Gesundheit : Kuschelige Noten

Studieren in Deutschland nur Genies? Die meisten Absolventen verlassen die Hochschulen mit Traumzensuren

Tilmann Warnecke

Spitzenphysiker haben es schwer, den Personalchefs mit ihrem Abschlusszeugnis aufzufallen. Beim Blick auf die Note merkt niemand, dass sich gerade ein herausragender Absolvent des Fachs bewirbt. In der Physik sind fast alle gleich gut: Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 1,4. Unter diesen Umständen wäre der Nobelpreisträger Max Planck mit der Eins, die ihm die Professoren gaben, einfach in der Masse untergegangen. Sein Physiker- und Nobelpreiskollege Albert Einstein dagegen hätte für heutige Verhältnisse vernichtend schlecht abgeschnitten: Nur knapp Gut, lautete das Urteil von Einsteins Diplomprüfern. Mit einer Note schlechter als Sehr gut oder Gut schließen heute gerade mal sieben Prozent der Physik-Studenten ab.

Nicht nur die Physikstudenten an deutschen Universitäten triumphieren mit hervorragenden Examensnoten. Die Biologen sind nach einer Studie des Wissenschaftsrates noch einen Tick besser. Sie landen bei einem Durchschnittswert von 1,3. Mathematiker und Psychologen schneiden mit 1,4 ab, Chemiker und Philosophen (beide 1,5) sowie Historiker (1,6) liegen dicht dahinter. In diesen beiden Geisteswissenschaften werden 95 Prozent der Prüflinge mit Gut oder Sehr gut beurteilt. Bei den Noten für Dissertationen dürfte es nicht anders aussehen.

Doch ob die Flut von Top-Noten an einer ebensolchen Flut von Top-Absolventen liegt, bezweifeln sogar die Professoren. „Wir können keine Generaleins verteilen. Da werden wir nicht mehr ernst genommen“, sagt Hartmut Hilger, Dekan des Fachbereichs Biologie, Chemie und Pharmazie an der FU, und bedauert: „Den Studenten, die besser als der Durchschnitt sind, können wir das kaum noch im Zeugnis zeigen.“

Auch die Personalchefs trauen dem Wert der guten Noten nicht. Die TU Dresden veröffentlichte unlängst eine Untersuchung, die unter 1800 Absolventen der Hochschule nach den Eigenschaften der erfolgreichen Berufseinsteiger fragte. Das Ergebnis: Eine sehr gute Abschlussnote hatte kaum einen Einfluss darauf, wie lange diese nach dem ersten Job suchen und welches Einstiegsgehalt sie dann verdienen. Der Soziologe René Krempkow, der die Studie durchführte, sieht einen Zusammenhang zwischen der Inflation guter Noten und der mangelnden Bedeutung derselben für erfolgreiche Bewerbungen: „Gerade bei Naturwissenschaftlern kann man zeigen, dass Noten beim Berufseinstieg nur noch eine geringe Rolle spielen.“

Nur die Besten kommen durch

Nun haben Unternehmen eine Einstellung noch nie ausschließlich von den Noten der Bewerber abhängig gemacht. Sie suchen vielmehr ein „Profil“, das in der Welt der Personalchefs eine Mischung aus verschiedenen Punkten wie praktische Erfahrung und außeruniversitäres Engagement bezeichnet, wie Susanne Niethen, Chefin der Recruiting-Abteilung der Unternehmensberatung McKinsey, sagt. Doch sie beklagt, dass sie die hervorragenden unter ihren jährlich 10 000 Bewerbern an hervorragenden Noten nicht erkennen kann.

Könnte das vielleicht daran liegen, dass tatsächlich nur die Besten ihr Studium in der Massenuniversität zu Ende bringen? In Fächern wie Mathematik bleiben von 100 Studienanfängern am Ende mal gerade 30 übrig. „Es sind die wirklich Interessierten, die es bis zum Examen schaffen“, meint sogar Hilger. „Dass die einen sehr guten Abschluss schaffen, überrascht mich gar nicht“, sagt auch Heinz Elmar Tenorth, der Vizepräsident der Humboldt-Universität für Studium und Lehre ist: „Überspitzt gesagt: Nur die Crème eines Faches kommt bis zum Abschluss.“ Tenorth hält deswegen nicht die Endnoten für das Problem, sondern den Ausleseprozess in der Mitte des Studiums. Die Hochschulen müssten darauf achten, eine höhere Zahl ihrer Studierenden zum Abschluss zu führen.

Kaum eine Studienrichtung schöpft noch die volle Notenskala von Sehr Gut bis Ausreichend aus. So gut wie die Biologen abschneiden, so schlecht ist es auf dem Papier jedoch um die Juristen bestellt: Die bekommen nur Dreier und Vierer. „Die Noten sind nicht vergleichbar“, meint Bertelsmann-Sprecher Oliver Fahlbusch, dessen Konzern Absolventen aus allen Fachrichtungen einstellt. Auch Niethen, die selber Mathematikerin ist und für McKinsey neben BWLern auch Natur- und Geisteswissenschaftler sowie Ingenieure sucht, bemängelt, dass sie für jede Fachrichtung eine andere Messlatte anlegen muss. Für einen Mathematiker sei ein Diplomschnitt von 1,5 schon fast schlecht.

„Für einen BWLer von einer anspruchsvollen Unis wäre das dagegen sensationell gut“, sagt sie.

Unternehmen nehmen gute Noten durchaus ernst, sobald es einen merkbaren Anteil schwächer bewerteter Absolventen gibt. Das ist ein weiteres Ergebnis der Dresdner Absolventen-Studie. Die scharf zensierten Juristen gehörten zu den wenigen Fächergruppen, bei denen eine gute Examensnote den Berufseinstieg tatsächlich erleichterte.

Womöglich wollen Professoren mit den Kuschelnoten für ihre Studenten sich selber nicht weh tun. „Die Gefahr ist da, sich in die eigene Tasche zu lügen“, sagt FU-Biologe Hilger. Viele Dozenten hätten den Anspruch, nur gute Studenten für die Prüfung anzunehmen: „Das muss dann durch gute Noten bestätigt werden.“

Hilger und auch sein FU-Kollege Ernst Baltrusch, Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Historiker, nennen noch einen anderen Grund für die vielen Einsen: die Vertrautheit zwischen Prüfer und Prüfling. Der Althistoriker Baltrusch prüft pro Jahr zehn bis fünfzehn Magisterkandidaten und noch einmal so viele Staatsexamensstudenten. „Da kann man die Prüflinge gut auf das Examen einstellen“, sagt er. Baltrusch weist seine Studenten auf aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen hin und diskutiert mit ihnen die Literatur- und Quellenlage. „Außerdem kennen viele Prüflinge ihre Prüfer aus den Seminaren und wissen, welche Schwerpunkte sie legen“, sagt er.

Vertrauen schafft Einsen

Vertrauen schafft gute Noten – darauf deutet ein anderer Befund aus der Wissenschaftsrat-Studie hin. In Staatsexamina stellt auch ein unabhängiger Prüfer Fragen. Dort erhalten Studierende durchgehend schlechtere Noten als ihre Magister- oder Diplomkommilitonen.

Die vielen guten Noten, die die Hochschulen verteilen, sind ungerecht und erschweren den Abnehmern der Absolventen deren Einschätzung. Sie rücken aber auch den Wunsch der Unis in ein fragwüdiges Licht, sich ihre Studenten selbst mit Eingangsprüfungen aussuchen zu dürfen. Schließlich bringen sie dabei immer das gleiche Argument vor: Die Abiturzensuren seien nicht vergleichbar und zu wenig aussagekräftig. Aber genau so steht es um die Noten an den Universitäten.

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