Gesundheit : Lehrbeauftragte: Aschenputtel der Hochschulen

Anja Kühne

Die genügsamste aller Pflanzen im Garten der Hochschuldozenten ist - wie man seit langem weiß - die des Lehrbeauftragten. Für einen Lohn, der seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr angehoben wurde, hat er sich zu einer maßgeblichen Stütze des Lehrbetriebs an den Hochschulen entwickelt. Manche unterrichten sogar ganz ohne Lohn, um Lehrerfahrung zu sammeln. 4000 Lehrbeauftragte arbeiten an den Berliner Hochschulen, das sind so viele wie Professoren, Assistenten und Lehrkräfte für besondere Aufgaben zusammengenommen. Dass Lehrbeauftragte so beliebt sind, liegt auch daran, dass die Hochschulen sich ihrer von einem Semester aufs nächste entledigen können, denn Lehraufträge müssen immer neu verlängert werden. Angenehm für den Arbeitgeber auch: Die Lehrbeauftragten gelten als selbstständig, müssen für ihre Sozialversicherung also allein sorgen.

Geht es nach dem Willen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie der Bündnisgrünen und der PDS im Berliner Abgeordnetenhaus, muss sich die Situation dieser Aschenputtel im Wissenschaftsbetrieb ändern: Das Honorar soll deutlich angehoben werden, der Arbeitgeber soll sich an der Sozialversicherung beteiligen. Doch dürfte sich sobald für die meisten Lehrbeauftragten an Berliner Hochschulen nicht viel ändern. SPD und CDU stimmten am Mittwoch im Wissenschaftsausschuss dagegen, die Hochschulen zur Zahlung deutlich höherer Honorare zu zwingen und grundsätzlich Anteile der Sozialversicherung zu übernehmen.

Allerdings sollen in Berlin die Stundensätze gemäß einem Beschluss der Kultus- und Finanzminister "angepasst werden". Den Hochschulen wird es freigestellt sein, bis zu 30 Prozent über das jetzige Entgeld hinaus zu zahlen, bis zu weiteren 20 Prozent darf diese Summe überschritten werden. Zur Zeit bekommen die Lehrbeauftragten an Fachhochschulen zwischen 32,20 Mark und 55,20 Mark pro Stunde, an Universitäten zwischen 32,20 Mark und 78,20 Mark. Vor und Nachbereitungszeiten werden nicht bezahlt, bei Krankheit gibt es kein Geld.

Der Senat soll nach dem Entschluss im Wissenschaftsausschuss prüfen, ob Lehrbeauftragte, "die sozial schutzbedürftig und wirtschaftlich von einer oder mehreren Hochschulen abhängig sind", Zuschüsse zu ihrer Kranken- oder Rentenversicherung bekommen können. Geprüft werden soll auch, inwieweit innerhalb der Gruppe der Lehrbeauftragten entsprechend den Bedürfnissen unterschieden werden kann. Außerdem sollen alle Hochschulen in Zukunft das Honorar monatlich auszahlen, bisher folgen dieser Praxis nur einige Hochschulen.

Eine "Kann-Bestimmung"

Mehr Geld für die Lehrbeauftragten bekommen die Hochschulen vom Senat deshalb natürlich nicht. Wissenschaftssenator Christoph Stölzl sprach darum von einer "Kann-Bestimmung": "Die Hochschulen können den Punkt aber bei den Verhandlungen um neue Hochschulverträge mit einbringen", sagte er. Vor allem aber sollen sie seiner Auffassung nach Lehrbeauftragte einstellen, die ihr Geld hauptsächlich außerhalb der Unis verdienen und als Praktiker unterrichten. Die Realität an den Berliner Hochschulen sieht jedoch anders aus: Viele Lehrbeauftragte finanzieren sich ausschließlich durch ihren Job an der Hochschule. Wie hoch ihr Anteil ist, weiß niemand. Fest steht aber, dass an manchen Fachhochschulen und künstlerischen Hochschulen über 50 Prozent der regulären Kurse von Lehrbeauftragten unterrichtet werden. An der Freien Universität sind es immerhin 22 Prozent.

Das niedrige Honorar der Lehrbeauftragten wird für die Hochschulen allerdings nur dort ein Problem, wo sie mit der Wirtschaft in Konkurrenz um Arbeitskräfte stehen, wie in der Informatik. An der FU ist es kaum möglich, auch nur die attraktiveren Planstellen zu besetzen, wie der Verwaltungsleiter Dietrich Herold berichtet, von Lehraufträgen ganz zu schweigen. An der Fachhochschule für Wirtschaft werden 51 Prozent der Lehre von Lehrbeauftragten erbracht. Das macht es besonders schwierig, von Semester zu Semester qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren. "Dazu müsste man pro Stunde schon 100 Mark zahlen", schätzt Bernd Pfeiffer, der Prorektor der Hochschule, "doch wo soll das Geld herkommen?"

Gelassener sieht man die Lage am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der FU. Hier gibt es deutlich mehr Bewerber um Lehraufträge, als Stellen zu vergeben sind. "Wir wollen auch gar nicht alle reinlassen", sagt Verwaltungsleiter Matthias Dannenberg. Nach der Kapazitätsverordnung muss der Fachbereich auch mehr Studierende aufnehmen, wenn die Dozenten kostenlos unterrichten. Deshalb soll es in Zukunft weniger Lehrbeauftragte am Fachbereich geben. Dass das damit eingesparte Geld für höhere Honorare aufgewendet wird, hält Dannenberg nicht für zwingend. Klaffende Finanzlöcher gibt es genug.

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