Gesundheit : Linkes Gen, rechtes Gen

Unsere politische Einstellung hängt nicht nur von der Erziehung ab, sondern auch vom Erbgut – behaupten US-Forscher

Bas Kast

„Münte“ und der Kanzler haben beide ein Herz, das für die SPD schlägt. Doch dann fangen die Differenzen schon an. Der Kapitalismus zum Beispiel. „Müntefering beschimpft die Heuschrecken, Schröder will sie füttern“, lautete eine der zahlreichen Überschriften zur Kapitalismusdebatte. Wie lässt sich der Unterschied zwischen den beiden SPD-Männern erklären? Die Sozialisation kann es wohl kaum sein: Beide, der SPD-Vorsitzende wie der Bundeskanzler, stammen aus einfachen Verhältnissen. Franz Münteferings Vater war Fabrikarbeiter. Gerhard Schröder verbrachte seine Kindheit in Armut.

Nein, es muss eine andere Ursache geben, und ein Team amerikanischer Wissenschaftler meint, sie nun gefunden zu haben. In einer groß angelegten Studie sind die Forscher dem Ursprung politischer Einstellungen auf den Grund gegangen. Ihr eindeutiges Fazit: Nicht die Eltern und die Erziehung geben den Ausschlag über links oder rechts, sondern die Gene.

Die Forscher werteten die Fragebögen von mehr als 8000 Zwillingen aus (siehe Grafik). Ein Teil dieser Zwillinge war eineiig und somit genetisch identisch. Der andere Teil bestand aus zweieiigen Zwillingen, deren Erbgut sich im Schnitt nur zur Hälfte gleicht – zweieiige Zwillinge sind genetisch so unterschiedlich wie normale Geschwister. Vergleicht man den Übereinstimmungsgrad der politischen Meinung eineiiger Zwillinge mit dem von zweieiigen, bekommt man ein grobes Maß für die Erblichkeit dieser Meinung.

Und wie es scheint, haben die Gene in Sachen Politik ein kräftiges Wörtchen mitzureden. Etwa, wenn es darum geht, ob man die Wehrpflicht (Erblichkeit 38 Prozent) oder die Vermögenssteuer (41 Prozent) befürwortet. Auch Münteferings K-Frage zeichnete sich durch einen hohen genetischen Anteil aus: Was man vom Kapitalismus hält, ist, zumindest nach den Berechnungen der Forscher, zu 39 Prozent eine Sache der Gene. Was bedeutet, dass 39 Prozent der Unterschiede, die man zwischen den Menschen beobachtet, auf ihr Erbgut zurückzuführen sind.

Besonders verblüffend ist der Befund, dass zwar viele politische Themen von der Steuer bis hin zum Pazifismus eine erbliche Komponente aufzuweisen scheinen. Die Vorliebe für eine Partei jedoch, ob man also zur SPD oder CDU neigt, scheint fast ausschließlich eine Erziehungsangelegenheit zu sein – die Erblichkeit hierfür beträgt nur 14 Prozent. „Wir messen hier zwei verschiedene Sachen“, sagt Studienleiter John Hibbing von der Universität von Nebraska. Somit ist es gar nicht ungewöhnlich, wenn das Herz für die SPD schlägt, man aber in konkreten Fragen ganz unterschiedlicher Meinung ist.

„Einmal abgesehen von der Identifizierung mit einer Partei, sind politische Ansichten viel stärker von den Genen beeinflusst als von der Erziehung“, stellen die Forscher am Ende ihrer Studie fest. Kein Wunder also, sagen sie, dass sich quer durch die Kulturen ein ähnliches Links- Rechts-Muster der politischen Meinung beobachten lässt: Das Ganze sei eben tief in unserem Erbgut verankert.

„Ich halte diese Studie für Unsinn“, kontert Hans-Hilger Ropers, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik. Milliarden Euro habe man dafür ausgegeben, Gene zu finden, die uns für Krankheiten wie Diabetes und Krebs anfällig machen – bislang weitgehend vergeblich. Der Grund liegt in der Komplexität dieser Krankheiten, deren Ausbrechen von zahlreichen Genen und Umweltfaktoren beeinflusst wird. Ähnlich verhält es sich mit unseren Meinungen und Einstellungen – nur dass diese noch komplexer sind. „Das Bush-Gen“, sagt Ropers, „gibt es nicht.“

So weit wollen allerdings auch die US- Forscher nicht gehen: „Die Verbindung zwischen den Genen und der Einstellung betrifft vielleicht nicht so sehr die spezifische Einstellung, sondern eher die Flexibilität dieser Einstellung“, halten sie dagegen. Beispiel Offenheit. Die Offenheit eines Menschen sei Teil eines Persönlichkeitsmerkmals, das auch von den Genen beeinflusst wird. Und ein offener Mensch sei auch eher offen für die Gleichberechtigung der Schwulen. Offenheit und viele andere Persönlichkeitsmerkmale jedoch sind, wie Ropers meint, vage definierte Eigenschaften. Es sei unmöglich, ihre Erblichkeit mit einer Prozentzahl zu erfassen.

An Bedenken wie diese mag auch Lee Sigelman, Herausgeber der Fachzeitschrift „American Political Science Review“, in der die Studie erschienen ist, gedacht haben. Doch sei die Untersuchung in seinen Augen „etwas Neues, von dem viele Politikwissenschaftler nie in ihrem Leben gehört haben“.

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