Gesundheit : „Leuteverdummung gehört verboten!“

Hauptstadtkongress: Was Patienten wissen wollen

Rosemarie Stein

Patienten wollen mehr über ihre Krankheit und die Behandlungsmöglichkeiten wissen, und sie wollen mit dem Arzt gemeinsam entscheiden. Das ergeben Studien und Umfragen immer wieder. In diesem Umfeld glaubten wir eine Veranstaltung des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit im Berliner ICC ansiedeln zu können, denn im Programm stand: „Der mündige Patient. Mehr Mitbestimmung, mehr Information?“ Es handelte sich aber um eine – nicht als solche gekennzeichnete – Diskussionsrunde einer Pharmafirma. Sie hatte offensichtlich den Zweck, den Zuhörern Argumente für den Wunsch der Pharmaindustrie nahe zu legen, sich künftig auch mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln informierend und werbend direkt an die potenziellen Patienten wenden zu dürfen. Denn noch ist Direktwerbung verboten.

„Nutzen, Kosten, Präferenzen – Wissen, was der Bürger will“: Mit dieser Studie war das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) von der Firma Janssen-Cilag beauftragt worden, deren Vertriebschef Marcel Mangen die Veranstaltung leitete. Aus einer repräsentativen Befragung von mehr als 1000 gesetzlich Versicherten teilte der IGES-Wissenschaftler Hans-Dieter Nolting einige Ergebnisse mit. Es ging dabei vor allem um die Frage, ob und wo man sich über vom behandelnden Arzt empfohlene, aber zuzahlungspflichtige Arznei Zusatzinformationen holen möchte.

21 Prozent würden sich das Mittel einfach verordnen lassen, 77 Prozent würden zunächst den Arzt selbst fragen, welche Vorteile es gegenüber einem von der Kasse voll erstatteten habe, der Rest war unentschieden. Zusätzliche Informationen wünschen sich 62 Prozent von den Apotheken, 44 Prozent von der Stiftung Warentest, 25 von Selbsthilfegruppen, 23 von Universitäten. 20 Prozent möchten sich von einem Institut der Ärzte und Krankenkassen informieren lassen, 18 von einer Kommission der Ärzteschaft, 18 vom Hersteller und nur sechs Prozent von der Pharmaindustrie. (Medien waren zur Information nicht vorgesehen.)

Wie andere Länder das Problem behandeln, schilderte der an der Studie beteiligte Duisburger Professor für Medizinmanagement Jürgen Wasem an zwei Beispielen: In den USA ist die Direktwerbung für verordnungspflichtige Medikamente in allen Medien erlaubt, wobei (außer in Fernsehspots) auch die wichtigsten Nebenwirkungen zu nennen sind. Die Werbung beeinflusst die Verordnung der Ärzte, die auch öfter die „beworbenen“ Krankheiten diagnostizieren. Arzneimittelausgaben steigen, also auch der Umsatz der Industrie.

In Schweden ist Direktwerbung verboten. Aber streng überwachte Fachinformationen durch die Hersteller sind in einer laienverständlichen Fassung zugänglich. Daran sollte sich Deutschland nach Wasems Ansicht ein Beispiel nehmen.

In der Podiumsdiskussion bildeten sich zwei Fraktionen. Günter Neubauer von der Universität der Bundeswehr München wollte Information und Werbung aus allen Quellen ungehindert fließen lassen. Dagegen sah der Mediziner Jürgen Bausch in der Industriewerbung eine Gefahr: „Wenn chronisch Kranke mit ihrer Behandlung unzufrieden sind, dann sind sie sehr anfällig für Werbung und Fehlinformationen.“ Als negatives Beispiel nannte er Reklame für frei verkäufliche Mittel: „Diese Leuteverdummung gehört schlicht verboten!“ Herstellerinformationen über verschreibungspflichtige Mittel möchte er kontrollieren lassen, ehe sie zum Patienten gelangen.

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