Gesundheit : Lädierte Leber

Auch das Geschlecht hat Einfluss auf kranke Organe

Adelheid Müller-Lissner

Der kleine Unterschied zwischen Männern und Frauen spielt auch in der Medizin eine Rolle. Auch bei Leber-Erkrankungen gibt es geschlechtsspezifische Besonderheiten. Das war eines der Themen bei der United European Gastroenterology Week, einem wissenschaftlichen Mega-Event, zu dem sich bis Mittwoch 9000 Magen-Darm- und Leber-Experten im Berliner ICC trafen.

Ein Unterschied liegt in der Art, wie das Immunsystem arbeitet. So sind Frauen deutlich häufiger von Leberleiden geplagt, bei denen die körpereigene Abwehr zu heftig reagiert. An der Autoimmunhepatitis – eine Krankheit, bei der der Körper Antikörper gegen seine eigenen Zellen bildet – erkranken mehr als viermal so viele Frauen wie Männer.

Bei der Primären Biliären Zirrhose, einer Vernarbung des Lebergewebes um die kleinen Gallengänge, die inzwischen ebenfalls als Autoimmunprozess verstanden wird, ist nur jeder siebte Betroffene ein Mann. Noch ist nicht völlig klar, wie diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern zustande kommen, „wir vermuten jedoch, dass die weiblichen Hormone einen besonderen Einfluss auf das Immunsystem haben“, sagte Michael Manns, Leiter der Klinik für Gastroenterologie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Bei den infektiösen Lebererkrankungen wächst sich das zum Nachteil für die Männer aus, deren Immunsystem träger reagiert. Wird die Entzündung nach einer Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus chronisch, so droht die Gefahr, dass sich die Leber mit Bindegewebe durchsetzt, Narben bildet und schrumpft, sodass sie ihre Entgiftungsfunktion schließlich nicht mehr erfüllen kann. Im Extremfall hilft dann nur noch eine Transplantation.

Inzwischen wird deshalb mit Medikamenten wie Interferon-alpha behandelt, einem Eiweißstoff, den auch der Körper selbst bei Entzündungen bildet. Die Behandlung ist allerdings langwierig und wegen der Nebenwirkungen unangenehm. Bei der Entscheidung, ob sie nötig ist, sollte auch das Geschlecht eine Rolle spielen. „Junge Frauen haben die besten Chancen, keine Leberzirrhose zu entwickeln. Wir sind deshalb bei ihnen zurückhaltend mit der Therapie, wenn noch keine Zeichen der Vernarbung erkennbar sind“, sagte Kinan Rifai, Facharzt an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Um solche Veränderungen festzustellen, untersuchte man bisher meist kleine Gewebeproben unter dem Mikroskop, die bei einer Leberpunktion gewonnen wurden. Mit einem neuen Gerät aus Frankreich kann nun auch von außen sichtbar gemacht werden, wie elastisch das Entgiftungsorgan noch ist. „Das Gerät kann die Untersuchung von Gewebeproben nicht vollständig ersetzen, scheint aber geeignet, bei Patienten mit Hepatitis C den Verlauf zu kontrollieren“, sagte Rifai.

Mit den Hepatitis-Viren B und C, die wie HIV durch das Blut übertragen werden, infizieren sich weltweit zahlreiche junge Frauen, die danach schwanger werden oder eine Schwangerschaft planen – obwohl es gegen das B-Virus inzwischen eine Impfung gibt. Auch die Risiken, die eine Infektion der Mutter für das Kind bedeutet, waren ein Kongressthema. Annarosa Floreani von der Universität Padua hält eine Infektion mit dem Hepatitis-C-Virus nicht für einen strikten Grund gegen eine Schwangerschaft. Sie rät jedoch, eine bekannte Erkrankung zuvor zu behandeln, denn während der Schwangerschaft dürfen die Medikamente nicht genommen werden. Das Risiko des Kindes, von der Mutter angesteckt zu werden, liegt bei fünf Prozent, erhöht sich allerdings deutlich, wenn sie zugleich mit HIV infiziert ist. Ohne Vorsorge liegt es beim B-Virus bei über 80 Prozent, doch es gibt eine kombinierte Aktiv- und Passivimpfung, die das Kind direkt nach der Geburt bekommen sollte.

Die Lebererkrankung, die heute am weitesten verbreitet ist, macht offensichtlich keine Geschlechtsunterschiede: Jeder vierte Erwachsene in Europa leidet unter einer Fettleber, aus der sich eine Vernarbung des Gewebes, die gefürchtete Zirrhose, entwickeln kann. Wichtigste Ursachen sind die bekannten Wohlstandsphänomene Übergewicht, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen. Und der Alkohol. „Allerdings werden zunächst viele Leberkranke zu Unrecht in die Schublade ‚Alkohol‘ gesteckt“, sagte Rifai. Dass Männer und Frauen unterschiedlich viel Alkohol „vertragen“, kann der Leberexperte bestätigen: „Die gleiche Menge Alkohol führt bei Frauen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Schäden an der Leber“, sagte Rifai.

0 Kommentare

Neuester Kommentar