• Lange Nacht der Wissenschaften: Perfekte Gene. In Berlin trafen sich Briten und Deutsche, um strittige Fragen der Bioethik zu diskutieren

Gesundheit : Lange Nacht der Wissenschaften: Perfekte Gene. In Berlin trafen sich Briten und Deutsche, um strittige Fragen der Bioethik zu diskutieren

Bas Kast

In dem Science-Fiction-Film "Gattaca" (von den vier Buchstaben unseres Genoms: G, T, C und A), der in "nicht allzu ferner Zukunft" spielen soll, gehört Sex der Vergangenheit an, Menschen werden genetisch entworfen. Herzfehler, Haarausfall, Kurzsichtigkeit und andere Defekte sind mit Hilfe der Gentechnik weitgehend abgeschafft. Über Blut, Urin und Hautschuppen wird das Genprofil der Bürger überwacht. Stimmt das Profil nicht - wie bei den Hauptfiguren Irene (Uma Thurman) und vor allem bei Vincent (Ethan Hawke) -, gibt es keine Chance auf Erfolg.

Ist Gattaca ein bloßes Hollywood-Schreckensbild oder das Bild einer Zukunft, die uns bald bevorsteht?

Ethik und Genetik - mit diesen Fragen beschäftigte sich am vergangenen Freitag auch ein Diskussionsforum in der britischen Botschaft in Berlin. Im Jahr der Lebenswissenschaften, organisiert von der Verlagsgruppe Holtzbrinck und moderiert von dem "Zeit"-Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel, hatte sich britische und deutsche Forscherprominenz versammelt, um über die ethisch brisanten Fragen der Gentechnik zu streiten. Ein Streit über das technisch Machbare und das ethisch Wünschenswerte.

Der Traum von der eigenen Vollkommenheit ist vermutlich so alt wie das Menschengeschlecht selbst. Für den Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872) war auch die Idee Gottes aus diesem Traum geboren: Der Mensch, endlich, unvollkommen, fehlerhaft, schuf sich das Ewige, Vollkommene, Fehlerlose - er schuf Gott.

Die Projektion war eine Befreiung von den eigenen Unzulänglichkeiten, eine Befreiung freilich, die auf die Fantasie beschränkt blieb. Nun scheint ein Zeitalter anzubrechen, in dem sich das, was vorher nur in der Fantasie möglich war, mit Hilfe von Gentechnik und Künstlicher Intelligenz (KI) Stück für Stück in die Realität umsetzen lässt.

Einige Forscher können die schöne neue Zukunft kaum erwarten. "Werden wir das Leben kontrollieren? Ich glaube schon ... Wir alle wissen, wie unvollkommen wir sind. Warum sollten wir uns nicht ein wenig vollkommener machen?" Worte von James Watson, Entdecker der DNA, Nobelpreisträger, Gründer des Humanen Genomprojektes. Sie finden sich auf der Homepage von "Gattaca".

Auch Stephen Hawking, der britische Kosmologe und Bestsellerautor, hat bereits Anfang des Jahres in einem randvollen Saal im indischen Bombay verkündet, dass mit Hilfe der Gentechnik in Zukunft "verbesserte Menschen" geschaffen würden, "ob uns das gefällt oder nicht".

Kürzlich stufte der weltberühmte Physiker aus Oxford gegenüber dem Magazin "Focus" die uns angeborene Aggression als "ziemlich dummen Instinkt" und die auf Atomwaffen sitzende Menschheit als "nicht sehr intelligent" ein: "Die einzige diesbezügliche Hoffnung sehe ich in der Gentechnik." Nur so ließe sich auch verhindern, dass in Zukunft Roboter und KIs die Weltherrschaft übernehmen.

"Ich respektiere Stephen Hawkings sehr", sagte André Rosenthal in Berlin. "Aber in diesem Fall liegt er daneben." Rosenthal gehört zu den prominentesten deutschen Gentechnikern, dessen Team den größten deutschen Beitrag zur Aufklärung des menschlichen Genoms geleistet hat: Er und seine Gruppe entschlüsselten 50 Millionen Buchstaben der Chromosomen 8 und 21.

Auch die britische Genetikerin Anne McLaren hatte für das "Orakel von Oxford" ("Die Zeit") nur ein ironisches Lächeln übrig: "Auch große Wissenschaftler können, insbesondere wenn es nicht um ihr Fach geht, gewaltig irren."

Nein, ein Szenario, wie es Hollywood mit "Gattaca" an die Leinwand projiziert hat, steht uns nicht bevor - wenn es einen Konsens in der Forscherrunde gab, dann war es dieser.

Ansonsten wurde gestritten. Rosenthal beklagte, in Deutschland drohe die Debatte um die Gentechnik "außer Kontrolle zu geraten". Zwar hält auch er Eingriffe in die Keimbahn nicht nur für ethisch untragbar. Es sei derzeit und in absehbarer Zukunft auch "völlig unmöglich" zum Beispiel die Intelligenz von Menschen gentechnisch zu verbessern, sagte er dem Tagesspiegel. Daran sind einerseits viele - noch vollkommen unbekannte Gene - beteiligt, andererseits spielt die Umwelt eine entscheidende Rolle.

Allerdings befürwortet Rosenthal die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID). PID kann bei einer künstlichen Befruchtung angewendet werden. Dabei wird der Embryo gezielt auf einen genetischen Defekt hin untersucht, beispielsweise auf die Erbkrankheit Mukoviszidose oder darauf, ob ein Chromosom fälschlicherweise drei- statt zweimal vorliegt (Trisomie).

Mit der PID lassen sich bereits in einem sehr frühen Stadium Embryonen "selektieren", noch bevor sie in die die Gebärmutter gepflanzt werden. PID ist in Deutschland verboten, obwohl sich damit, so Rosenthal, etliche "Schwangerschaften auf Probe" vermeiden ließen.

John Maddox, der ehemalige Chefredakteur des Wissenschaftsmagazins "Nature", sagte im Zusammenhang mit der PID: "Ich denke, dass Kinder von ihren Eltern verlangen dürfen, dass diese alles dafür getan haben, um Krankheiten zu verhindern."

Jede wissenschaftliche Entdeckung, meinte Maddox, bringe erstmal soziale Veränderung und damit Widerstand hervor. Häufig wird die Technik erst später akzeptiert, und schließlich oft sogar begrüßt. Beispiel: die Reagenzglasbefruchtung.

Vielleicht schlägt auch die noch weit verbreitete Ablehnung der Gentechnik irgendwann um? "Wir müssen geduldig sein", sagte Maddox. "Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Erst wenn man mit einer Technik vertraut ist, zeigen sich die Vorteile und Defekte."

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