Gesundheit : Länder stellen zu wenig Lehrer ein

Uwe Schlicht

Mit Plakaten, Fernsehspots und großem Presseauftritt warb die Kultusministerkonferenz im November 2003 für den Lehrerberuf. Bis 2015 würden 371 000 Lehrerstellen frei. Noch nie seien die Chancen auf ein Lehramt so groß gewesen, sagte die damalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Karin Wolff.

Ein Jahr später ist die große Ernüchterung eingekehrt. Viele Hochschulabsolventen sind in der diesjährigen Einstellungsrunde nicht berücksichtigt worden. Die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange erklärte gestern vor Journalisten: „Rund 35 000 Lehrkräfte, die sich für dieses Schuljahr um eine Stelle beworben haben, sind leer ausgegangen.“

Als besonders dramatisch bezeichnete die GEW-Vorsitzende die Situation in Berlin: Hier hätten sich 3300 Lehrkräfte auf nur 250 Stellen beworben. In Schleswig-Holstein kommen 3352 Bewerbungen auf 777 Einstellungen, in Hamburg 3108 Bewerbungen auf 710 Einstellungen und in Bremen 1723 Bewerbungen auf 227 Einstellungen.

Der Leiter der Untersuchung, der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen, stellte fest, dass insgesamt etwa 8000 Lehrkräfte weniger eingestellt wurden, als die KMK-Prognose mit 31 000 Stellen versprochen habe.

Grund für die restriktive Einstellungspolitik seien die Haushaltsengpässe: Vielfach sei die Arbeitszeit der Lehrer erhöht worden, um den Einstellungsbedarf zu verringern. Inzwischen wirkten auch die drohenden finanziellen Abzüge von der Pension, die etliche Lehrer davon abgehalten hätten, vor dem 65. Lebensjahr in den Ruhestand zu gehen.

Besonders dramatisch ist die Situation in den ostdeutschen Bundesländern. Dort geht die Schülerzahl langfristig auf die Hälfte zurück, und folglich sinken auch die Einstellungszahlen für neue Lehrer. Die Kultusministerkonferenz hatte für das Jahr 2004 in den ostdeutschen Bundesländern einen Bedarf von 1400 neuen Lehrern vorausgesagt, tatsächlich seien jedoch nur 1051 eingestellt worden. Klemm warnt davor, dass nun auch im Osten langfristig eine Überalterung der Lehrerkollegien droht.

Damit steht die Einstellungspolitik in direktem Gegensatz zu den Empfehlungen der OECD. Die OECD hat in ihrem jüngsten Bericht über die Situation der Lehrer in Deutschland kritisiert, dass die Lehrerkollegien in Deutschland überaltert seien. Das ist eine Folge der Bildungsexpansion der 70er-Jahre, als in Massen neue Lehrer eingestellt wurden, die jetzt über 30 Jahre im Schuldienst sind. Viele Lehrer fühlen sich ausgebrannt, weil sie keinen Zugang zur ganz anderen Jugendkultur von heute finden. Die OECD hatte empfohlen, Einstellungskorridore für jüngere Lehrer zu sichern.

Durch die restriktive Einstellungspolitik würden Lehrer fehlen, um die Betreuung in Ganztagsschulen zu sichern und Schüler individuell zu betreuen, warnt die GEW-Vorsitzende Stange. „Die Länder steuern mit ihrer Einstellungspolitik wieder in den berühmten Schweinezyklus.” Zwar steige jetzt die Zahl der Lehrerstudenten wegen der Werbeaktion der KMK, aber viele könnten bei einer Fortschreibung der jetzigen Einstellungspraxis nicht die erwarteten Stellen finden, sobald sie ihr Studium beendet hätten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben