Gesundheit : Letzte Zeugen

Jiddisch: Rettungsaktion für eine fast vergessene Sprache

Silke Zorn

„Traurig ist, wenn man verliert, was man noch nicht gefunden hat.“ Für Cornelia Martyn beschreibt dieses jüdische Sprichwort das Schicksal des Jiddischen. Sie lehrt die Loschen Aschkenas, die „Sprache Deutschlands“ – auch liebevoll Mameloschen, Muttersprache, genannt – an der Universität Potsdam. Martyn setzt sich dafür ein, dass die Sprache nicht ausstirbt. Zwölf Millionen Menschen, vor allem in Osteuropa, sprachen vor dem Holocaust Jiddisch. „Heute sind es vielleicht noch eine Million Muttersprachler“, sagt Cornelia Martyn. Darüber hinaus gibt es schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen, die Jiddisch als Zweitsprache gelernt haben.

Wer jetzt mit gespitzten Ohren über den Campus der Potsdamer Uni schlenderte, konnte es hier und da hören: schönstes Jiddisch, gesprochen von Jiddischlehrern aus Estland, Litauen, Dänemark, Belgien, Israel oder den USA. Hochschullehrer aus aller Welt trafen sich, um Erfahrungen auszutauschen und über die Zukunft des Faches an ihren Universitäten zu diskutieren – auf Englisch, auf Deutsch und vor allem natürlich auf Jiddisch. Es war das erste Treffen dieser Art.

Wie lehrt man eine Sprache, die kaum noch gesprochen wird? „Es gibt zwar größere jüdische Gemeinden, in denen Jiddisch die Umgangssprache ist, zum Beispiel in New York oder Israel“, berichtet Martyn. „Darüber hinaus leben Muttersprachler über die ganze Welt verstreut.“ Hier Feldforschung zu betreiben, Muttersprachler aufzusuchen und Gespräche auf Tonband aufzunehmen, um ihr Jiddisch für die Nachwelt zu erhalten, ist ein Anliegen der Dozenten. Sie wollen eine „Oral History“ schaffen – lebendige Zeugnisse einer fast vergessenen Sprache.

Seltsam vertraut klingt die Sprache für deutsche Ohren. Man meint Worte aufzuschnappen, zu verstehen, bis einen die Russisch anmutende Aussprache mit dem kehligen „ch“ und die fremdartige Intonation irritiert. Cornelia Martyn erklärt: „Die Wurzeln des Jiddischen liegen im Mittelhochdeutschen, ein Großteil des Wortschatzes ist germanisch geprägt.“ Auch andere Sprachen haben Jiddisch stark beeinflusst, vor allem Aramäisch, Hebräisch und die slawischen Sprachen, vor allem in der Aussprache.

Deutschen Studenten bereitet das einige Mühe. Bei den polnischen Schülern ihrer Kollegin Ewa Geller aus Warschau dagegen stellen sich regelmäßig Aha-Effekte ein. Geller unterrichtet Jiddisch im Rahmen der Germanistik und macht den Studenten gleich zu Beginn klar: „Vergesst alles, was ihr über die deutsche Aussprache gelernt habt. Das hier mag zwar deutsch aussehen, aber ausgesprochen wird es polnisch.“

Doch auch der umgekehrte Einfluss auf andere Sprachen, vor allem auf Polnisch und Deutsch, ist unverkennbar. So stammt die Redewendung „Hals- und Beinbruch“ von dem hebräischen Glückwunsch „hazlacha“ (Erfolg) und „beracha“ (Segen). Wer im Knast sitzt, der hat eine Strafe (Hebräisch „knas“) abzusitzen. Manch einer mag dazu verdonnert worden sein, weil er bei einem großen Coup Schmiere gestanden („schmira“; Hebräisch für Wache stehen) hat.

An der Potsdamer Universität können sich Studenten seit dem Wintersemester 1994/95 den Feinheiten der jiddischen Sprache widmen. Im Rahmen des Faches „Jüdische Studien“ müssen sie neben Geschichte, Religion und Kultur des Judentums zwar in erster Linie Hebräisch lernen. Als weitere jüdische Sprache können die Studenten unter anderem zwischen Aramäisch oder Jiddisch wählen. Cornelia Martyn, die in New York Jiddisch lernte, hält die Auseinandersetzung mit Jiddisch für enorm wichtig. „Es ist der Ausdruck des osteuropäischen Judentums. Es gibt keinen direkteren Zugang zu diesem Teil der Geschichte.“

Eine weitere Herausforderung für die in Potsdam versammelten Lehrer: Jiddisch ist an fast allen Universitäten nur Bestandteil anderer Studiengänge, etwa Germanistik oder Geschichte. Nur ein oder zwei Semester mit wenigen Wochenstunden haben die Hochschulpädagogen daher Zeit, ihren Studenten die Sprache inklusive hebräischen Schriftzeichen, Vokabular, Grammatik und Aussprache zu vermitteln.

Jetzt wollen die Jiddisch-Dozenten einen internationalen Lehrerverband gründen und gemeinsame Standards für das Fach an Universitäten erarbeiten. Politische und historische Zusammenhänge sollten ebenso zum Unterrichtsstoff gehören, wie jüdische Kultur und Literatur, wünscht sich die Potsdamerin.

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