Gesundheit : Lehrers Leiden

„Schwachsinn“: Kritik am neuen Studium in Berlin

Anja Kühne

Lehramtsstudierende sind die Aschenputtel der Universität. In einem weltfremden, am wissenschaftlichen Nachwuchs oder den Vorlieben der Professoren ausgerichteten Studium erreichen sie im Schnitt nach 17 Semestern das Examen – zwei Drittel brechen vorher ab. Wird sich die Qualität der Ausbildung mit dem neuen Lehrerstudium in Berlin endlich verbessern, wollte die GEW jetzt bei einer Podiumsdiskussion wissen. Aktueller Anlass: Das Konzept für die zweite Studienphase, den Master für Lehrer, steht kurz vor dem Abschluss. Schon im Juli sollen die Unis die Studien- und Prüfungsordnungen erlassen.

Stefan Günther, Student der FU und Mitglied der „Lehramtsinitiative“, glaubt nicht, dass die Reform die Lage der Lehrerstudierenden verbessern wird. Das Studium bleibe am wissenschaftlichen Nachwuchs ausgerichtet. Deshalb hätten an der FU die meisten angehenden Grundschullehrer im Bachelor ihr Mathematikstudium schon nach einem Jahr abgebrochen: „Es hat sich nichts geändert.“ Außerdem seien die Studierenden „absolut frustriert“, weil sie überhaupt erst im Master zu Lehrern ausgebildet würden.

Dieser Kritik widersprach Michael Kämper-van den Boogaart, Professor für Didaktik der deutschen Literatur an der Humboldt-Universität. Frühe Praktika seien „unsinnig“. Die Studierenden würden dann ihre eigenen Schulerfahrungen einfach reproduzieren. Wer eine neue Pädagogik wolle, müsse das verhindern. Auch bewege sich etwas in den Fachwissenschaften. Im alten Lehrerstudium hätten die Studierenden hochspezifische Einzelfragen erforscht, obwohl im Examen breites Wissen abgefragt worden sei. Im neuen Studium hingegen würde breit ausgebildet und damit besser auf den Schuldienst vorbereitet. Auch stärke der neue Master die Fachdidaktiken. Und nicht zuletzt würden die studienbegleitenden Prüfungen die Studienzeiten deutlich senken.

Ulf Preuss-Lausitz, Leiter des Servicezentrums für Lehrerbildung an der TU, ist skeptischer. Die Unis hätten ihre Fachdidaktiken stark abgebaut: „Es ist mir ein Rätsel, wie sie das schaffen sollen.“ Zwar sei es ein Gewinn, dass das neue Studium den Professoren größere Verbindlichkeiten im Kursangebot abverlange – „die Kleingärten der Hochschullehrer werden beseitigt“. Doch werde die Verschulung zu noch längeren Studienzeiten führen. Gerade in kleineren Fächern würden Pflichtveranstaltungen nur im Jahresrhythmus angeboten – wer ein Seminar nicht wahrnehmen könne, etwa, weil sich Kurse überlappen, müsse ein Jahr warten. Trotzdem sollten die Studierenden während des Umbruchs bestehende Ungewissheiten wie noch fehlende Studienordnungen nicht dramatisieren: „Das sind Unsicherheiten, die es im Leben nun einmal gibt“, sagte Preuss-Lausitz.

Für besonders problematisch hält der Erziehungswissenschaftler es, dass die beiden Unterrichtspraktika im Masterstudium zu einem zusammengefasst werden sollen, „obwohl jeder sagt, das ist Schwachsinn“. Die Studierenden könnten in Zukunft aus ihrem ersten Praktikum nichts mehr für das zweite lernen. Preuss-Lausitz hätte es für besser gehalten, ein Unterrichtspraktikum im Bachelor unterzubringen. Dagegen hätten sich die FU und die HU aber gewehrt, um möglichst große Anteile der Fachwissenschaften im Bachelor zu sichern.

Werden für Lehrerbachelor Hürden zum Master errichtet? Die Studierenden wollten endlich Klarheit, sagte der Student Stefan Günther. Tatsächlich werden die Unis wohl zumindest in den ersten Jahren für jeden dankbar sein, der in den Lehrermaster wechselt. Denn in den Hochschulverträgen mussten sich die Unis verpflichten, jährlich 850 Lehrerabsolventen in den Schuldienst zu entlassen. Diese Zahl kann aber nur erreicht werden, wenn zwei Drittel der zugelassenen Lehramtsstudierenden tatsächlich zum Abschluss kommen. Bei der jetzigen Erfolgsquote von einem Drittel eine illusorische Zahl, wie Preuss-Lausitz sagte.

Trotzdem bleibt die Frage des Übergangs von Lehrerbachelor zum Master heikel. Die Unis wollen eigentlich nur überdurchschnittliche Bachelor zulassen. Damit bewegen sie sich jedoch rechtlich auf glattem Eis. Die Verfassung garantiert die Freiheit der Berufswahl: Lehrer werden kann man aber nur mit dem Master. Sollten die Unis Hürden zum Lehrer-Master aufstellen, hätten die abgewiesenen Studierenden gute Chancen, sich einzuklagen.

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