Laktose-Intoleranz : Wenn Milch nicht munter macht

Die weiße Köstlichkeit gilt als Grundnahrungsmittel. Doch nicht für alle. Jeder siebte Deutsche verträgt keine Laktose. Die Betroffenen müssen ihr tägliches Leben umstellen.

Daniela Martens
Milch
Milch. Lecker, aber nicht für alle. Wer eine Laktose-Intoleranz hat, muss auf viele Produkte verzichten. -Foto: dpa

Mhmm, lecker, so eine große Tasse heiße Schokolade mit Sahnehaube, oder? Nicht für Marita Böhme (Name geändert). „Ich war nie ein typisches kakaotrinkendes Kind“, sagt die 25-Jährige. Als sie mit 20 doch mal einen Kakao bestellte, musste sie sich ein paar Stunden später übergeben. Trotzdem dauerte es noch eine Weile, bis sie den Grund herausfand.

Kurz nachdem sie von zu Hause ausgezogen war, um in Berlin ihre Ausbildung zur Ergotherapeutin zu beginnen, ging es los. Ständig war ihr schlecht, ihr Magen schien nicht Ordnung zu sein, sie hatte stundenlang Blähungen. Innerhalb eines halben Jahres nahm sie fast 20 Kilogramm ab, wurde untergewichtig. „Schließlich war ich mehr krank als gesund.“ Mandelentzündungen wechselten sich mit Gastritis ab, ihr Hausarzt verschrieb ihr Antibiotika. Doch davon wurde es nicht besser.

Irgendwann kam der Arzt auf die Idee, einen Test auf Laktose-Intoleranz zu machen: Und tatsächlich, Marita Böhme verträgt keine Laktose, also den Zucker in der Milch. In Mitteleuropa gehört sie damit zu einer Minderheit von etwa 15 Prozent. Global gesehen aber gehört sie zur Mehrheit: 75 Prozent der Weltbevölkerung, vor allem in Asien und Afrika, bekommen Verdauungsbeschwerden durch Milch. Sie repräsentieren damit einen Ursprungszustand. Denn erst eine Mutation vor etwa 8000 Jahren ermöglichte es den Menschen in Nord- und Mitteleuropa, als Erwachsene Milchzucker zu verdauen.

Laktose-Intoleranz ist keine Allergie

Die Diplom-Ernährungswissenschaftlerin Uta Hille, die sich unter anderem auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten spezialisiert hat, hilft Menschen wie Marita Böhmer und berät Patienten, wie sie ihre Lebensgewohnheiten umstellen, um sich wieder besser zu fühlen: „Der Verbraucher durchschaut gar nicht, welcher Hersteller Laktose verwendet. Der Zucker steckt in vielen Produkten, in denen man ihn nicht vermuten würde.“ Etwa in Wurst, Fertiggerichten oder Medikamenten. Auch die Antibiotika, die Marita Böhme nahm, enthalten Laktose. „Und dann habe ich noch viel Joghurt und Zwieback gegessen, weil ich dachte, dass wäre bei einer Magen-Darm-Erkrankung gut“, sagt sie. Kein Wunder, dass es ihr schlechter ging. Zu Beginn ihrer Ausbildung veränderte sie ihre Ernährungsgewohnheiten. „In der Kantine gab es viele Gerichte mit Sahnesauce, und morgens habe ich schnell ein belegtes Wurstbrötchen und einen Milchkaffee vom Bäcker geholt.“ Meistens war in der Wurst Laktose, sie hatte nicht darauf geachtet.

Deshalb ging einiges in ihrem Körper schief: „Menschen, die keinen Milchzucker vertragen, mangelt es an dem Enzym Laktase, um ihn abzubauen“, sagt Uta Hille. Das Enzym ist in Zellen der Dünndarmschleimhaut aktiv. Ist zu wenig vorhanden, rutscht der Milchzucker unverdaut in den Dickdarm. „Und da hat er nichts zu suchen“, sagt die Ernährungswissenschaftlerin.

Im Dickdarm „verstoffwechseln“ die Bakterien in der Darmflora den Milchzucker. Es bilden sich Gase, die Blähungen verursachen. Laktose-Intoleranz ist also keine Allergie. „Milchallergien gibt es auch – und zwar gegen das Eiweiß in der Milch“, sagt Hille. Das komme aber wesentlich seltener vor. Um zu testen, ob jemand eine Laktose-Unverträglichkeit hat, wird ein Atemtest gemacht. Denn dann befindet sich wesentlich mehr Wasserstoff im Atem. „Das ist die einzige wiederverwertbare Methode“, sagt Uta Hille.

Auch Erwachsene können Milch trinken

Drei Jahre ist es nun her, dass bei Marita Böhme die Laktose-Unverträglichkeit diagnostiziert wurde. Inzwischen geht es ihr viel besser. „Ich versuche, mich laktosefrei zu ernähren“, sagt sie. Es funktioniert: Sie hat 15 Kilo zugenommen und wieder „Normalgewicht“. Jetzt liest sie immer ganz genau die Zutaten auf den Verpackungen der Lebensmittel. „Und ich nerve die Verkäuferin an der Fleischtheke“, sagt sie und lacht. Aber eigentlich stört sie ihr Handicap nicht mehr. Die meisten Supermärkte bieten laktosefreie Produkte an: Wurst, Sahne, Mozzarella, Joghurt, Butter, Pudding, Eiscafé und natürlich Milch. Mit der laktosefreien Milch spart man sogar den Zucker im Kaffee – denn sie ist süßer als herkömmliche Milch.

„Wenn wir gemeinsam kochen, nehmen meine Freunde Rücksicht. Und wenn wir mal brunchen gehen, nehme ich meine Tabletten mit.“ Die ersetzen das fehlende Enzym und spalten den Milchzucker. Ab und zu verträgt Marita Böhme auch ein bisschen Laktose: Alten Käse kann sie essen, ohne das ihr schlecht wird. Denn er enthält nur sehr wenig Milchzucker. Wie viel Laktose man verträgt, kann sich im Lauf des Lebens verändern. „Mit zunehmendem Alter wird das Enzym abgebaut“, sagt Hille. Marita Böhme vertrug als Kind Milch – auch wenn sie sie nicht besonders mochte. „Das kann aber auch schon ein Anzeichen sein“, sagt Hille.

Milch beugt Knochenschwund vor

Lydia Eschenbach verträgt Milch eigentlich so gut wie die meisten gesunden Menschen. Doch auch sie verzichtet auf Milchprodukte – aus Angst, irgendwann eine Laktose-Unverträglichkeit zu entwickeln. Die 31-Jährige glaubt, dass „der Körper eines Erwachsenen nicht dafür gemacht ist, Milch zu trinken“. Die Ernährungswissenschaftlerin Hille hält diese unter Milchgegnern verbreitete Ansicht für übertrieben. „Das wird aufgebauscht. Wenn jemand gern Milch trinkt, soll er das tun. Das ist vollkommen in Ordnung.“

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung befürwortet das Milchtrinken. Milch und Milchprodukte seien die wichtigsten Kalziumquellen in der Ernährung. Wer Milch trinke, verringere damit sein Risiko, im Alter an Osteoporose (Knochenschwund) zu erkranken.

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