Gesundheit : Lausbuben in Mädchengestalt

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Von Rolf Degen

Sie spielen lieber mit Autos, Bällen oder Legosteinen als mit Puppen. Viele von ihnen sind kleine Raufbolde, die kurze Haare tragen und es vorziehen, mit Jungs herumtollen, anstatt sich mit ihren Geschlechtsgenossinnen abzugeben. Wenn die Ergebnisse der Wissenschaft nicht trügen, brauchen sich Eltern keine Sorgen um die psychische Entwicklung dieser knabenhaften und spröden Mädchen zu machen, die man im Volksmund als „Wildfang“ bezeichnet.

Das „Lausbubenverhalten“ von Mädchen, die sich in der Kindheit eher zu Jungs und ihren Spielen hingezogen fühlen, fällt in der Sprache der Psychologen unter das „nonkonforme Geschlechtsrollenverhalten“. Das ist eine Beschreibung für Jungen und Mädchen, die sich weniger für die „typischen“ Vorlieben ihres Geschlechtes interessieren und mehr dem entgegengesetzten Pol nacheifern.

Nach den neuesten Beobachtungen der Wissenschaftler lehnen aber Wildfänge die typisch mädchenhaften Verhaltensweisen nicht rundum ab. Die „Lausbübinnen“ haben einfach ein größeres Verhaltensrepertoire als andere und sind weniger auf ihre Geschlechtsrolle fixiert. „Sie lieben jungenhafte und mädchenhafte Aktivitäten, sie beziehen ihr Amüsement aus Spielzeuglastwagen und aus Puppen“, hält die amerikanische Psychologin Betsy Levonian-Morgan fest.

Psychologen, die die Persönlichkeit von Wildfängen in Testreihen untersuchten, konnten keine erwähnenswerten Unterschiede zu ihren Altersgenossinnen feststellen. Allerdings geht das nonkonforme Geschlechtsrollenverhalten bei Jungen und Mädchen mit einem besseren analytischen Denken, mehr Kreativität und einer erhöhten allgemeinen Intelligenz einher. „Bei Mädchen ist dieser Zusammenhang sogar noch robuster als bei Jungen“, hebt der Psychologieprofessor Richard Lippa von der California State University, Fullerton hervor.

Spott und Verachtung

Wildfänge kommen sowohl bei ihren männlichen als auch bei ihren weiblichen Gefährten sehr gut an. Sie werden von Gleichaltrigen in der Regel als beliebte und hilfsbereite Kameraden beschrieben, die sich auch gut für die Rolle als Anführer eignen. Ihre männlichen Contraparts, die mädchenhaften „Milchbuben“, ziehen sich dagegen häufig den Spott und die Verachtung ihrer Umgebung zu. Sie sind daher oft unglücklich und depressiv und kapseln sich von der Gruppe ab. Milchbuben müssen sich darüber hinaus besonders oft einer Psychotherapie unterziehen.

Die größere Akzeptanz gegenüber der weiblichen Nonkonformität spiegelt sich auch im Verhalten der Eltern wider, sagt die US-Sexualwissenschaftlerin Holly Devor: Die meisten Väter und Mütter lassen ihren Töchtern die maskulinen Anwandlungen durchgehen, „auch wenn sie eigentlich lieber ein feminines Verhalten sehen würden“. Die relativ hohe Toleranz hängt ihrer Ansicht nach damit zusammen, dass das Wildfang-Verhalten als Durchgangsphase gilt, die mit Beginn der Pubertät von alleine verschwindet. „Es ist eine Tatsache, dass sich die überwiegende Mehrheit der Wildfänge später mit ihrer femininen Seite identifiziert und ein Faible für männliche Geschlechtspartner entwickelt.“

Für einige Eltern ist der Gedanke zwar bedrohlich, dass das „unweibliche“ Verhalten ihrer Töchter Vorbote einer lesbischen Orientierung sein könnte. Dennoch gibt es dafür kaum stichhaltige Belege. „Die meisten Wildfänge werden später heterosexuell, auch jene, bei denen das nonkonforme Geschlechtsrollenverhalten extrem ausgeprägt ist“, berichtet Devor.

Umgepoltes Hirn

Umgekehrt hat eine Langzeitstudie an „Milchbuben“ gezeigt, dass drei Viertel der Knaben, die sehr feminine und sanfte Züge trugen, im Erwachsenenalter eine homosexuelle oder bisexuelle Orientierung annahmen. Nach Ansicht mancher Autoren ist dieses „Sissy Syndrom“ (Milchbuben-Syndrom) ein Zeichen dafür, dass bestimmte Hirnzentren, die die Geschlechtsidentität bestimmen, durch die vorgeburtliche Einwirkung von Sexualhormonen „umgepolt“ wurden.

Sicher ist, dass sich viele ehemalige Wildfänge als erwachsene Frauen durch ein hohes Maß an Selbstvertrauen und Durchsetzungsfähigkeit auszeichnen, so die Psychologin Levonian-Morgan. Die allgemeine Tendenz, sportlich zu sein und auf die eigene körperliche Leistungsfähigkeit zu bauen, setzt sich ebenfalls bis ins Erwachsenenalter fort.

Ein Wesenszug, in dem sich Erwachsene unterscheiden, ist die „soziosexuelle Orientierung“. Personen mit uneingeschränkter Libido benötigen weniger Bindung, um intim zu werden, wechseln ihre Partner häufiger und leisten sich auch in der Fantasie mehr „Abstecher“. Soziosexuell zurückhaltendere Individuen sind dagegen eher auf einen festen Partner fixiert und werden erst nach einer längeren Zeit intim.

Der Psychologe J. Michael Bailey von der Northwestern Universität in Evanston hat die psychologischen Merkmale von „aufgeschlossenen“ und „zugeknöpften“ Frauen untersucht. Die erfahrungshungrigen Frauen, die im Durchschnitt bereits mit 57 Männern Sex hatten, erinnerten sich häufiger an eine Wildfang-Vergangenheit als ihre eingeschränkten Antipoden, die es gerade einmal auf vier Sexualpartner brachten.

Ähnlich wie Lesbierinnen sind aber auch soziosexuell uneingeschränkte Frauen eine relativ kleine Gruppe, so dass sich kein zwingender Zusammenhang zwischen Wildfang-Verhalten und Uneingeschränktheit konstruieren lässt. Die aufgeschlossenen Frauen befanden sich übrigens nicht nur selbst für attraktiver, auch die Interviewer billigten ihnen einen höheren Sex-Appeal zu.

Sexualhormon Testosteron

Wie das Wildfang-Verhalten überhaupt entsteht, ist noch ungewiss. Experten vermuten, dass die Konzentration des männlichen Sexualhormons Testosteron während der Schwangerschaft eine große Rolle spielt.

Melissa Hines, Psychologin an der Universität Los Angeles, hat kürzlich das Testosteron im Blut schwangerer Frauen gemessen. Frauen mit hohen Konzentrationen des männlichen Faktors brachten tatsächlich knabenhaftere Mädchen zur Welt. Bei den Müttern mit wenig Testosteron war der weibliche Nachwuchs dagegen sehr feminin geprägt.

Allerdings war auch ein Wechselspiel zwischen Anlage und Umwelt zu erahnen: Wildfänge hatten mehr ältere Brüder und Eltern, die sich selbst sehr maskulin verhielten. Man kann sich zumindest vorstellen, dass sich diese „vermännlichte“ Welt auf die Mädchen auswirkt.

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