Gesundheit : Leben ohne Lungenmaschine

Wer für längere Zeit künstlich beatmet wurde, muss das freie Luftholen erst wieder lernen Der Prozess der Entwöhnung heißt „Weaning“. Monika Wieczorek aus Spandau hat ihn mitgemacht.

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Hat das Lachen nicht verlernt. Monika Wieczorek kommt heute fast ohne Beatmungsmaschine aus, nur eine Sauerstofftherapie braucht sie noch. Foto: Thilo Rückeis
Hat das Lachen nicht verlernt. Monika Wieczorek kommt heute fast ohne Beatmungsmaschine aus, nur eine Sauerstofftherapie braucht...

Trotz allem kann Monika Wieczorek noch lachen. Obwohl vor 26 Jahren ein Gefäß in ihrem Hirn platzte und sie aufgrund der massiven Blutung die Fähigkeit verlor, zu sprechen. Nur einzelne Worte, ihren Namen, ihr Alter kann sie noch sagen. Vor 70 Jahren wurde sie in Wedding geboren, heute lebt sie mit ihrem Ehemann Manfred in Spandau. Vor zehn Jahren hatte sie einen Schlaganfall, seither muss sie im Rollstuhl sitzen. Als ob das noch nicht genug wäre, wurde sie im Dezember 2007 mit einer schweren doppelten Lungenentzündung, hervorgerufen durch MRSA-Keime, in die Evangelische Lungenklinik Buch eingeliefert. Seither sind vier Jahre vergangen, jetzt sitzt sie wieder hier, mit Ehemann und Tochter Daniela, beide erzählen die Krankengeschichte der Gattin und Mutter. Monika Wieczorek sitzt daneben, sie atmet still, frei – und alleine. Wenigstens das.

Denn dazu sind viele nach einer schweren Operation nicht mehr in der Lage – weil sie künstlich beatmet werden. Auch Monika Wieczorek bekam, während ihre Lungenentzündung mit Antibiotika behandelt wurde, eine Trachealkanüle. Das ist ein Schlauch, der über einen kleinen Schnitt am Hals direkt in die Luftröhre eingeführt wird. Ein sogenannter Respirator bringt Sauerstoff in die Lungen und sorgt dafür, dass das Kohlenstoffdioxid auch wirklich ausgeatmet wird. Bis Februar 2008 musste Monika Wieczorek in der Lungenklinik bleiben, in dieser Zeit unterzog sie sich einem Prozess, den Mediziner „Weaning“ nennen ( von Englisch „to wean“: abgewöhnen, abstillen). Denn rund zehn Prozent aller Patienten, die über einen längeren Zeitraum künstlich beatmet wurden, können danach nicht mehr ohne Weiteres alleine atmen. Ihre Atemmuskulatur hat sich zurückgebildet. Sie sind abhängig vom Respirator geworden.

In der Lungenklinik Buch befand sich Monika Wieczorek am richtigen Ort. Dort hat man sich schon seit einigen Jahren auf Entwöhnung konzentriert. 2006 wurde das Zentrum für Beatmungs- und Schlafmedizin eröffnet, das auf Weaning spezialisiert und dafür auch von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie zertifiziert worden ist. Es ist das zweite Haus in Berlin mit einer derartigen Auszeichnung, noch eher dran war die Medizinische Klink mit Schwerpunkt Infektiologie der Charité. 20 Betten hat das Zentrum in Buch, zehn davon sind aufgrund ihrer technischen Ausstattung für die Betreuung von Weaning-Patienten geeignet. Bundesweit gibt es bisher 14 zertifizierte Weaning-Stationen. Diese müssen bestimmte Kriterien erfüllen, etwa die Betreuung der Patienten durch ausgewiesene Spezialisten. Außerdem müssen sie die Erfolge in der Beatmungsentwöhnung durch entsprechende Fallzahlen belegen.

Der medizinische Fortschritt der letzten Jahrzehnte hat dazu geführt, dass viele Menschen älter werden, dass aber auch bestimmte Leiden – oder eine Kombination von Leiden – im Alter häufiger auftreten. Künstlich beatmet werden müssen vor allem Patienten mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD), mit neuromuskulären Erkrankungen oder schwer Herzkranke. Patienten, die danach nicht von der Beatmungsmaschine loskommen, binden auf einer Intensivstation enorme Ressourcen. „Deshalb entstanden vor etwa 10 Jahren die ersten auf Weaning spezialisierten Abteilungen“, erzählt Barbara Wiesner, Oberärztin der Pneumologie und Leiterin des Zentrums für Beatmungsmedizin in Buch. „Ihr Ziel war vor allem, die Intensivstationen zu entlasten. Weaning-Zentren folgen einer anderen Philosophie. Sie können den Patienten viel Zeit und Geduld widmen.“

Wie genau funktioniert Weaning? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wird der Druck des Respirators schrittweise gesenkt, so dass der Patient langsam lernt, wieder selbst zu atmen, oder er wird, unter ärztlicher Aufsicht und für einen begrenzten Zeitraum, komplett von der Maschine getrennt. „Dabei lassen wir den Respirator trotzdem eingeschaltet“, erklärt Barbara Wiesner. „Das rhythmische Geräusch, das ,Puff-Puff’ vermittelt ein Gefühl der Sicherheit.“ Wie lange der Prozess der Entwöhnung dauert, ist je nach Patient verschieden und hängt von der Grunderkrankung ab, es können vier bis sechs Wochen sein, aber auch bis zu drei Monate.

Während der ganzen Zeit werden Atem- und Herzfrequenz sowie die Sauerstoffsättigung des Blutes gemessen. Unterstützt wird dieser Prozess von verschiedenen begleitenden Maßnahmen, etwa Physiotherapie oder Logopädie, denn viele Patienten müssen erst wieder lernen, zu schlucken. Auch Ernährungsberatung gehört dazu, denn es kann sein, dass der Patient aufgrund der künstlichen Beatmung wochenlang auch künstlich ernährt werden musste.

Monika Wieczorek kam nach ihrer Behandlung in eine vierwöchige Rehabilitation, am 15. April 2008 wurde ihre Trachealkanüle entfernt. Auch zu Hause in der Wohnung wird sie weiter betreut – von einem spezialisierten Pflegedienst, aber auch von ihrem Ehemann. Der Pflegedienst kümmert sich um Hygiene, sorgt für ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit und unterstützt die Angehörigen bei der Anwendung der Beatmungsmaschine. Denn noch immer braucht Monika Wieczorek wegen ihrer chronisch obstruktiven Bronchitis eine Atemmaske, wenn auch nur nachts. Manfred Wieczorek hilft ihr beim Anlegen. Gibt es Schwierigkeiten, kann er Tag und Nacht in der Lungenklinik anrufen.

Seinen Beruf als Kraftfahrer hat er aufgegeben, um seine Frau zu pflegen. Trotz der enormen Belastung ist er glücklich, dass sie am Leben ist. „Als Monika die doppelte Lungenentzündung bekam, haben wir schon um die Wette geweint und wollten die Beerdigung organisieren“, erzählt er. Dazu ist es dann doch nicht gekommen. „Wir sind dankbar und stolz auf das, was Frau Wiesner aus einer Todeskandidatin gemacht hat. Aber es funktioniert nur, wenn die Patientin zu hundert Prozent mitmacht.“ Für Barbara Wiesner ist „Frau Wieczorek sicher unsere Vorzeigepatientin.“ Die so Angesprochene kann zwar nichts darauf erwidern. Aber sie strahlt und spricht mit den Augen. „Na, seht her, geht doch“, scheint sie zu sagen. Resolut. Dass sie aus Wedding kommt, merkt man immer noch.

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