Gesundheit : Links und pragmatisch

Der neue UdK-Präsident Martin Rennert

Anja Kühne

Mit Martin Rennert bekommt die Universität der Künste einen Chef, der sich selbst als „links“ bezeichnet, aber doch für eine kompromissbereite Realpolitik steht. Der 51-jährige Professor für Konzertgitarre, der seit zwei Jahren erster Vizepräsident ist und die Uni seit dem Tod des UdK-Präsidenten Lothar Romain im Sommer leitet, gab sich am Mittwoch bei seiner Präsentation vor dem Wahlgremium als Gegner eines „Effizienzsteigerungswahns“ im Zeichen des Bachelor-Studiums zu erkennen. Weil das ganze Projekt durch den Zwang des Gesetzgebers aber nicht mehr aufzuhalten sei, versprach er, er werde im Falle seiner Wahl Romains Initiative fortsetzen, für Studiengänge der freien Künste wie Bildene Kunst, Schauspiel oder Szenisches Schreiben eine Ausnahmegenehmigung beim Senator zu erwirken. Er verwahrte sich auch gegen den immer größeren Einfluss, den die Politik auf die Universitäten ausübe.

Der 1954 in New York geborene Rennert, der die US-amerikanische und die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, lehrt seit zwanzig Jahren an der UdK. In der Welt herumgekommen ist der Musiker, der zahlreiche Schallplatten eingespielt hat, jedoch bei Auftritten und mit seinen Meisterkursen.

Zu Rennerts Zielen für die UdK gehört es, die, wie er sagte, „eifersüchtige Bewachung von Studiengängen“ und die selbst gewählte „splendid isolation“ mancher Professoren aufzubrechen. Die UdK mache zu wenig aus ihrem europaweit einzigartigem Fächerreichtum. Um für Studierende aus dem Ausland noch attraktiver zu werden, sollen die Fakultäten Studiengänge in anderen Sprachen entwickeln. Den von Studierenden in der Sitzung attackierten Hochschulvertrag verteidigte Rennert „als großartige Sache“, weil er Planungssicherheit gebe. Auch sei die in den vergangenen Jahren stark geschröpfte UdK diesmal glimpflich davon gekommen: Bis zum Jahr 2009 muss sie 1,2 Millionen ihres Landeszuschusses von 57 Millionen Euro einsparen.

Als der Wahlvorstand von Deutschlands größter Kunsthochschule das Ergebnis der Präsidentenwahl am Mittwochabend bekannt gab, ging ein erschrecktes Raunen durch den Saal: Rennert hatte im zweiten Wahlgang gerade einmal so viele Stimmen wie nötig erreicht (19 von 37), und einer der vier Gegenkandidaten, Hubertus von Amelunxen, Leiter der Ecole Supérieur de l’image d’ Angoulême, war mit 17 Stimmen dicht an ihn herangekommen – das Wahlgremium spaltete sich also fast hälftig.

Vorausgegangen war eine siebenstündige Sitzung des Akademischen Senats, an der etwa 200 weitere interessierte Hochschulangehörige teilnahmen. Fünf Kandidaten, die der Wissenschaftssenat aus den über 15 Bewerbungen ausgewählt hatte, präsentierten sich. Ein sechster, Siegfried Zielinski, Professor für Medien in Köln, hatte kurzfristig abgesagt. In einem Brief, der in der UdK verlesen wurde, ließ Zielinski den Senat wissen, nach Einblick in den Hochschulvertrag könne er sich nicht mehr vorstellen, UdK-Präsident zu werden. Zielinski kritisierte besonders die Umstellung auf Bachelor und Master und die Evaluierung der UdK unter Einbeziehung der HIS-GmbH von Bund und Ländern.

So trat Rennert gegen vier weitere Bewerber an. Eindruck auf das Wahlgremium machte besonders Amelunxen mit einer geschliffenen Rede, in der er sich als „Weltenbürger und Humanist“ zu erkennen gab, geprägt durch Begegnungen mit Größen wie Angela Davis, Teresa de Lauretis, Roland Barthes, Foucault oder Derrida und vernetzt mit ungezählten Einrichtungen in der ganzen Welt. Die zehn Stimmen, die im ersten Wahlgang auf Amelunxen entfielen, dürften vor allem aus den Reihen der 19 Professoren im Wahlgremium gekommen sein.

Besonders bei den Studierenden kam hingegen Adrienne Goehler, Kuratorin im Hauptstadtkulturfonds, an, die aus dieser Gruppe viel Applaus erhielt und im ersten Wahlgang mit acht Stimmen Drittstärkste wurde. Die einstige Präsidentin der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, die von 2001 bis 2002 Senatorin für Wissenschaft und Kultur in Berlin war, verwahrte sich gegen die „Heilsmaschinen“, die sich die Politik aus „Plastikwörtern“ der Unternehmensberatungen zusammenbastele und warb für die „Hochschule als experimentellen Raum“.

Weit abgeschlagen waren Karin Stempel, die Rektorin der Kunsthochschule Kassel, und Jean-Baptiste Joly, Leiter der Akademie Solitude bei Stuttgart, die beide im ersten Wahlgang eine Stimme und im zweiten keine erhielten. Stempels ideologiekritischer Vortrag, in dem sie „die Überflutung des Speziellen durch das Banale“ kritisierte, schien vielen zu abgehoben. Joly hingegen verschreckte mit seinem Bekenntnis zur „Elite“ die Studierendenvertreter, mit seinem Plan, ein beim Präsidenten angesiedeltes „Büro für strategische Zukunftsfragen“ einzurichten, die Verwaltung.

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