Gesundheit : Last Minute an die Uni

Heute endet die Bewerbungsfrist für alle Numerus-clausus-Fächer – fast alle Berliner Erstsemester sind betroffen

Anja Kühne

Der Endspurt hat begonnen: Bis heute um null Uhr können sich Abiturienten noch um einen Studienplatz in einem Numerus clausus-Fach in Berlin bewerben. Sie müssen die Unterlagen aber persönlich vorbeibringen – denn der Poststempel wird nicht anerkannt. Neue Hoffnungen gibt es für Bewerber, deren Abiturnote eher mittelmäßig ist und die befürchtet hatten, dass sie in Berlin überhaupt keine Chance haben. Denn den totalen Numerus clausus, wie ihn die Unis wollten, hat die Wissenschaftsverwaltung gekippt.

Schon letzte Woche wurde bekannt, dass die Technische Universität in über zehn Fächern alle Bewerber aufnehmen muss. Seit Montag wissen auch die Freie und die Humboldt-Universität, dass sie auf den Ansturm nicht mit einer Vollbremsung reagieren dürfen. An der FU werden sieben Fächer zulassungsfrei bleiben. An der HU sind es 13 (zur Übersicht über alle in Berlin zulassungsfreien Fächer siehe Kasten).

Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Denn die Unis wollen in mehreren Fächern in die Revision gehen. Für die Abiturienten ist die Lage daher unsicher. Anstatt darauf zu vertrauen, dass es bei der Zulassungsfreiheit bleibt, und sich erst im September einzuschreiben, sollten auch sie ihre Bewerbung schon bis zum 15. Juli abgeben. Denn womöglich ändert die Verwaltung bei der zweiten Prüfung ihr Urteil, wenn die Unis plausibel machen können, dass die Kapazitäten tatsächlich nicht groß genug sind, um alle Bewerber aufzunehmen. Dann werden diese Fächer nachträglich mit NC belegt, der Stichtag bleibt der 15. Juli.

Selbst wenn die Verwaltung den NC in einigen Fächern verhindert hat, sind die Chancen für Erstsemester schlechter geworden, in Berlin zu studieren. An der FU etwa sind nun sieben von 100 Studiengängen vom NC ausgenommen – vor einem Jahr waren es noch 20. Aber schon damals musste die FU nach eigenen Angaben 10 000 Bewerbern absagen. Jeden Winter bewerben sich an den drei Unis insgesamt rund 40 000 Erstsemester. Schon vor einem Jahr konnten nur rund 15 000 Bewerber akzeptiert werden.

Reichte noch im Wintersemester vor zwei Jahren eine 1,4 im Abitur für Biochemie, war die Hürde ein Jahr später nur noch mit einer 1,2 zu schaffen. Bei dem beliebten Studiengang Deutsch auf Lehramt reichte vor zwei Jahren noch eine 2,5 – ein Jahr später nur noch eine 2,2. Der Berliner Abi-Durchschnitt liegt je nach Jahrgang zwischen 2,5 und 2,7. In Germanistik mit dem Ziel Magister gab es an der FU in der Vergangenheit einen NC, der nur der Abschreckung dienen sollte. An der HU waren vorher zwei Drittel der Studiengänge zulassungspflichtig, jetzt werden es etwa drei Viertel sein. 60 von 400 Professuren kann die Uni aus Geldmangel nicht wieder besetzen. An der TU steigt die Zahl der NC-Fächer von 75 auf 80 Prozent. Wegen der Studienreform in Jura werden auch hier weniger Bewerber zugelassen als bislang, sagt Brigitte Reich aus der Senatsverwaltung.

Wer eine Zusage hat, wird ab August informiert – vielleicht auch noch deutlich später: „Es kann sein, dass wir unter vorsorglichen Bewerbungen ersticken“, sagt Joachim Beckmann, an der HU zuständig für Studienangelegenheiten. „Die Lage ist nicht beherrschbar.“ Viele werden sich vorsichtshalber an mehreren Unis bewerben, weil der NC dort unterschiedlich hoch liegen kann. So werden viele Bewerber noch als Nachrücker eine Chance bekommen.

Die Universitäten geben der Sparpolitik des Senats die Schuld an der Situation. Auf manche Professoren kämen bereits 200 Studenten. Die Meinung über diese Maßnahme an den Unis ist aber geteilt. Gerade die naturwissenschaftlichen Fakultäten, die sich lange um mehr Nachwuchs bemüht haben, fürchten nun die abschreckende Wirkung des NC, berichtet Patrick Thurian, Controller für Lehre und Studium an der TU.

Joachim Beckmann von der HU sieht in der Entscheidung der Wissenschaftsverwaltung, den totalen NC zu stürzen, eine „Katastrophe“. Er befürchtet, dass es jetzt einen gewaltigen Ansturm auf die NC-freien „kleinen“ Fächer gibt. Weil es sich dabei nicht um echte Interessenten an der Japanologie oder der Semitistik handelt, würden bald viele Abbrecher registriert werden – schlecht für die Unis, die einen Teil der finanziellen Zuwendungen vom Senat nach ihrem Erfolg gezahlt bekommen.

An den Unis befürchtet man auch, dass viele Studenten, die in den NC-freien Fächern parken werden, dabei einfach Scheine in Studiengängen erwerben, in die sie wegen des NC nicht gekommen sind. Schon mancher habe so vollendete Tatsachen geschaffen und doch noch sein Wunschfach studiert. Die sicherste Reaktion für abgelehnte Studienbewerber ist aber, ihr Studium zunächst an einer Uni außerhalb Berlins zu beginnen, wo das Fach NC-frei angeboten wird. Vielleicht lässt sich dann später noch einmal zurück nach Berlin wechseln – es sei denn, für die höheren Semester gilt dann auch der NC.

Bewerbungen bis um Mitternacht:

FU: Vollständige Unterlagen einschließlich Gebühren sind im Zulassungsnachtdienst, Iltisstr. 1, einzureichen. HU: Unterlagen beim Pförtner im Hauptgebäude, Unter den Linden 6, abgeben. TU: Unterlagen in den Briefkasten im Hauptgebäude, 17. Juni 135.

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