Gesundheit : Lernen als Nullsummenspiel

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Von Heike Solga

Finnische Schulen sind als Pisa-Sieger in aller Munde, doch niemand will sie in Deutschland haben. Der (fast) einmütige Tenor: Nur keine strukturelle Veränderung unseres gegliederten Schulsystems. Das ist falsch! Denn Menschen handeln in Strukturen, und ohne Strukturveränderung können sich ihre Handlungsmotive nur bedingt ändern.

Unser Bildungssystem ist ein System des (Aus-)Sortierens. Die Bestrafung von Lernversagen ist bedeutsamer als die Förderung individueller Bildungsfortschritte: „nicht schulfähige" Kinder werden zurückgestuft; „nicht versetzungsfähige" Schüler bleiben sitzen. Viele der Schulentlassenen ohne Hauptschulabschluss beginnen eine Maßnahmekarriere, da sie als „nicht ausbildungsreif" eingestuft werden. Die Ursachen unzureichender Bildungsleistungen werden in Deutschland als die Leistungs- und Motivationsprobleme der einzelnen Schüler, als Erziehungsmängel ihrer Eltern und als professionelle Unzulänglichkeiten der Lehrer/innen definiert. Doch wie soll in einem Bildungssystem des Aussortierens Lernfreude bei den Schülern - eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine hohe Kompetenzentwicklung - aufkommen? So fehlen gerade in Sonder- und Hauptschulklassen Kinder, an denen man sich positiv orientieren und von denen man lernen kann. Jetzt zeigt sich, dass Bayern, wo noch fast jedes zweite Kind die Hauptschule besucht und der Schulalltag damit am „durchmischtesten" ist, im innerdeutschen Vergleich sehr gut abschneidet.

Gemessen an finnischen oder schwedischen Schulen wird Bayern dennoch weit entfernt von der Spitzenklasse der Bildungsliga sein. Denn all unseren Schülern wird eine wesentliche Erfahrung des Lernens genommen. Lernen ist in Deutschland nur ein Nullsummenspiel im Wettbewerb des Gewinnens und Verlierens - um selbst besser zu sein, müssen andere schlechter sein. Daran werden auch (getrennte) Ganztagsschulen nichts ändern. Dass Lernen hingegen ein Prozess ist, in dem jeder anerkennenswerte Fortschritte macht und sich jede Anstrengung lohnt, diese Erfahrung fehlt unseren Kindern. Die öffentlich diskutierten strukturkonservativen „Lösungen" des Pisa-Problems setzen auf eine Veränderung der Individuen, ohne die strukturellen Ursachen der Probleme leistungsschwacher Schüler beseitigen zu wollen. Das kann nicht funktionieren!

Warum sträubt man sich also, integrative Gesamtschulen finnischer Provenienz zu fordern? Einige erinnern sich mit Schrecken an die Debatten der 70er Jahre, andere führen das nicht bessere Abschneiden der „deutschen" Gesamtschulen an. Es gibt noch einen Grund: Eine Beseitigung des mehrgliedrigen Schulsystems würde unsere über „individuelle Bildungsleistungen" legitimierte Vererbung der gesellschaftlichen Position an die Kindergeneration antasten. Das jeweils erreichte Leistungsniveau wird primär als individueller Verdienst gesehen. Es gilt daher als gerecht, dass mit der „individuellen" Leistung auch unterschiedliche Ansprüche im Beschäftigungssystem verbunden sind.

Ignoriert wird dabei allerdings, dass der Leistungserwerb gar nicht so individuell ist, sondern in institutionell getrennt gehaltenen Schullaufbahnen erfolgte. So betrachtet, wird der große Widerstand gegen eine Beseitigung des vertikal gegliederten Bildungssystems verständlich. Gerade weil der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildung und den Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei uns so stark ist, erfüllt das deutsche Bildungssystem seine Aufgabe als Vererbungsmechanismus des sozialen Status an die Kinder. Eine „Evaluitis" nährt unser System des Sortierens und Scheiterns. Sei es in Form einer fortschreitenden sozialen Verarmung unserer Sonder- und Hauptschulen, in Form einer weiteren Entmutigung und Stigmatisierung sozial benachteiligter Kinder als „funktionale Analphabeten" oder in Form der fortbestehenden Angst unserer Schüler vor einem Scheitern (erinnert sei an Erfurt).

Zudem gäbe es zwei Profiteure einer solchen „Testistis": erstens Kinder höherer Bildungsschichten, da ihre Eltern erfahren, wo privat in die Bildung ihrer Kinder investiert werden muss, und zweitens die dafür benötigten privaten Bildungsdienstleister.

Dr. Heike Solga (geboren 1964), leitet die Selbständige Nachwuchsgruppe „Ausbildungslosigkeit: Bedingungen und Folgen mangelnder Berufsausbildung" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin.

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