Gesundheit : Laune

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Gehört die Laune wirklich zu den Wertsachen? Launige Zeitgenossen sind entweder ziemlich heitere Figuren, die man nicht immer wirklich gut ertragen kann, oder gerade verdrießliche, etwas mufflige, eben nicht heitere Menschen, die man auch nicht ständig um sich haben mag. Launig kann schnell launisch werden. Entsprechend negativ besetzt war das Wort lange Zeit. Es leitet sich nach Ansicht der Gebrüder Grimm vom lateinischen Wort für den Mond, luna, ab: Wie dieser mal aufgeht und dann wieder untergeht, so kommen und gehen die Launen als augenblickliche Stimmungen des Gemüts, beispielsweise die Launen der Verliebten. Rasch wandelbar wie ein sensibles Gemüt ist auch das Glück, „diese launische unerklärbare Macht, die man Glück oder Zufall nennt“ (Wieland). Gegenwärtig droht dagegen an manchen Orten geradezu ein Terror der guten Laune: Möchten wir wirklich zum Tagesbeginn ein „Gute-Laune-Radio“ hören oder abends durch zehn „Gute-Laune-Fragen“ („Was mache ich besonders gerne?“) „negative Gefühle“ überwinden?

Und doch, wie wäre die Welt, wenn niemand mehr zu etwas Laune hätte? „Von der Gleichmütigkeit“, schreibt Kant, „unterscheidet sich die launische Sinnesart.“ Und wie Recht da der Mann aus Königsberg doch hat: Eine Seminarrunde in der Universität, die die großen Schätze von Literatur, Musik und Kunst völlig gleichmütig nimmt, gleichgültig bleibt, für nichts Lust und Laune hat – der Albtraum eines jeden Professors. Eine übersättigte Generation, die alles schon kennt und auf nichts mehr neugierig ist, zu jeder Sensation schon eine ungleich größere erlebt hat und leicht gelangweilt reagiert – ein noch größerer Albtraum eines jeden Musikers, einer jeden Schauspielerin. Ein heute nur noch wenig bekannter Autor des achtzehnten Jahrhunderts beschreibt, dass man vor Werken der Malerin Angelika Kaufmann „unversehens in die sanfte elegische Laune der Künstlerin“ geraten könne.

Dass Bildung und Kunst auf eine solche Weise verschiedensten Menschen verschiedenste Launen machen, hofft man nicht nur von Werken der Kaufmann. Und so wird in einer Gesellschaft von Gleichgültigen die Laune, die früher nicht unbedingt im Tugendkatalog der bürgerlichen Gesellschaft stand, plötzlich zu einer Wertsache.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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