• Lange Nacht der Wissenschaften: Das Gruseln des Zuschauers: Obduktion für Anfänger in der Gerichtsmedizin der Freien Universität

Gesundheit : Lange Nacht der Wissenschaften: Das Gruseln des Zuschauers: Obduktion für Anfänger in der Gerichtsmedizin der Freien Universität

Tom Heithoff

Die Dame ist tot, und der Kommissar zuckt mit den Schultern. Kein Blut auf dem Teppich. Kein Beil im Kopf. Keine Gardinenschnur um den Hals. Wie kam die Dame ums Leben? Starb sie eines natürlichen Todes oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Das ist - im Krimi wie in der Wirklichkeit - die Stunde der Rechtsmediziner. Die Rechtsmedizin ist ein Berufsstand, der uns ein wenig gruseln lässt und zugleich doch so viel Faszination besitzt, dass viele Besucher der "Langen Nacht der Wissenschaften" in einer langen Schlange geduldig auf Einlass in das FU-Institut für Rechtsmedizin warteten.

Zum einen reizt wohl die Vorstellung, einen Fuß in die Räumlichkeiten setzen zu dürfen, die normale Bürger kaum betreten. Zum anderen will man sehen, ob die Rechtsmediziner wirklich der menschlichen oder vielleicht doch eher der zombiehaften Spezies zuzurechnen sind. Wer letzteres erwartet hatte, wurde enttäuscht. Sie sind alle sehr menschlich, diese Obduktionsärzte, die im Beruf "über Leichen gehen". "Ich habe Sie gewarnt", sicherte sich Institutsleiter Professor Volkmar Schneider zu Beginn des Abends ab. Er werde "aus psychologischen Gründen" das Licht nicht vollkommen abdrehen, aber die gezeigten Dias seien auch so nicht ohne.

Keiner geht. Alle wollen wissen, wie die Arbeit dieser Mediziner aussieht. Obduktionen, die einen Großteil der Arbeit dieses Instituts ausmachen - das sind mehr als 500 Leichen pro Jahr - werden immer dann notwendig, wenn der Arzt, der den Tod eines Menschen feststellt, eine nicht natürliche oder ungewisse Todesart in den Schein von der Leichenschau einträgt. Zu den wichtigsten Erkenntnissen, die von den Rechtsmedizinern erwartet werden, zählen die Bestimmungen von Todesart, Todesursache und Todeszeit. Die Obduktion hat vor allem zu klären, ob eine fremde Einwirkung den Tod verursacht hat.

Das ist eine kniffelige Aufgabe, denn äußere Einwirkung ist, so Schneider, nicht unbedingt mit äußeren Merkmalen verbunden. "An Opfern von Würgeverbrechen sind unter Umständen gar keine Würgemale festzustellen." Auch gebe es Tötungen von Säuglingen, deren Hirngefäße durch bestimmte Schüttelbewegungen (Schütteltrauma) platzen, aber äußerlich keine Spuren von Gewalteinwirkung zeigen. Viele Tötungsdelikte würden ohne die Rechtsmedizin also fälschlicherweise unter die Rubrik "Natürlicher Tod" fallen. Und ein Mörder geht weiter frei umher...

Als das Dia eines Mordopfers - mit tief im Rücken steckendem Messer - auf die Wand geworfen wird, steigt die Erregung im Publikum spürbar. Neben grundlegender Aufklärung wird dem tapferen Publikum die Röntgenaufnahme eines Brustkorbes geboten, in den sich die tödlichen Teile einer Schrotladung verirrt hatten. Neben grundlegender Statistik - 36 Prozent der Mordopfer in Berlin werden erschlagen, 26 Prozent erschossen. Das vielleicht eindrucksvollste Bild beschreibt Professor Schneider nur mit Worten: Das Foto hätte wohl auch niemand im Saal ertragen. Es geht um den Fall eines Opfers, das nicht wie üblich durch Stich, Schuss oder Stromschlag umkam - es starb, weil es an einer Maus erstickte.

Auch wer es nicht glauben kann: Schneider macht sich für sein Fach nicht die geringsten Zukunftssorgen. "Wir können uns über Mangel an Nachwuchs nicht beklagen." Übrigens würden sich auch viele Damen für die Rechtsmedizin entscheiden. Den meisten Zuschauern jedoch dürften bei der Vorstellung, vielleicht eines Tages unter dem Messer eines Rechtsmediziners zu liegen, plötzlich übel geworden sein.

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