte Projektreihe "zur Ruhe kommen".Bei dem Projekt kommt die Kunst ein letztes Mal zum Zug.Es ist der Abschluß ihrer langjährigen Lehrtätigkeit an der Hochschule der Künste, mit dem sie sich in den (Un- )ruhestand verabschiedet. Die Ausstellung "Bahnhofssignale" ist noch bis zum 27.Januar im Bahnhof Zoologischer Garten in den Hallen, auf allen Etagen, in den Ladenpassagen und Schaufenstern sowie auf Gleis 2 + 3 zu sehen.

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