Gesundheit : Lehrgang für Frauen: Nicht nur Kümmerarbeit für Frauen

Dorothee Nolte

Hin und wieder rutscht ihr das Wort "Kümmerarbeit" über die Lippen. Kümmerarbeit, das umfasst all das, was Frauen traditionell unbezahlt leisten, von der Arbeit in der Telefonseelsorge über die Verteilung von Lebensmitteln an Obdachlose bis hin zur Begleitung Sterbender. Kümmerarbeit, das sind die Tätigkeiten, die man mit dem Wort "Ehrenamt" verbindet. Und es ist das, was Marina Matthies, Diplom-Politologin, Ehrenamtsforscherin und Leiterin des Lehrgangs "Mehr Frauen in die öffentliche Verantwortung", gerade nicht interessiert.

Denn die Kümmerarbeit ist nur ein Teil des Ehrenamts: der soziale Teil, der noch heute zu über 80 Prozent von Frauen geleistet wird. Daneben gibt es aber zahlreiche andere, öffentlich-politische Ehrenämter - das Spektrum reicht vom Vorsitz einer Bürgerinitiative, eines Sportvereins, eines Verbands über die Mitarbeit im Personalrat und die Ausübung eines Mandats in der Bezirksverordnetenversammlung bis hin zum Sitz in einem Aufsichtsrat. Auch diese Ämter werden nebenberuflich, freiwillig, ohne Arbeitsvertrag und ohne festes Gehalt, allenfalls gegen Aufwandsentschädigung oder Lohnfortzahlung, ausgeübt.

"Öffentlich-politische Ehrenämter waren traditionell den Männern vorbehalten und werden auch heute noch überwiegend von ihnen übernommen", erklärt Matthies. Die Spaltung in karitatives, weibliches Ehrenamt und öffentliches, männliches Ehrenamt ist mit dem Ehrenamt zusammen Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, als wohlhabende Bürger begannen, sich für sozial benachteiligte Menschen zu engagieren. Und sie wirkt bis heute fort.

Nehmen wir die Wohlfahrtsverbände: Auf den unteren Ebenen sind, bezahlt und unbezahlt, viele Frauen tätig. Aber wer trifft ganz oben die Entscheidungen, wie die Mittel eingesetzt werden und wer entlassen werden muss? "Das sind, genau wie in den Unternehmen und Hochschulen, in den meisten Fällen Männer", sagt Marina Matthies. Diese mit Macht und Einfluss verbundenen Ämter sind bisher wenig erforscht worden. Es gibt zwar eine umfangreiche Ehrenamtsforschung, sie behandelt jedoch fast ausschließlich das soziale Ehrenamt.

Marina Matthies und Ursula Grase, beide Diplom-Politologinnen, wollen hier eine Lücke schließen: Sie werden, finanziert durch das auslaufende Förderprogramm Frauenforschung des Senats, in den kommenden zwei Jahren 150 Frauen befragen, die ehrenamtliche öffentliche Führungspositionen innehaben. Was sind die Voraussetzungen für das ehrenamtliche Engagement, welche Ziele haben die Frauen, was ist ihr Selbstverständnis? Welche Strukturen haben sie vorgefunden, wie hat sich ihr Verhältnis zur Macht entwickelt?

Die Frauen sind nicht zufällig ausgewählt; alle haben den einjährigen, berufsbegleitenden Lehrgang "Mehr Frauen in die öffentliche Verantwortung" durchlaufen, den der Berliner Frauenbund seit zehn Jahren anbietet (siehe Kasten). Sie engagieren sich in Parteien, Gewerkschaften, Betriebsräten, aber auch in Kitas, im Verband allein erziehender Mütter und Väter, in der Telefonseelsorge der Diakonie oder im Verband Deutscher Ökotrophologen. "Für viele Frauen ist das eine Chance, politisch tätig zu sein, ihre Interessen durchzusetzen und Fähigkeiten zu erwerben, die ihnen auch im Beruf nützlich sein können", sagt Ursula Grase. Sie spricht von einem "vorpolitischen Raum": In öffentlichen Ehrenämtern kann man viel direkter auf seine Umgebung Einfluss nehmen, als es in der "großen" Politik möglich wäre, die ohnehin zunehmend von supranationalen Institutionen bestimmt wird. "Think global, act local!", diese Devise gilt auch hier.

Ehrenamtliche engagieren sich heute aus anderen Motiven als früher: Aufopferungsbereitschaft oder religiöse Überzeugung stehen nicht mehr so hoch im Kurs, dafür wächst das Bedürfnis, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen. Soziologen wie Ulrich Beck sehen das im Kontext der Individualisierung, die die Menschen aus alten Bindungen entlässt und sie zu größeren Anstrengungen der Selbstdefinition, der Sinnsuche herausfordert. Die amerikanischen Kommunitarismustheoretiker entwerfen das Bild einer Bürgergesellschaft, in der jeder sich in Vereinigungen und Initiativen engagiert und so den Gemeinsinn stärkt.

Matthies und Grase warnen jedoch davor, das Ehrenamt anzupreisen, um Aufgaben, die bisher der Staat übernommen hat, aus Geldknappheit ins Private - und damit zumeist in die Hände der Frauen - zurückzuverlagern. "Dadurch werden Arbeitsplätze in den sozialen Berufen vernichtet", kritisieren sie. Und: "In der Debatte um das Ehrenamt wird der Geschlechteraspekt fast immer ausgeblendet. Es kann nicht sein, dass Frauen weiter den größten Teil der Kümmerarbeit machen und Männer die Entscheidungen treffen." Ihr Ziel ist klar: Irgendwann sollten Männer zu fünfzig Prozent im sozialen Ehrenamt an der Basis tätig sein, und Frauen sollten die Hälfte der Führungspositionen innehaben.

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