Gesundheit : Kurzmeldungen

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Endlich gibt es einen konstruktiven Vorschlag zur Organisation der Hochschulmedizin in Berlin: Der Medizinausschuss des Wissenschaftsrats hat empfohlen, die in der Freien und HumboldtUniversität angesiedelten Medizinischen Einrichtungen in eine selbständige Medizinische Hochschule zu überführen.

Das Gutachten zur Zukunft der universitären Medizin in Berlin (sog. Expertenkommission), das zuvor auf Veranlassung des Senats erstellt worden war, hatte unter anderem vorgeschlagen, die Medizin in einer Fakultät zusammen zu fassen sowie die Klinika Benjamin Franklin (Steglitz) und Charité (Mitte) zu vereinigen, wobei der Standort Virchow (Wedding) als Universität aufgegeben werden soll. Dabei wurde die abenteuerliche Konstruktion vorgeschlagen, die zusammengeführte Fakultät beiden Universitäten zuzuordnen. Mit ihrer Größe von 141 Professoren, rund 1300 wissenschaftliche Mitarbeiter und 8000 Mitarbeiter im Krankenpflege-, med.-techn.-, Wirtschafts-, Versorgungs- und Verwaltungsdienst ist dies ein Mammutbetrieb – mit einer eigenen Organisation schon schwer zu steuern. Und dazu käme noch die Zugehörigkeit zu FU und HU. So etwas ist selbst den kühnsten Reformern in den wildesten Zeiten hochschulpolitischer Experimente Anfang der siebziger Jahre nicht eingefallen.

Selbst wenn man sich bei Gremien und Organisation auf ein Minimum beschränkt, selbst wenn das Personalrats (un) wesen reduziert wird – dieses Gebilde wäre weit davon entfernt sein, effektiv arbeiten zu können. Deshalb sollte besser eine Untergliederung entweder in mehrere Fakultäten oder Sektionen erfolgen. So ist auch der Gefahr zu begegnen, dass die kleinen Fächer völlig an den Rand gedrängt werden.

Nur eine eigenständige, eigenverantwortliche Einrichtung, in der alle medizinischen Universitätseinrichtungen zusammen gefasst sind, zwingt die Verantwortlichen, Mittel und Wege zu suchen, für Lehre, Forschung und Krankenversorgung jeweils das Optimum zu erreichen. Eine Lösung könnte im Grundsatz so aussehen, dass Steglitz und Wedding als Universitätsklinika erhalten bleiben, die theoretischen Fächer und die Vorklinik in Mitte konzentriert werden.

Es ist doch ein Stück Nostalgie, wenn von der „prägenden Rolle“ beider Medizinischen Fakultäten in FU und HU gesprochen wird und man im Falle einer selbständigen Medizinischen Hochschule die „fächerübergreifende Kooperation“ mit anderen Fachbereichen gefährdet sieht. Die Vernetzung geschieht heute unabhängig von den Grenzen einzelner Institutionen. So funktioniert die Zusammenarbeit von Universitätsinstituten mit Max-Planck-Instituten oder Partnern in der Fraunhofer-Gesellschaft.

Ob die Bezeichnung „Medizinische Hochschule Charité“ glücklich gewählt ist, kann man bezweifeln. Da wäre es schon besser von der „Medizinischen Universität Berlin“ zu sprechen. Aber warum nicht gleich, um auch optisch deutlich zu machen, dass man sich auf internationalem Niveau bewegen will, eine „Medical School“? Oder will man wieder warten, bis dafür eine private Initiative wie die „European School of Management and Technology“ gegründet wird?

Auch die Forderung des Medizinausschusses, die Mitglieder des Leitungsgremiums an der neuen Hochschule dürften in den letzten acht Jahren nicht in Berlin beschäftigt gewesen sein, überzeugt nicht. Ortskenntnisse und Wissen um personelle Zusammenhänge von Internen sind kein Nachteil. Unbefangenheit und Distanz von Externen können ein Vorteil sein. Warum eine Einschränkung, gegen die man in früheren Zeiten als „Berufsverbot“ für Berliner polemisiert hätte?

Mit den Äußerungen des Medizinausschusses ist wohl auch das Urteil der Expertenkommission vom Tisch, mit dem der Campus Virchow als nicht besonders forschungsintensiv eingeordnet wird (was andere Experten anders beurteilen). Das kann, selbst wenn es denn zuträfe, doch nicht bedeuten, dass man es zurückstuft. Die Forderung muss dann sein, dass sich dies zu ändern habe, gegebenenfalls mit der Androhung personeller Konsequenzen. Das Klinikum Steglitz hat gezeigt, dass so etwas Wirkung zeigen kann. Bei zwei Opernhäusern, von denen eines unter großem Kostenaufwand errichtet, aber im Angebot zu wünschen übrig ließe, das andere zwar qualitativ gut, baulich aber marode wäre, käme wohl niemand auf die Idee, das technisch aufgepäppelte der Kiezkultur zu überantworten.

Bei der Reorganisation der Medizin darf nichts anderes gelten. Der Campus Virchow-Klinikum muss, wenn es nötig ist, personell in den Stand versetzt werden, die Erwartungen zu erfüllen. Das kann durch die Anmahnung besserer Ergebnisse geschehen, durch besondere Sorgfalt bei Berufungen und notfalls durch Umsetzungen einzelner Personen.

Das ist zwar ein schwieriges Unterfangen, auf jeden Fall aber preisgünstiger als die durch eine Umsetzung des Gutachtens entstehenden Kosten. Im Übrigen: die Abarbeitung des Gutachtens benötigte gewiss zehn Jahre. Spätestens bis dahin haben sich mögliche Personalprobleme am Virchow-Klinikum durch Zeitablauf gelöst. So einfach kann das sein.

Der Verfasser war von 1986 bis 89 parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin. Foto: Kai-Uwe Heinrich

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