Gesundheit : Lang verschwiegene Unternehmer

Der Verein der Berliner Kaufleute beginnt die Aufarbeitung seiner NS-Geschichte mit einer Tagung zur „Arisierung“

Hans von Seggern

„Die Zeit vergeht – das Schöne bleibt. Nachdem Berthold Kempinski 1926 das Kempinski-Restaurant gründete, es 1952 nach dem großen Brand wieder aufgebaut wurde, öffnet es nun nach einem Umbau erneut seine Pforten. Die Tradition und gemütliche Atmosphäre vergangener Zeiten sind bei der Umgestaltung erhalten geblieben.“ Dieser Anzeigentext von 1980 steht für den Umgang Berliner Unternehmen mit ihrer Verstrickung in die NS-Vergangenheit. Sie wurde beschwiegen. Noch 1987 wirbt die Kempinski AG mit in den 40er-Jahren eingeführten „sozialen Errungenschaften“. 1942 heißt es, erhielten „langjährige, nicht mehr arbeitsfähige Betriebsangehörige eine Zusatzrente“. Sofern sie nicht deportiert wurden. Nur unter öffentlichem Druck hat die Kempinski AG eine Publikation zur Firmengeschichte unterstützt, die 1994 erschien.

Nach dem Mauerfall werden Besitztumsfragen, Enteignung und Restitution erneut aktuell. Aber es gibt bis heute keine umfassende Studie zu den „Arisierungen“ in Berlin. Mit etwa 3,5 Prozent jüdischem Bevölkerungsanteil war die Hauptstadt Zentrum der deutsch-jüdischen Kultur vor der „Machtergreifung“. Jetzt veranstaltete der „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller“ (VBKI) dazu im Ludwig-Erhard-Haus eine längst überfällige Tagung. Hierbei ging es dem VBKI im 125. Jahr seines Bestehens auch um eine Klärung der eigenen Geschichte. Bezeichnend bereits ein Blick auf den Mitgliederschwund, der 1933 einsetzt: Zählt der Verein als einer der wichtigsten Berliner Unternehmerorganisationen im Jahr 1932 rund 3 000 Mitglieder, bleiben 1935 unter dem Druck der gleichgeschalteten Handelskammer gerade noch 600. 1933 entlässt VBKI-Präsident Flinsch den Geschäftsführer Sternberg, der später in Auschwitz ermordet wird. An seine Stelle tritt ein SA-Mann, der, wie der Historiker Christof Biggeleben herausfand, alsbald 30 000 Reichsmark unterschlägt.

Die „jüdische Frage“ sei „kein Wohltätigkeitsinstitut für unfähige Parteigenossen“, wettert Göring noch im November 1938. Die „Arisierung“ sollte nun unter strengere staatliche Aufsicht gestellt werden. Es muss der NSDAP, deren Wahlerfolge sich nicht zuletzt aus der Wirtschaftskrise erklären, darum gehen, nicht durch die rassenpolitisch forcierte Enteignungsaktion das Heer von Arbeitslosen weiter zu vergrößern. In merkwürdigem Widerspruch zur eigenen Ideologie genehmigt man beispielsweise dem Zigaretten-Hersteller Garbaty in Pankow nach dem Verkauf an den „arischen“ Kinobetreiber Jakob Körfer die Weiterbeschäftigung eines jüdischen Mitarbeiters. Der Experte für Tabakmischung konnte für ein Jahr bleiben, um die Qualitätsstandards der Produktion zu sichern. Die hauseigene Marke „Königin von Saba“ wird auch nach dem erzwungenen Unternehmensverkauf produziert, macht aber äußerlich eine Wandlung durch: Statt des vertrauten Gesichts des Firmengründers Joseph Garbaty-Rosenthal ziert ab 1938 ein bärtiger Turbanträger die Packung.

Gängige Praxis bei den „Arisierungen“ ist die Überführung persönlich geführter Familienbetriebe in Kapitalgesellschaften, wie es sich etwa bei der Umwandlung der Firma Wertheim in die „AWAG“ zeigt. Der Berliner Zeitgenosse deutete dieses Kürzel als Hinweis auf Firmengründer Abraham Wertheim, während es von den „Ariseuren“ als „Allgemeine Warenhandels AG“ gemeint war. Nicht selten fungierten die Gläubigerbanken als Drahtzieher im Prozess der Enteignung. So etwa im Falle der Pankower Engelhardt-Brauerei. Um der Produktion des vermeintlichen „Judenbiers“ Einhalt zu gebieten, schickt 1934 die Dresdner Bank einen formal nicht angestellten „Ariseur“, der die Verhaftung des Geschäftsführers Ignaz Nacher arrangiert. In der Haft, so Dieter Ziegler, wird Nacher die Unterschrift zum Verkauf abgepresst. Bei der Ermittlung des Werts Berliner Firmen wurden die ökonomischen Auswirkungen der NS-„Rassenpolitik“ in der Regel kühl als „wertmindernd“ in die Berechnung einbezogen.

Wenn auch einer Reihe Berliner Unternehmer der Weg ins Exil gelang, blieb über Schikanen wie der „Reichsfluchtsteuer“ in etlichen Fällen das Kapital aus dem erzwungenen Firmenverkauf in Deutschland. In manchen Fällen bis heute ohne jede Entschädigung.

Ein regionales Forschungsprojekt zur Arisierung hat es bislang nur in Hamburg gegeben. Wollen die Berliner Kaufleute jetzt weiterforschen? Der VBKI fördere den Aufbau eines Berliner Wirtschaftsarchivs, heißt es. Und ein Historiker schreibt mit VBKI-Unterstützung an einer Vereins-Geschichte – im Kaiserreich.

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