Gesundheit : „Lehrer ist heute der beliebteste Beruf“

Die britische Schulministerin Jacqui Smith glaubt an ihre Pädagogen – und berät ihre deutschen Kollegen

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Die britische Behörde für Bildungsstandards (Office for Standards in Education – Ofsted) hat 1997 begonnen, Schulen systematisch zu zertifizieren. Was genau passiert da?

Die Schulen werden alle drei Jahre von einem ExpertenTeam besucht – mit zwei Tagen Vorwarnzeit. Das Team ist genau über die Schule orientiert: über die Herkunft der Schüler, über Schulschwänzer und über vorliegende Ergebnisse der landesweiten Schultests. In letzter Zeit geben wir den Schulleitern mehr Verantwortung: Wir erwarten, dass sie die Stärken und Schwächen ihrer Schule, ihrer Fachbereiche und ihrer Lehrerschaft selbst bewerten, dass sie berichten, ob die Eltern zufrieden sind oder wie der Verhaltenskodex der Schule durchgesetzt wurde. Das Expertenteam beobachtet den Schulalltag und entscheidet, ob die Selbsteinschätzung stimmt. Daraufhin bewertet es die Schule mit Noten von eins bis vier.

Was passiert mit Schulen, Lehrern und Schulleitern, die schlecht abschneiden?

Es gibt ein ganzes Bündel von Maßnahmen: Lehrer können versetzt werden oder aufgefordert werden, mit erfolgreichen Kollegen zusammenzuarbeiten. Wenn ganze Schulen oder Fachbereiche nicht gut arbeiten, müssen auch sie sich von Kollegien einer vorbildlichen Schule helfen lassen. In extremen Fällen schließen wir eine Schule und gründen sie mit einer neuen Leitung neu. Wir nennen das „fresh start“ – einen Neuanfang.

Kooperieren die Schulen?

Wir werden sie jetzt noch etwas härter anfassen und schneller auf schlechte Ergebnisse reagieren. Und wir erwarten von den lokalen Behörden schnellere, konsequentere Reaktionen.

Wie gehen die Lehrer mit dem Druck um? In Deutschland erweist es sich als schwierig, die Lehrer für Reformen zu begeistern. Viele fühlen sich überfordert.

Wirklich inkompetente Lehrer können entlassen werden, aber das ist auch bei uns nicht ohne weiteres möglich – und auch selten nötig. Wir gehen davon aus, dass niemand diesen schwierigen Beruf ergreift, um ein ruhiges Leben zu haben. Wer Lehrer wird, will wirklich etwas für Kinder tun. Und wenn ihm das gelingt, ist das eine große Motivation. Die Voraussetzungen dafür schaffen wir durch unsere Schulreformen, durch eine verbesserte Lehrerbildung. Ganz wichtig ist, dass Aufstiegschancen und Gehälter von Lehrern mehr und mehr davon abhängen, ob sie ihren Job gut machen. Ofsted glaubt übrigens, dass unsere Lehrer noch nie so gut waren wie heute. Lehrer ist heute der beliebteste akademische Beruf – das war vor wenigen Jahren noch ganz anders.

Haben sich Ihre Ministerkollegen für Ihr System der Schulbewertung interessiert?

Ja, sie wollten ganz genau wissen, wie wir die Inspektionen bewerkstelligen, wie wir Schulen dabei unterstützen, besser zu werden, und wie wir reagieren, wenn Schulen versagen.

Was kann Deutschland von England lernen? An der Humboldt-Universität wurde jetzt ein „Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ gegründet.

Ich habe mit meinen Ministerkollegen darüber gesprochen, wie wir Ofsted und das IQB zusammenbringen können, wie man Erfahrungen beim Setzen von Standards austauschen kann, wie man ihre Einhaltung überprüfen kann.

Hierzulande gibt es mit Bildungsstandards kaum Erfahrungen …

Manchmal ist Erfahrungsaustausch eine Art zu lernen. Und es gibt durchaus auch etwas, was wir von den Deutschen lernen können: Wie wir Jugendliche ab 16 Jahren im Bildungssystem halten können und wie wir unser System der Berufsausbildung ausbauen können.

Wenn bis zu 90 Prozent der Schüler Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, ist es schwierig, guten Unterricht zu machen. Wie geht man in England mit der Migrationsproblematik um?

Bei uns werden vor allem die Unterschiede zwischen den Migrantengruppen gesehen. Das „Aim high“-Programm („Setze dir hohe Ziele“) beispielsweise ist auf verschiedene ethnische Minderheiten zugeschnitten. Wir haben festgestellt: Schwarze Jungs aus der Karibik brauchen positive männliche Rollenvorbilder: Wir haben Mentoren aus den verschiedensten Berufen in die Schulen geholt. Sie helfen den Jungs, besser zu lernen.

Gelingt es den britischen Schulen, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg zu durchbrechen?

Ich wünschte, es wäre so. Das ist unsere größte Herausforderung. Wie schaffen wir es, dass sich nicht nur die Schule verbessert, sondern auch jedes einzelne Kind? Wir haben das personalisierte Lernen eingeführt: Die Entwicklung jedes Kindes und Jugendlichen wird genau verfolgt und dokumentiert. Wir intervenieren jetzt auch nach der Grundschulzeit – mit Förderklassen für 11- bis 14-Jährige.

Über Early Excellence Center, in denen Kinder aus bildungsfernen Familien von klein auf gemeinsam mit ihren Eltern gefördert werden, wird in Deutschland bislang nur in Expertenkreisen diskutiert. In England werden sie flächendeckend eingeführt. Gibt es schon Erfolge?

Die Zentren bieten Kindern und Eltern eine Menge, von Sprachförderung bis Gesundheitsberatung. Wir bauen dort ein ganzes Hilfspaket um das Kind herum, um ihm einen „sicheren Start“ zu geben. Wenn man schon sehr kleine Kinder fördert, sind Erfolge natürlich erst langfristig messbar – wenn die ersten mit 16 Jahren die Schule verlassen. Aber wir sind davon überzeugt, dass die hohen Investitionen gerechtfertigt sind. Tony Blair hat die Early Excellence Center als „neue Front des Wohlfahrtsstaats“ bezeichnet.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

Ja cqui Smith (42) ist seit Mai dieses Jahres britische Schulministerin. Zuvor war die Labour-Politikerin Gesundheitsministerin. Jetzt traf sie in Potsdam ihre deutschen Kollegen.

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