Gesundheit : Leere Gläser gibt es nicht

Warum Teelichter ausgehen und Fünfjährige Chemie lieben: Experimente für Kinder

Dorothee Nolte

Am Anfang nahm Gisela Lück einen Propangasbrenner mit, wenn sie in die Kitas ging. Das muss die Kinder doch beeindrucken, dachte sie, wenn eine blaue Flamme hochschießt! Es beeindruckte die Kleinen, in der Tat, aber es erschreckte sie auch. Außerdem war das Ding umständlich zu transportieren, und es fauchte.

Heute, nach fast zehn Jahren Erfahrung mit naturwissenschaftlichen Experimenten in Kindergärten, weiß die Professorin der Chemiedidaktik, worauf es ankommt: Die Materialien müssen preiswert, ungiftig und leicht erhältlich sein, also: Teelicht statt Propangasbrenner. Die Versuche dürfen höchstens 30 Minuten dauern. Und – sie müssen immer klappen. Wenn das alles gegeben ist, dann, davon ist sie überzeugt, kann man auch Vier-, Fünfjährige mit Gewinn an die Naturwissenschaften heranführen.

Zum Beispiel so: Die Erzieherin setzt ein brennendes Teelicht auf einen Untersetzer und daneben ein leeres Glas. „Was passiert wohl, wenn man das Glas über das Teelicht stülpt?“ Die Kinder rätseln: Vielleicht passiert gar nichts. Vielleicht geht die Flamme sofort aus? Oder allmählich? Eines darf das Glas umgedreht über das Teelicht stellen. Und alle sehen: Die Flamme erlischt allmählich – und flackert wieder auf, wenn man das Glas rechtzeitig hochnimmt. Zwei Dinge werden augenfällig: Die Flamme braucht zum Leben Sauerstoff, oder, einfacher, Luft. Und das Glas – es war gar nicht leer! Es enthielt Luft, von dem sich die Flamme noch kurze Zeit ernähren konnte. Um das noch deutlicher zu machen, kann die Erzieherin zwei Teelichter anzünden, und die Kinder stellen unterschiedlich große Gläser darüber. Unter welchem Glas brennt das Teelicht länger? Na klar. – .

Im besten Forscheralter

Ungefähr 30 solche einfachen, aufeinander aufbauenden Experimente hat Gisela Lück entwickelt und in einem kleinen Buch zusammengestellt, das es Erzieherinnen und Eltern leicht macht, Kindern die Grundlagen des naturwissenschaftlichen Denkens nahezubringen. Die „Wenn-dann-Beziehung“, die sich in Experimenten so schön verdeutlichen lässt, hat es Gisela Lück angetan, und zwar schon seit ihrer Kindheit. „Ich hatte das Glück, von einem Onkel sehr früh und liebevoll an naturwissenschaftliche Phänomene herangeführt zu werden“, erzählt die temperamentvolle 46-Jährige. Auf diese frühe Begegnung führt sie auch ihre eigene Entscheidung zurück, Chemie zu studieren – und sieht sich durch eine Studie bestätigt, in der rund ein Viertel der Chemiestudenten angibt, ihr Interesse sei in der frühen Kindheit geweckt worden.

„Es gibt dafür kein besseres Alter als fünf, sechs Jahre“, glaubt Lück, die nach jahrelanger Tätigkeit in der Industrie nun in Bielefeld Chemiedidaktik lehrt. In diesem Alter seien alle Kinder, auch die aus bildungsfernen Elternhäusern, an Phänomenen der unbelebten Natur interessiert. Alle stellen die berühmten Kinderfragen – warum werden die Blätter im Herbst bunt? Wo geht das Wachs hin, wenn die Kerze brennt? –, die Erwachsene nur mit Mühe beantworten können. Später dagegen, wenn der Chemie-Unterricht in der Schule eingeführt wird, sind die Kinder schon mit der beginnenden Pubertät beschäftigt.

Mitarbeiter von Lücks Institut haben die Lehrpläne der Schulen in den Bundesländern durchforstet und festgestellt: Chemische und physikalische Vorgänge kommen in den Grundschulen kaum vor, experimentiert wird wenig, der Schwerpunkt liegt auch im Sachkundeunterricht meist auf Biologie – über die sich Gisela Lück gerne leicht spöttisch äußert. „Da werden dann Vogelbilder ausgemalt und die Kinder lernen, dass das Rotkehlchen eine rote Kehle hat“ – was hübsch ist, aber den Nachteil hat, dass es nicht im Experiment nachvollzogen kann: „Die Wenn-dann-Beziehung fehlt.“

Und die kann sogar eine therapeutische Funktion haben: Oft entdecke sie bei ihren Experimentierstunden in Kindergärten „etwas Versunkenes, ein Lächeln“ selbst bei Kleinen, die durch ein schwieriges Elternhaus oder durch Behinderungen benachteiligt seien. Gerade für traumatisierte Kinder könne es beruhigend sein zu sehen, dass bestimmte Vorgänge zuverlässig immer wieder so und nicht anders ablaufen. Spaß hätten die Kinder, die stets freiwillig an den Experimenten teilnehmen, allemal. „Sie hüpfen vor Freude, wenn Salz, das sich in Wasser aufgelöst hat, nach der Verdunstung wieder da ist.“

Gisela Lück war kürzlich Gast bei einer Fachtagung des freien Bildungsträgers Klax, der 20 Kindergärten, eine Malschule, eine Grund- und eine Vorschule in Berlin betreibt. In der Klax-Vorschule in Pankow gibt es, um einen Lichthof angeordnet, Räume für verschiedene Zwecke: Musik, Englisch, Bauen und ein „Experimentarium“, wo die Kinder, gemäß dem Klax-Bildungskonzept, eigenständig und unter Anleitung Versuche machen können.

Künftig sollen die Naturwissenschaften auch in anderen Berliner Kitas Einzug halten: Im neuen „Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern in Tageseinrichtungen“, das Bildungssenator Böger vor kurzem an alle Berliner Kitas verschickt hat, wird den Kitas nahe gelegt, Nischen und Räume mit Lupen, Mikroskop, Spritzen, Pipetten einzurichten, in denen Kinder experimentieren können.

Was wird im Wasser weich?

In Projekten, etwa zum Thema „Wasser“, könnten Erzieherinnen mit den Kindern erforschen, welche Dinge oder Materialien schwimmen, sich auflösen, weich werden, untergehen und welche nicht, schlagen die Autoren des Programms vor. Beim Backen und Kochen können sie beobachten, wie sich die Zutaten beim Erhitzen verändern, im Kita-Garten können sie säen und pflanzen, ihre Projekte fotografieren und als Dokumentation an den Wänden aushängen.

Gisela Lück jedenfalls stellt immer wieder fest, dass das Interesse der Erzieherinnen an ihren Vorschlägen groß ist. Bei der Klax-Tagung ermunterte sie ihre Zuhörerinnen: „Wenn Sie mit Ihren Kindern 15 Experimente machen, dann sind das mehr, als Sie und ich in der gesamten Schulzeit erlebt haben!“

Gisela Lück: Leichte Experimente für Eltern und Kinder. Herder spektrum, 160 Seiten, 8,90 Euro.

Mehr über Klax unter www.klax-online.de

In dieser Serie erschienen: Das Berliner Bildungsprogramm (30.10.), Frühe Fremdsprachen (11.11.), Deutsch als Zweitsprache (17.11.).

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