Lebertran : Schluck!

Schon zum Frühstück nehmen die Isländer ein Stück Kabeljau zu sich – in Form von Lebertran. Und vielleicht verdanken sie diesem öligen Trank ihre Zähigkeit.

Deike Diening

Sie tun es nicht in der Öffentlichkeit. Sie tun es privat. Als Erstes morgens früh und die Hälfte der Tage im Dunkeln. Niemand sieht ihnen zu, und doch wissen sie: Die anderen tun es auch. Sie haben Tricks entwickelt, wie sie das Aufstoßen verhindern, darauf kommt es an. Sie schwören auf einen Orangensaft direkt hinterher, oder darauf, die Milch von den Cornflakes auf dem Löffel um das Öl herumlaufen zu lassen und dann ganz schnell hinunter damit.

Ja, sagt der Präsident des Landes, Lebertran ist Teil der isländischen Identität. Ja, sagen Eltern, sagt eine Politikerin, ein 19-jähriger Modedesigner, oder wie sonst erkläre man sich diese erstaunliche Kreativität? Als hätten sie die mit Löffeln gefressen. – Und genau so ist es, sagen sie. Jeden Tag einen, um genau zu sein. Ist jeder Isländer geschmiert?

Eine Supermarktkassiererin klingt plötzlich, als verrate sie ein Geheimnis, dabei steht der Lebertran direkt neben dem Camembert im Kühlregal. Der Handel räumt ja nicht einem Produkt eine zentrale Stelle im teuren Kühlregal ein, ohne Umsatz.

Für den ganzen Körper sei er gut, sagt die Kassiererin. Urlaub in Spanien nie ohne. Sie tippt sich an die Stirn, „fürs Gehirn“. Vitamin D für die Knochen, A für die Augen. „Je schlechter er schmeckt, desto besser“, sagt sie. Es klingt beinahe lasziv. Es muss ein tiefgehendes Verhältnis sein, zwischen den Isländern und ihrem Lebertran.

Der Lebertran führt eine leise, aber wirkungsvolle Existenz. Das kleine, stinkende Geheimnis der Isländer ist in aller Munde, sozusagen: der Lebertran wie die Legenden über seine Wirkung: Eine Allzweckwaffe. Als die internationale Begeisterung an den ungesättigten Omega-3-Fettsäuren aufkam, schien die Wissenschaft nur zu beweisen, was die Isländer längst wussten. In diesem Jahr wurde bewiesen, dass Lebertran gegen Depressionen hilft. Der Absatz stieg auf der ganzen Welt. Die Isländer liefern in 67 Länder, 90 Prozent der isländischen Produktion sind für den Export bestimmt.

Im Gewerbegebiet hinter dem Hafen hinter einem Campingbedarf, direkt an der Mole, dahinter wellt sich nur noch die See. Closed Circuit Videoüberwachung. Eine Auszeichnung in diesem Jahr wegen der Verdienste um den isländischen Export. Silberfarbene Tanks vor der Fabrik. Der Fischgeruch passt zur Farbe der See.

Die Firma Lysi hält das Monopol der isländischen Lebertranproduktion, der letzte Konkurrent ging vor zwei Jahren ein. Lysi, sagt der Marketingchef Adolf Ólason, ist ein Firmenname, der inzwischen als Synonym für das Produkt benutzt werde. Ein Drittel des weltweit gewonnenen Lebertrans wird hier dem Kabeljau aus der Leber gepresst, gereinigt, geruchsneutralisiert und auf Flaschen gezogen. Die Firma hat 100 Angestellte. Adolf Ólason ist der Verkaufsleiter Consumer Products.

Auf dem Tisch stehen trockene Kekse, wie in allen Konferenzräumen der westlichen Welt. Von der Wand schaut der Großvater der Chefin. Natürlich in Öl. Es ist ein schmaler Mann mit einem undurchdringlichen, ernsten Gesichtsausdruck, der in Geschäftskreisen für Seriosität steht, dem man aber nicht entnehmen kann, ob er etwa doch auf die kürzliche Einnahme von Lebertran zurückzuführen ist. 1938 hat er den Betrieb gegründet. Ein Familienbetrieb. Und eine ernste Sache. Wer schafft es schon, ein Produkt herzustellen, von dem dann ein ganzes Volk glaubt, ihm seine Widerstandskraft und Kreativität zu verdanken? Ein Traum von einem Produkt, sagt Ólason, nur positive Assoziationen!

„Der isländische Mann ist der älteste seiner Art“, sagt Ólason. Seine durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei knapp 80 Jahren. Auch er selbst rechnet sich Chancen aus. Auch er selbst nimmt ja das Elixier. Hier im Büro hat er eine Flasche in der Schreibtischschublade. „Das größte Problem ist heute, dass die Leute einfach vergessen, es zu nehmen.“ Der Verkaufsleiter Consumer Products weiß, dass die Endverbraucherprodukte seiner Fabrik nur einen Bruchteil des Produktionsvolumens ausmachen, aber den meisten Gewinn bringen. Der Verkaufsleiter sagt, gemessen an den Produkteigenschaften wäre es gar nicht mehr nötig, den Lebertran zu kühlen. Aber in den Supermärkten steht er schon immer bei den Molkereiprodukten und profitiert von den schnellen Umsätzen der Milch, niedrigschwellig, so alltäglich wie der Camembert. Ich bin ein Lebensmittel, kein Medikament, sagt es. Man kann damit nichts falsch machen, sagt Ólason. Es schade nie, und er persönlich, anders als viele, habe mit dem Aufstoßen nie Probleme.

Ein einziges Mal brach der Absatz ein, in den 50ern, als es plötzlich chemisch hergestellte Vitamintabletten gab. Kurz dachten die Leute, sie kämen um das Öl herum. In den 80ern entdeckten sie dann Dioxine im Tran, die haben sie schnell herausgezogen. Bleibt noch das Fischsterben. Für Lysi muss kein Kabeljau sterben, sagt Ólason. Die Überfischung sei nicht sein Problem. Er verwertet nur die Reste, und die ziemlich komplett. Die getrockneten Fischköpfe, zählt er auf, gehen als Proteinlieferant nach Nigeria, Fleisch und Knochen werden zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet. Japaner und Koreaner interessieren sich für die Mägen, die sie marinieren und frittieren wie andere Calamares.

Nur die Deutschen erinnern sich ungern. Mit verzerrten Gesichtern erzählen sie vom Nachkriegs-Lebertran. „Sehr wahrscheinlich kam der von uns“, sagt Òlason stolz. Island hat nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg Lebensmittel gespendet – und Lysi hat dem Roten Kreuz Lebertran geliefert. Hamburg schickt noch heute jedes Jahr aus Dankbarkeit einen Weihnachtsbaum nach Reykjavík.

Die Gewöhnung, die in Deutschland nie gelungen ist, verlaufe in Island in Zyklen, Kinder werden früh auf den Geschmack geeicht. Ab sechs Monaten mischen ihnen die Eltern ein paar Tropfen ins Essen. Später flößen die Erzieher in den Kindergärten und Vorschulen den Kindern Lebertran ein. Als Teenager verlieren sie zwar die Lust, sagt Ólason, doch wenn sie selber Kinder bekommen, erinnern sie sich daran, dass ihre Verantwortung nun auch darin besteht, ihren Kindern Lebertran einzuflößen.

Island zerfällt dann in zwei Teile: Da sind diejenigen, die es täglich nehmen, die andern haben ein schlechtes Gewissen, weil sie es nicht tun. Sie weichen ertappt zurück, wenn man sie drauf anspricht. Einige nehmen es nur im Winterhalbjahr. Insgesamt aber, so scheint es, reiht sich diese Eigenart in eine lange Reihe der erfolgreichen Überwindungen, die sich in Island problemlos bis zu einem lustvollen Masochismus steigern können.

Da ist die zeitgenössische Überwindung, die den Bewohnern der Insel nahezu täglich abverlangt, sich in fettgeschwängerter Luft von etwas Frittiertem zu ernähren, wahlweise von Hot Dogs. Das allerdings ist noch gar nichts gegen die historische Überwindung, die verlangte, dass sie sich Trockenfisch, einen angesengten Schafskopf inklusive Augen, Widderhoden und vergammelten Hai zuführten. Traditionelle Speisen, die heute vor allem als Touristenschreck funktionieren.

Zwar ist über Island in den letzten Jahren ein sagenhafter Reichtum hereingebrochen, aber die Insel war einmal so arm, dass man auch den giftigen Beifang der Kabeljau-Fischerei nicht wegwerfen wollte. Die Isländer wollten den Grönlandhai verwenden, auch wenn er keine Nieren hat und deshalb seine giftigen Stoffwechselprodukte nicht selber ausscheiden kann. Sie ließen ihn einfach liegen. Er vergammelte. Sein Ammoniak verflüchtigte sich dabei. Er stank zum Himmel, aber nach einigen Monaten konnte man ihn essen.

Dem Lebertran wird nach immer raffinierteren Verfahren sein Schrecken entzogen: der Geruch, der Geschmack, die Farbe. Er schmeckt nach allem Möglichen, seitdem sie die Aromen Himbeere und Zitrone zusetzen. Ganz zu schweigen von den Kapseln. „Das ist die Frauenvariante“, sagt Ólason verächtlich. Männer tränken nach wie vor das Öl.

Und dann holt er eine Flasche hervor. „Sie müssen nicht austrinken“, sagt er noch, bevor ein eiliger Schluck die Kehle herunterrinnt. Glatt, schnell, seifig. Und dann ist es vorbei.

Draußen machen sich die Wolken nicht mal die Mühe, extra aufzusteigen über der kleinen Insel. Ein Meerklima, die Isländer regnen mehrmals täglich ein. Sie bilden ein Volk, das immer nasse Füße hat, aber trotzdem nicht mehr Erkältungen als andere. Stattdessen haben sie diese geländegängigen Frauen. Und die Männer mit naturtrübem Charakter.

Aus gegebenem Anlass fällt einem dann plötzlich ein, dass eigentlich ganz Island eine ganzjährig rülpsende Insel ist. Das ganze Land stößt auf und blubbert, Gase entweichen, spuckende Lava ist eine Attraktion. Isländer halten es für völlig normal, wenn etwas nach oben drängt und nach draußen muss. Und dann fragt man sich, ob Ólason so über die Lebertran-Kapseln gelästert hätte, wenn er gewusst hätte, dass selbst der Präsident des Landes, Ólafur Ragnar Grímsson, sie täglich nimmt. „Aber nur“, sagt der, weil er Angst hat, dass ihm bei seinen häufigen Reisen einmal die Flasche im Gepäck ausläuft.

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