Gesundheit : Literatur-Recherche: Rettung vor dem Ertrinken

Anja Schreiber

Ellenlange Literaturlisten, ein enormes Lesepensum und nach der Lektüre die dumpfe Frage: Habe ich das eigentlich verstanden? Auch der Theologiestudent Alexander kennt das Gefühl: "Am Anfang des Studiums hat uns keiner beigebracht, wie man sinnvoll und effektiv mit Literatur umgeht." Er hat sich inzwischen sein eigenes System des wissenschaftlichen Lesens zurechtgelegt, das sich auf die Grundpfeiler "Markieren" und "Exzerpieren" stützt. Doch über eines ist sich der Nachwuchswissenschaftler klar: "Hätte man mir am Studienbeginn Grundlegendes über das wissenschaftliche Lesen erklärt, hätte ich effektiver studiert."

Inzwischen wächst bei Hochschullehrern und Studienberatern die Erkenntnis, dass wissenschaftliches Arbeiten den Erstsemestlern nicht in die Wiege gelegt wird, sondern der Anleitung bedarf. Professor Lutz von Werder kennt die Probleme der Studierenden. Unter ihnen herrsche häufig "Methodenlosigkeit" im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur. Der Leiter des Hochschuldidaktischen Zentrums an der Alice-Salomon-Fachhochschule sieht zwei Extreme: Entweder "ertrinken die Leute in Literatur" oder sie "greifen zu kurz" und "brechen die Literatursuche zu früh ab". Der Germanistik-Professor Bernd Balzer von der Freien Universität hat sich inzwischen einen "fröhlichen Zynismus" angeeignet, was die Lesetätigkeit seiner Studierenden angeht. Nicht einmal in den Hauptseminaren werde die Primärliteratur von allen gelesen, so der Hochschullehrer.

Von Werder hat für seine Studenten einige Tipps parat, wie man sich der Bleiwüste nähert, ohne von ihr beherrscht zu werden. Zuerst sollte man Schlüsseltexte identifizieren. Kriterien für die Suche nach solchen Texten sind zum Beispiel wichtige Autoren oder der Stand der wissenschaftlichen Forschung. Dazu können Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften genauso gehören wie Texte in Standardwerken, Lehrbücher oder Lexika. Von Werder rät, diese "auszuschlachten" und "sich von dort aus weiter vorzuarbeiten". Auch bei der weiteren Literatursuche gilt: Reduzieren. Jedes wissenschaftliche Buch habe eine Vorder- und Hintertreppe, so von Werder, anhand derer man einschätzen könne, ob sich die Lektüre in Hinblick auf die eigene Fragestellung lohnt. Die Vordertreppe sei das Inhaltsverzeichnis, die Hintertreppe das Register.

Diplom-Psychologin Edith Püschel von der FU-Studienberatung rät, wissenschaftliche Texte nicht wie Belletristik zu behandeln, die man zum Privatvergnügen liest. Während bei der Privatlektüre alles gleich wichtig sei, müsse man aus wissenschaftlicher Literatur die Hauptaussagen extrahieren. Püschel empfiehlt, sich vor Beginn der Lektüre Leitfragen zu formulieren und zu beantworten. In seinen Büchern und einer CD-Rom, die Lutz von Werder über wissenschaftliches Arbeiten verfasst hat (alle erschienen im Schibri-Verlag), schlägt er gleich mehrere Techniken der Lesevorbereitung vor. Beispiel: "Schreiben Sie alle Lügen und Wahrheiten auf, die Ihnen zum Thema des Artikels einfallen." Oder: "Bevor Sie den Artikel lesen, schlagen Sie erst einmal in einem Fachlexikon alle Begriffe nach, die in der Überschrift des Artikels auftauchen."

Auch während und nach dem Lesen ist für die Experten das Schreiben das probate Mittel, um die Lesefrüchte zu ernten und gewonnenes Wissen zu strukturieren. "Das ist auch für Leute wichtig, die nicht so viel schreiben müssen, wie Medizinstudenten", sagt Püschel. Einen Tipp hat die Studienberaterin noch für alle Studienanfänger, die überlange Literaturlisten in die Hand gedrückt bekommen: Sie sollten nachfragen, welche Texte zentral sind und welche ein Thema lediglich vertiefen.

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