Gesundheit : Leute, werdet Lehrer!

Bald wird es zu wenig Pädagogen geben – die Kultusminister werben für ein besseres Image des Berufs

Uwe Schlicht

Vor dem Gebäude des Bundesrates in der Leipziger Straße steht seit gestern ein großes Plakat. Es zeigt einen Jungen auf einem Hochstuhl in roten Hosen, der an den Armen zwei Flügel aus Pappe befestigt hat, mit deren Hilfe er über die Dünen und das blaue Meer zu starten gedenkt. Das Plakat ist überschrieben mit dem Satz „Leonard will einmal so schlau sein wie Leonardo“. Die Kultusministerkonferenz der Länder startet mit diesem und ähnlich gestalteten Plakaten eine Werbeaktion für die Bildung und für den Lehrerberuf. Und die Jungen und Mädchen, die sie für diese Aktion abbildet, haben alle berühmte Vorbilder. Der fliegende Schüler Leonard erinnert an Leonardo da Vincis Flugapparat. Das Mädchen, das sich eine Glaskugel über den Kopf gestülpt hat und im silbernen Anorak am Meer steht, macht es dem amerikanischen Astronauten Neil Armstrong nach und will hoch hinaus.

Die Kultusministerkonferenz will es nicht länger der Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn überlasssen, von Zeit zu Zeit für die Bildung zu werben. Da sie die Vertretung der nationalen Interessen selbst in die Hand genommen hat, denkt die Kultusministerkonferenz jetzt auch ganz modern: Sie hat die Werbeagentur Media Consulta für ihren Auftritt auf Plakaten, im Internet und in den Medien gewählt. Demnächst wird Tagesthemenmoderator Ulli Wickert auch im Fernsehen für Bildung und den Lehrerberuf werben.

Mit der bis zum Februar 2004 dauernden Werbekampagne wollen die Kultusminister vor allem den Lehrerberuf interessant machen. Schon heute sind viele Lehrerkollegien überaltert. Nahezu 40 Prozent der Lehrer im Primarbereich (dem Einschulungsalter der Schüler) sind 50 bis 59 Jahre alt. Das heißt, in den nächsten Jahren werden sehr viele Lehrer in den Ruhestand gehen. Bis zum Jahre 2015 müssen voraussichtlich 371 000 Stellen mit neuen Lehrern besetzt werden. Schon heute ist absehbar, dass bis dahin nur 296 000 Studierende ihr Referendariat antreten werden.

Fremdsprachen gefragt

Der Lehrerbedarf ist von Land zu Land und von Fach zu Fach unterschiedlich. Besonders aussichtsreich ist das Studium für die Berufsschullehrerlaufbahn. Die Nachfrage nach Lehrern in den Fächern Wirtschaft/Verwaltung/Recht und in den Ingenieurwissenschaften ist hoch. Auch die Einstellungsperspektiven für die Sekundarstufe I (Klassen sieben bis zehn) sind günstig. Vor allem an Haupt- und Realschulen werden Lehrer in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern sowie in Mathematik gesucht. Für das Lehramt in der Sekundarstufe II ist Bedarf in Mathematik, Physik, Chemie, Latein, evangelische und katholische Religion vorhanden. Während es in Fächern wie Geschichte, Deutsch und Ethik nach Angaben der KMK einen Überhang gibt, sind Fächerkombinationen in den Fremdsprachen nach wie vor gefragt.

Bis zum Jahr 2015 werden in der Primarstufe 39 000 Lehrer gesucht, in der Sekundarstufe I 74 000 Lehrer, in der Sekundarstufe II (Gymnasien) 97 000 Lehrer und in der Sekundarstufe II (Berufsschulen) 52 000 Lehrer sowie 28 000 in der Sonderpädagogik.

Es gibt also einen großen Lehrerbedarf, und die Kultusminister wollen für den Lehrerberuf die besten Abiturienten und Studenten gewinnen. Dazu muss aber das Image des Lehrers so positiv werden wie in Finnland und Kanada, zwei Länder, die beim Pisa-Test besonders gut abgeschnitten haben. In Finnland zum Beispiel kommen auf einen freien Studienplatz für den Lehrerberuf zehn Bewerber. In Deutschland dagegen gibt es nach wie vor große Vorurteile gegenüber den Lehrern. Sie werden von den Politikern als „faule Säcke“ abqualifiziert, die vorzeitig ausgebrannt seien. Auf der anderen Seite erwartet die Gesellschaft, dass immer mehr Probleme von den Lehrern und der Schule beseitigt werden, erklärte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Wolff (CDU).

Ministerin Wolff beruft sich auf eine Emnid-Umfrage vom September 2003 zu dem Thema, welche Politikbereiche die Bevölkerung als besonders wichtig ansieht. Unter 1005 Erwachsenen setzten 79 Prozent die Arbeits- und Wirtschaftspolitik an die erste Stelle, gefolgt von der Gesundheits- und Sozialpolitik (77 Prozent). Die Bildungspolitik kam mit 75 Prozent auf den dritten Rang weit vor der Steuer- und Finanzpolitik und der Umweltpolitik mit jeweils 59 Prozent.

Die Deutschen finden Bildung wichtig

Das Thema Bildungspolitik hat also Konjunktur, nicht zuletzt wegen der schlechten Testergebnisse im Leseverständnis, in Mathematik und Naturwissenschaften. Diese positive Einstellung für die Bildung möchte die Kultusministerkonferenz ausnutzen, weil sie sich bewusst ist, dass diese Stimmung auch wieder umschlagen kann. Es gab einmal Zeiten, da rangierte die Bildungspolitik unter ferner liefen – nur 35 Prozent der Deutschen hielten sie für ein wichtiges Thema.

250 000 Euro lässt sich die Kultusministerkonferenz die Kampagne kosten. Erste Kritiker melden sich bereits. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bemängelt, Hochglanzbroschüren könnten nicht über eine verfehlte Politik der Schweinezyklen und über den Abbau von Kapazitäten in Lehramtsstudiengängen hinwegtäuschen.

Mehr zum Thema im Internet:

www.ticket-in-die-zukunft.de

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