Gesundheit : Landwirtschaftliche Forschung: Was macht die Kühe wirklich glücklich?

Manuela Röver

Frei laufende Hühner, glückliche Kühe und genüsslich im Schlamm suhlende Schweine. Ein romantische Bild, das in den nächsten zwei Jahren auf einem Gutshof in Trenthorst Wirklichkeit werden soll. Der alte Versuchsbetrieb der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft liegt in der Nähe von Lübeck und stellt ein Novum der landwirtschaftlichen Forschung in Deutschland dar. Auf rund 640 Hektar Ackerland entsteht hier unter Aufsicht von Agrarwissenschaftlern ein Öko-Betrieb.

Vor rund vier Wochen wurde in Trenthorst das Institut für ökologischen Landbau gegründet. Erstmals erhebt die Bundespolitik damit den ökologischen Landbau zu einem eigenständigen Gebiet der "Ressortforschung". Eine Antwort auf die BSE-Krise?

"Nein, dieses Institut ist schon viel länger in der Planung", betonen die Bundestagsabgeordneten Matthias Weisheit (SPD) und Steffi Lemke (Grüne). Sie sind Mitglieder des Agrarausschusses und haben die Gründung des neuen Institutes auf parlamentarischer Ebene vorangetrieben.

Lange Zeit war der ökologische Landbau das Stiefkind der offiziellen Agrarpolitik. Anfänglich ignoriert oder belächelt, wurde er später schlicht als Produktionsnische abgetan. Anfang der 80er Jahre hielt diese Wirtschaftsweise dann ihren Einzug an den landwirtschaftlichen Fakultäten der Hochschulen. Vorreiter war die Universität Kassel, an der bereits 1981 die erste Professur für Ökologischen Landbau entstand.

In den 90er Jahren etablierten dann sukzessive sämtliche Universitätsstandorte mit agrarwissenschaftlichen Studiengängen den ökologischen Landbau als eine Komponente von Forschung und Lehre. "Das hing aber immer sehr stark vom persönlichen Engagement einzelner Wissenschaftler ab", sagt der neue Leiter des Trenthorster Instituts, Gerold Rahmann. Universitäre Forschung und einige privatwirtschaftlich organisierte Institute sorgten schließlich allmählich für eine Anerkennung des ökologischen Landbaus in den landwirtschaftlichen Fachdisziplinen.

In den Bundesforschungsanstalten war die biologische Wirtschaftsweise bis dato allerdings nicht als eigenständige Fachrichtung vertreten. Die staatlichen Forschungsanstalten sind den Bundesministerien unterstellt und betreiben "Ressortforschung". Sie wurden primär dazu geschaffen, ihr jeweiliges Ressort zu beraten.

So gibt es seit 50 Jahren die Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig, die dem Bundesministerium für Landwirtschaft wissenschaftliche Grundlagen für politische Entscheidungen liefern soll. In den Nachkriegsjahren zählte die Steigerung der Nahrungsgüterproduktion zu deren vorrangigen Forschungszielen. Die Arbeitsproduktivität sollte erhöht und Arbeitskräftemängel kompensiert werden. Die Bemühungen mündeten schließlich in den 70er Jahren in Überproduktion und wachsende Umweltbelastungen.

Anfang der 80er Jahren orientierte sich die Forschung daher an einer Verbesserung der Arbeitstechniken, der Verringerung des Betriebsmittel-Einsatzes - wie beispielsweise Dünger - und den Chancen Nachwachsender Rohstoffe. In den letzten zehn Jahren habe sich die FAL dann auch vermehrt dem ökologischen Landbau gewidmet, erklärt ihr Präsident Claus Sommer: "In verschiedenen Fachbereichen wurden auch immer Projekte mit Fragestellungen des ökologischen Landbaus bearbeitet."

Doch das reichte der rot-grünen Bundesregierung nicht aus. In den Koalitionsvereinbarungen schrieb sie 1998 fest, die Forschung im ökologischen Landbau zu verstärken. Nach Meinung von Steffi Lemke wurde der ökologische Landbau als eigenständige Wirtschaftsweise bislang von der Ressortforschung des Landwirtschaftsministeriums nicht zur Kenntnis genommen. Daher sei er auch nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Politikberatung gewesen. Die Grünen sahen hier Nachholbedarf, dem sie durch die Gründung eines Instituts begegnen wollten.

"Die Widerstände in der Bundesforschungsanstalt und im Landwirtschaftsministerium waren zunächst sehr groß", sagt Lemke. Die FAL-Leitung wünschte zu Beginn der Verhandlungen kein eigenständiges Institut. "Wir waren lange Zeit der Meinung, dass sich die komplexen Fragestellungen des ökologischen Landbaus institutsübergreifend wesentlich effizienter bearbeiten lassen", erklärt Claus Sommer. Da die Bundesforschungsanstalt neun Institute beherbergt, gebe es hier ein erhebliches Potenzial für interdisziplinäre Zusammenarbeit. "Solche Möglichkeiten hat ein Institut mit sieben Wissenschaftlern nicht."

Doch Lemke und Weisheit beharrten auf einem eigenständigen Institut. "Wir hatten Angst, dass der Öko-Landbau sonst in der FAL untergebuttert wird", sagt Weisheit. Nachdem sich auch der Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Martin Wille, für ein eigenes Institut ausgesprochen hatte, gab die FAL nach. Im August 1999 begann man zügig mit dem Konzept für das neue Institut. Nach elf Monaten wurde schließlich Gerold Rahmann als neuer Institutsleiter berufen. Der an der Uni Kassel habilitierte Agraringenieur gilt als Praktiker. Er ist seit 20 Jahren im ökologischen Landbau tätig.

In dem neuen Institut wird die experimentelle wissenschaftliche Arbeit im Vordergrund stehen. Auf Wunsch des Landwirtschaftsministeriums soll zunächst die ökologische Tierhaltung einen Forschungsschwerpunkt bilden. Die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden der klassischen landwirtschaftlichen und der ökologischen Forschung unterscheiden sich grundsätzlich nicht. Allerdings werden die Produktionsverfahren im ökologischen Landbau unter einem anderen Blickwinkel bewertet.

"Wenn Sie beispielsweise die Rinderhaltung betrachten, dann wird im konventionellen Landbau die Qualität des Verfahrens hauptsächlich anhand des Fettanteils im Fleisch oder an der Milchleistung der Kühe beurteilt", sagt Rahmann. "Das reicht aber nicht. Wenn man Konzepte für eine artgemäße Tierhaltung mit ausgeglichenen Nährstoff- und Energiebilanzen entwickeln will und dabei auch die Baubiologie und die Arbeitsqualität nicht außer Acht lassen möchte, dann brauchen wir andere Qualitätsstandards."

Für eine ganzheitliche Bewertung fehlen jedoch in den Agrarwissenschaften noch geeignete wissenschaftliche Methoden. Die sollen nun in Trenthorst entwickelt werden. Zur Zeit fällt es den Wissenschaftlern zum Beispiel schwer, eine artgerechte Tierhaltung zu definieren, weil strittig ist, welche Parameter zur Beurteilung des tierischen Wohlbefindens geeignet sind. Die bäuerliche Idylle, die der Mensch subjektiv als besser empfindet, muss nicht auch aus Sicht der Tiere besser sein. Einige Studien belegen beispielsweise, dass der Gesundheitszustand von Schweinen, die auf Stroh leben, schlechter sein kann als der ihrer Artgenossen auf Spaltenböden.

"Was wir in Trenthorst nicht machen werden, sind Systemvergleiche von konventionellem und ökologischen Landbau", betont Rahmann. Ein Großteil der bisher in Deutschland durchgeführten Forschung basierte auf derart vergleichenden Untersuchungen von konventionellen und ökologischen Produktionsverfahren. "Unsere Lobby ist ganz klar der Öko-Landbau, den wir dort nach den Maßstäben der EU-Richtlinie 2092/91 betreiben werden."

Die Forschungsergebnisse sollen aber nicht nur den Ökobauern zugute kommen. "Der Anbau von Eiweißfuttermitteln im eigenen Betrieb ist zum Beispiel eine Komponente, die durchaus auch herkömmliche Betriebe interessieren sollte." Nicht nur der deutsche Bauernverband und die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau, sondern auch die Politiker verfolgen jetzt gespannt die Anlaufphase in Trenthorst. "Die Bedeutung des Instituts ist im Blickwinkel der aktuellen politischen Ereignisse noch einmal deutlich gestiegenen", sagt Steffi Lemke. "Der Erwartungsdruck an die Ergebnisse allerdings auch."

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