Gesundheit : Liebe, Lob und klare Regeln

Gerangel beim Essen, Streit ums Aufräumen: Das Triple P-Erziehungsprogramm hilft Eltern bei ihrer wichtigsten Aufgabe

Simone Leinkauf

Die Rangelei beim Abendessen wird immer heftiger: „Gib her!“ Leon reißt Kristin die Ketchupflasche aus der Hand und wirft dabei auch gleich noch ein Glas um. Apfelsaft ergießt sich über den Tisch und Kristins Schoß, die daraufhin kreischend aufspringt. Thomas M. ist der ständigen Ermahnungen müde. Er wird laut, schreit erst den Sohn, dann die Tochter an, die daraufhin beide in Tränen ausbrechen.

Eine Szene, die sich so oder so ähnlich in vielen Familien abspielt. Aufforderungen der Eltern wie „Iss anständig“ oder „Hör auf zu kippeln" werden geflissentlich überhört. Und so kann das gemeinsame Essen schnell zum täglichen Schreckgespenst werden. Thomas M. und seine Frau Sabine entschieden sich, professionelle Hilfe in Form eines Triple P-Kurses zu suchen. Triple P steht für „Positive Parenting Program“ und wurde an der Universität von Queensland in Australien entwickelt. Acht Wochen später sagen beide: „Unser Familienleben ist viel entspannter geworden.“

Für das gemeinsame Essen gibt es inzwischen feste Regeln, an die sich jeder halten muss. Gelingt das, wird gelobt – positive Erziehung heißt das bei Triple P: Die Eltern zeigen den Kindern, wenn sie sich über deren Verhalten freuen und sprechen das auch aus. Allzu oft wird das richtige und gewünschte Verhalten der Kinder ignoriert, weil die Eltern der Meinung sind, dass das doch selbstverständlich sei. Warum aber sollte ein vierjähriges Mädchen bestimmte Essensregeln einhalten, wenn die Eltern ihm doch vor allem dann Aufmerksamkeit schenken, wenn es sich daneben benimmt? In der Familie M. hat das gemeinsame Aufstellen von Familienregeln, die bei Triple P eine wichtige Rolle spielen, gewirkt. Den Kindern ist klar, wie sie sich beim Essen zu verhalten haben. Das haben sie alle gemeinsam beim Aufstellen der Regeln besprochen. Nun werden Kristin und Leon, wenn sie sich nicht an diese Regeln halten und bevor die Situation eskaliert, kurz in eine „Auszeit“ nach draußen geschickt und dürfen nach zwei oder drei Minuten wieder reinkommen.

Manche Eltern erinnert die „Auszeit“ an das berüchtigte „in die Ecke stellen“. Richtig ist dabei, dass in der jeweiligen Situation nicht diskutiert, sondern direkt gehandelt wird. Damit hören die Parallelitäten aber schon auf. Bei Triple P wird Wert darauf gelegt, dass die Kinder vorher genau erklärt bekommen, was von ihnen erwartet wird. Sie wissen, was sie falsch gemacht haben, und müssen deshalb das unterbrechen, was sie tun wollen. Sie werden dabei weder beschimpft noch angeschrieen und bekommen auch hinterher ihr Verhalten „nicht mehr aufs Butterbrot geschmiert“.

Überzeugend ist vor allem der pragmatische Ansatz im Elterntraining. In einer kleinen Gruppe von etwa acht bis zwölf Personen treffen sich Eltern über vier Wochen hinweg einmal wöchentlich gemeinsam mit einem Triple P-Trainer. Die Eltern bekommen auch Hausaufgaben. Sie achten bewusst auf die eigenen Reaktionen oder tragen in einem Verhaltenstagebuch ein, wie häufig täglich ein bestimmtes „Problemverhalten“ auftaucht, was vorher und was hinterher passierte. Und stellen oft fest, dass der Nachwuchs nicht ständig, sondern vielleicht nur ein oder zwei Mal am Tag quengelt – und dass es immer wieder die gleichen Situationen sind, in denen das auftritt.

Erstaunlicherweise konnten die Gruppenteilnehmer schon nach einer Woche feststellen, dass sich das unerwünschte Verhalten deutlich reduziert hat, nur weil sie selbst bewusster darauf reagiert hatten oder bestimmte Situationen einfach vermieden wurden: Wenn man bemerkt, dass der achtjährige Sohn um 19 Uhr zu müde ist, um Klavier zu üben, dann kann das nachmittags oder vielleicht auch morgens vor der Schule stattfinden. Im Anschluss an die ersten vier Gruppensitzungen folgen über vier Wochen hinweg Telefonate mit der Trainerin oder dem Trainer, bei denen die kleinen Erfolge und vor allem auch Misserfolge besprochen werden.

Im Triple P-Kurs von Bettina Maes sitzen neben dem Ehepaar M. fünf Mütter und eine Erzieherin, die sich Anregungen für ihre Arbeit mit Hortkindern verspricht. Schon in der ersten Sitzung fällt allen Teilnehmern auf, dass sie ihre Kinder zu wenig loben. Statt ihrem zehnjährigen Sohn Alexander für die selbständig erledigten Hausaufgaben mal anerkennend auf die Schulter zu klopfen, schüttelt Stephanie Z. missbilligend den Kopf, weil er nicht sauber geschrieben hat. Eine Woche später berichtet sie, dass sie ihn jetzt bewusst lobe, wenn er nett zu seinen Geschwistern ist – und dass sich ihr Verhältnis verbessert habe.

Die Hochschullehrerin Petra D. hat sich vor allem aus zwei Gründen für die Teilnahme an einem Elterntraining entschieden: Ihre achtjährige Tochter Tessa zeigte sich aggressiv gegenüber ihrer fünfjährigen Schwester Kira, Kira ihrerseits weigerte sich, mit aufzuräumen. Die Lösung brachte eine Punktekarte, auf der das erwünschte Verhalten täglich mit einem Sticker belohnt wurde. Klappte das mindestens zehn Tage hintereinander, unternahm die Familie etwas, was die Kinder sich wünschten: Sie gingen zusammen ins Kino oder ins Schwimmbad.

Für die Kursleiterin Bettina Maes, die selbst als ratsuchende Mutter zu Triple P gefunden hat, ist das der Kernpunkt dieses Modells: „Nicht die Kinder selbst, sondern das Verhalten der Kinder wird kritisiert.“ Hinzu kommt, dass auch das Verhalten der Eltern auf dem Prüfstand steht: Wie spreche ich mein Kind an, weiß es überhaupt, was ich möchte, und sind meine Erwartungen altersgemäß?

Eine Reihe von internationalen Studien zeigt, dass das Triple P-Programm Fehlverhalten bei Kindern und Eltern deutlich reduziert – nicht nur für den Moment, sondern auf Dauer. Kurt Hahlweg von der Technischen Universität Braunschweig beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Erziehungsmodell, an seinem Institut wird zurzeit eine von der Deutschen Forschungsgesellschaft geförderte Studie zum Einsatz von Triple P durchgeführt. Hahlweg hält die Erfolge von Elternkursen inzwischen für so überzeugend, dass er vorschlägt, solche Kurse an den Schulen und werdenden Eltern anzubieten – vergleichbar den Geburtsvorbereitungskursen: „Man muss sich klar machen, dass die Erziehung eines Kindes mindestens 18 Jahre dauert – was sind da vier Gruppensitzungen mit der Chance, die Beziehung zum Kind von Anfang an positiver zu gestalten?“

Bettina Maes bietet Kurse in Berlin und Potsdam an, sie ist erreichbar unter 0331 -7048952 oder HBMAES@t-online.de. Infos und Bestellung von Triple P-Materialien im Internet unter: www.triplep.de, per e-mail: info@triplep.de, Tel: 0251 - 518941. Dort erfahren Sie auch, wo in Ihrer Nähe Kurse stattfinden. Die Kosten betragen 50 bis 200 Euro.

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