Gesundheit : Leben im Untergrund

Mehr als die Hälfte des Trinkwassers kommt aus dem Grundwasser – dem Lebensraum vieler exotischer Wesen

Peter Düweke

Manchmal steigt ein fremdartiges Wesen aus der Unterwelt auf: die Haut hell wie die eines Nordeuropäers, aalförmig mit vier Füßchen. Zwei rote Büschel zieren hinten den breiten hechtförmigen Kopf, Augen sind nicht zu sehen. Menschen im Mittelalter hielten das Tier für die Larve eines Lindwurms, für ein Drachenbaby, das aus dem Bauch der Erde kam.

Der Grottenolm lebt heute ausschließlich im Dinarischen Karst in Slowenien und Kroatien. Ein bekannter Fundort ist die Adelsberger Grotte südlich von Ljubljana. In der Hermannshöhle im Harz wurde das Tier ausgesetzt.

Der Grottenolm ist eine biologische Kuriosität. Zeitlebens behält er seine Kiemen und verwandelt sich nicht wie andere Amphibien in ein landlebendes Tier mit Lungen. Er kann jahrelang hungern, ist blind, seine Augen sind unter der Haut verborgen.

„Stygobionte“ nennen Fachleute die Bewohner des Grundwassers nach Styx, dem Fluss der Unterwelt in der griechischen Sage. Erst in den letzten Jahrzehnten ist klar geworden, dass es sich beim Grundwasser um einen echten Lebensraum mit einer eigenen Tierwelt handelt. Mikroorganismen bilden die Basis für das Leben im Untergrund, einer finsteren und nährstoffarmen Welt, in der Pflanzen vollkommen fehlen.

In Europas Grundwässern sind 2000 Tierarten nachgewiesen, darunter 500 in Deutschland. Doch Biologen weisen laufend weitere Tierspezies im Grundwasser nach. Zwischen 1978 bis 1998 hat sich ihre Anzahl verdoppelt. Es sind überwiegend Winzlinge von weniger als einem Millimeter Länge.

Krebstiere haben in allen Gewässern der Erde eine phantastische Vielfalt an Körperbautypen und Lebensstrategien hervorgebracht. Im Grundwasser finden sich gekrümmte Höhlenflohkrebse, platte Wasserasseln, Ruderfußkrebse mit Vorderantrieb, Muschelkrebse mit Schalenklappen. Daneben gibt es Schnecken, Würmer und Süßwassermilben. Außerhalb Europas hat man mehr als 70 Höhlenfische entdeckt, den größten in Australien. Der Kontinent besitzt die reichste Grundwasser-Fauna. Zoologen fanden dort in kurzer Zeit allein 18 unbekannte Wasserkäfer.

Die Grundwasservorräte der Länder sind gewaltig: 30 Prozent des gesamten Süßwassers ist Grundwasser. Der Ökologe August Thienemann bezeichnete im Jahr 1925 das Grundwasser als „Sparbüchse, aus welcher fortwährend der Wasserschatz der Flüsse, Seen, Teiche, Sümpfe ergänzt wird, falls die Zufuhr durch Regen und Schnee versagt“.

Lange Zeit war Leben im tiefen, stockfinsteren Grundwasser kaum vorstellbar. Es gibt kaum Sauerstoff zum Atmen und buchstäblich nichts zu knabbern. Im Gegensatz dazu ist der obere belüftete Boden ein Tummelplatz für abbauende Mikroorganismen und Kleintiere. Die Organismen im tiefen Grundwasser ernähren sich bildlich gesprochen von dem, was vom Tisch runterfällt und bei ihnen ankommt: kleinste Mengen organischer Stoffe, die mit dem Wasser aus oberen Bodenschichten einsickern. Bakterien nehmen gelöste Stoffe im Wasser auf, Brunnenschnecken weiden Biofilme aus Bakterien vom Sediment ab.

Höhlenflohkrebse von zwei Zentimeter Länge gehören bei uns schon zu den Riesen. Vor einigen Jahrzehnten wurde das Sandlückensystem als Lebensraum für Kleintiere am Grund der Meere, Flüsse und Seen entdeckt. In den Lücken zwischen einzelnen Sandkörnern finden passend geformte Winzlinge Schutz und Halt. Essbare Schwebeteilchen werden mit dem Wasser geliefert.

Die Tiere im Grundwasser führen ein bescheidenes, ruhiges Leben. Stetige Wechsel der Umwelt sind ihnen unbekannt. Das Wasser ist meist zwischen acht und zehn Grad warm, Tag und Nacht sind eins, Jahreszeiten gibt es ebenso wenig wie begrenzte Fortpflanzungszeiten. Die Reproduktion in der nahrungsarmen Tiefe verläuft extrem langsam. Doch dafür werden die Tiere älter als ihre Verwandten oben.

Manche Forscher vermuten, dass Grundwassertiere bei uns erst durch die Eiszeiten entstanden, also noch recht jung sind. Als Seen und Flüsse vereisten und Gletscher sich vorschoben, fanden einige Süßwassertierchen Asyl im wärmeren Untergrund. Einem kleinen Teil gelang es, sich dem Leben unter der Erde anzupassen. Echte Stygobionte können oberirdisch nicht mehr dauerhaft existieren. Wenn zum Beispiel der Höhlenflohkrebs in Quellen und Bäche gelangt, unterliegt er im Wettbewerb mit dem weit verbreiteten Bachflohkrebs.

Mehr als die Hälfte des Trinkwassers in Deutschland wird aus Grundwasser gewonnen. Daher ist es als Ressource gesetzlich geschützt. „Tiere und Bakterien halten es rein von organischen Substanzen und sorgen für seine hohe Qualität“, sagt der Münchener Experte Peter Rumm. Daher fordern jetzt Wissenschaftler von der Politik, das Grundwasser auch als Lebensraum zu schützen.

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