Gesundheit : Lesen und lesen lassen

Schüler brauchen Bibliotheken, in denen sie gute Bücher und andere Medien finden. Aber deutsche Gemeinden sind gesetzlich nicht verpflichtet, Büchereien zu fördern. Viele werden geschlossen.

Anne Strodtmann

Kinder müssen lesen lernen, das weiß man nicht erst seit Pisa. Aber wie schwer sich die deutsche Jugend bei dieser grundlegenden Schlüsselqualifikation tut, zeigte die Schulstudie: Ein Viertel der 15-jährigen Schüler erreichten bei der Lesekompetenz nicht einmal Stufe zwei, die als Mindeststandard für berufliche Erfolge gilt. Was tun?

Jugendbibliothekare haben zwar keine endgültige Antwort auf diese Frage, die Arbeit mit Schulkindern war jedoch schon immer ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Bei Klassenführungen zeigen sie ihre Schätze, Klassen können Bücherkisten entleihen, oder einzelne Schüler werden intensiv beraten, etwa bei der Literatursuche für Referate.

Offenbar habe es erst des Pisa-Schocks bedurft, um die Schulen an die Jugendbibliotheken als kompetente Partner zu erinnern, bedauern Susanne Krüger von der Hochschule der Medien in Stuttgart und Bettina Twrsnick von der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar. Beide stellten jetzt im Rahmen des in Berlin tagenden Weltkongresses der Internationalen Vereinigung der Bibliotheksverbände (IFLA) vorbildliche Kinder- und Jugendbüchereien vor.

So hat die Kinderbibliothek „KIM” in Stuttgart die erzählende Literatur als „Meer der Geschichten” in einem Raum konzentriert. Der andere, der „Infoplanet”, enthält neben der Sachliteratur auch Lernprogramme auf dem PC. In den beiden Räumen finden unterschiedliche Veranstaltungen statt: In einem interaktiven Erzählspiel werden die Kinder selbst in die Erzählung einbezogen. Sie können den Verlauf der Erzählung durch eigene Ideen mitbestimmen. Ehrenamtliche Lesepaten ziehen sich mit drei bis vier Kindern zu einer intimen Vorlesestunde zurück. Auf dem „Infoplaneten” finden Medienrallyes für Schulklassen statt. Dabei lernen die Schüler, Bücher, Karten, CD-ROM oder das Internet für Sachfragen, aber auch für die Unterhaltung zu nutzen. Kleine Experten forschen mit Hilfe von Kindersachbüchern oder CD-ROMs. Oder die Schüler können als Internetreporter Informationen zu einem Thema zusammentragen und mit einem Editorenprogramm eine Internetseite gestalten.

Die Phantastische Bibliothek in Wetzlar hat bereits im Sommer 2001 ein Kompetenzzentrum gegründet. Mit dem Schulamt wurde ein Vertrag geschlossen, besonders begabte, aber auch schwache Schüler an Sprache und Literatur heranzuführen. Dieses „Zentrum für Literatur” unterstützt einen Literaturunterricht, der nicht auf das Fach Deutsch beschränkt ist, sondern einen Weg weist, wie Literatur für alters- und fächerübergreifende Lernziele eingesetzt werden kann. Seit der Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse im Dezember 2001 hat das Zentrum enorm an Popularität gewonnen.

Die Phantastische Bibliothek engagiert sich seit Jahren in der Lehrerfortbildung und sucht durch Veranstaltung und Betreuung von Seminaren den Kontakt zu den Universitäten. Darüber hinaus bietet die Bibliothek Schülerkurse für Kreatives Schreiben an. In einer Kooperation mit der hessischen Wirtschaft konnte ein umfassendes Konzept für die Leseförderung in Kindergärten erarbeitet werden. Dabei kommen Buchspenden – von Firmen finanziert und von den Bibliothekaren ausgewählt – in die Kindergärten. Die Erzieherinnen werden in speziellen Seminaren qualifiziert. Schließlich werden „Vorlesepaten” ausgebildet und in solche Familien geschickt, die ihren Kindern selbst nicht vorlesen, aber bereit sind, sich helfen zu lassen.

Die Bibliothekare haben schon bald nach der Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse darauf hingewiesen, dass es einen sichtbaren Zusammenhang zwischen guten Testergebnissen und guten Bibliotheksnetzen gibt. Als beispielhaft wurde das finnische Schul- und Bibliothekssystem genannt: Die finnischen Schüler kamen im Pisa-Vergleich auf Platz eins. Aber während vor allem die Schulbibliotheken in Finnland eine große Rolle im Bildungssystem spielen, müssen die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland um ihre Existenz fürchten.

Anders als in vielen anderen Ländern gibt es in der Bundesrepublik Deutschland kein Gesetz, das den Staat oder die Kommunen verpflichtet, öffentliche Bibliotheken einzurichten. Das heißt, jede Kommune kann darüber entscheiden, ob und welche Bibliotheken sie fördern will. Und weil es keine Bibliotheksgesetze gibt, besitzen in Deutschland viele Kommunen zwar Schulen, zu deren Einrichtung die Gesetze sie zwingen, aber keine Bibliothek. Von den rund 14 500 selbstständigen Gemeinden haben etwa 3000 Gemeinden insgesamt 3600 Bibliotheken, einschließlich hauptamtlich betreuter Zweigstellen! Über Schulbibliotheken gibt es überhaupt keine statistischen Angaben. In den erfolgreichen Pisa-Ländern ist das anders.

Bis heute ist es nicht gelungen, allen verantwortlichen Politikern bewusst zu machen, dass öffentliche Bibliotheken, nicht zuletzt Kinder- und Jugendbibliotheken sowie Schulbibliotheken, kein Luxus sind, sondern eine wichtige Basis für Bildung und Kultur. Solange es allein in der Hand der Kommunalpolitiker liegt, ob ein Sportplatz, eine Grünanlage oder eine Bibliothek gebaut wird, werden Bibliotheken sich immer wieder neu definieren und die Politiker von ihrer Notwendigkeit überzeugen müssen, wie es die Leiterin der öffentlichen Bibliothek in Bremen, Barbara Lison, formulierte. In Zeiten knapper Finanzmittel ist das eine fast unlösbare Aufgabe. Neue Bibliotheken werden kaum noch gebaut. Stattdessen sind bestehende in ihrer Existenz gefährdet: Berlin und Frankfurt am Main haben in den vergangenen Jahren fast die Hälfte ihrer öffentlichen Bibliotheken geschlossen.

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