Gesundheit : Lockruf der Holzfäller

Aids in Afrika: Gut verdienende Arbeiter im Regenwald Kameruns infizieren Frauen aus Nachbardörfern

Hermann Feldmeier

Hat der Holzeinschlag im afrikanischen Regenwald – eine Tätigkeit, die ausschließlich von Männern ausgeübt wird – einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität von Frauen? Dieser Frage ging die amerikanische Anthropologin Abigail Ryder in Kamerun nach. Sie untersuchte die Lebensverhältnisse der Frauen in Dörfern, die in direkter Nähe oder weiter entfernt von Holzeinschlaggebieten liegen. Die Schlussfolgerung der Forscherin der Yale-Universität: Wenn im Regenwald Kameruns Holzfällercamps entstehen, werden bestehende soziale Strukturen zerstört und entwickelt sich rasch ein florierendes Geschäft mit Sexdienstleistungen.

Bedingt durch die dominierende Position der Männer, können sich die Frauen nicht gegen Sexualpraktiken wehren, die sie einem hohen Risiko von Geschlechtskrankheiten aussetzen. Denn die Freier verlangen häufig ungeschützten Sex. Dies, so vermutet die Anthropologin könnte zu einer erhöhten Zahl von HIV-Infektionen führen. Diese Hypothese konnte nun durch eine Gruppe französischer und kamerunischer Wissenschaftler bestätigt werden. Die Mediziner haben in der Ostprovinz des zentralafrikanischen Staates die erwachsene Bevölkerung in einem Holzeinschlaggebiet auf HIV untersucht und gleichzeitig analysiert, wie die HIV-Infektionen zu Stande gekommen sein könnten.

In der Region um die drei Dörfer Nkonzhu, Mboumo und Kompia wird intensiv Tropenholz eingeschlagen und in einem nahe gelegenen Sägewerk aufgearbeitet. Ungefähr 200 Männer sind bei diesen Tätigkeiten beschäftigt. Die Bevölkerung der zirka 250 Kilometer von der Hauptstadt Yaounde entfernt liegenden Weiler hat sich seit dem Beginn der Holzfällerarbeiten vor zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Während die Infektionsquote mit HIV bei den Männern in der lokalen Bevölkerung je nach Altersgruppe zwischen 1,4 und 6,0 Prozent lag, war die Infektionshäufigkeit bei den Frauen drei bis fünf Mal so hoch. Im Mittel war jede zehnte Frau der Region mit dem HI-Virus infiziert, bei den jungen Frauen sogar jede vierte. Dies ist nahezu dreimal so hoch wie die Häufigkeit einer HIV-Infektion bei Frauen im übrigen Kamerun. Auch die Syphilis ist in der Nähe des Holzfällercamps drei Mal häufiger als bei Frauen in anderen Landesteilen.

Für die erschreckend hohe Infektionsrate der Frauen zwischen 25 und 34 Jahren fanden die Forscher nur eine plausible Erklärung: Die alleine lebenden Holzfäller und Sägewerkarbeiter hatten einen großen Bedarf an „sexueller Abwechslung“, den sich die jungen Frauen aus der Umgebung zu Nutze machten, um Sex gegen Geld oder auch im Austausch für Lebensmittel anzubieten.

So lebten allein im Holzfällercamp 40 Gelegenheitsprostituierte. Und wenn alle zwei Wochen die Löhne ausgezahlt wurden, kamen weitere hundert Frauen in das Lager. Da die Arbeiter für die Verhältnisse in Kamerun nahezu fürstliche Löhne erhalten (umgerechnet zwischen 50 und 500 US-Dollar im Monat), konnten sie sich bei einem Preis von 1,5 Dollar pro Sexualkontakt gleich mehrere Frauen pro Nacht leisten. Bei einem Jahreseinkommen in den Dörfern von 20 bis 30 Dollar pro Kopf sind die drei oder fünf Dollar, die eine Frau pro Nacht verdienen kann, ein kleines Vermögen.

Die Forscher fanden ein weiteres Indiz dafür, dass eine hohe Promiskuität für die Ausbreitung der HIV-Infektion verantwortlich war: Die isolierten Virusstämme waren genetisch ausgesprochen unterschiedlich. Dies spricht dafür, dass die Erreger nicht aus einer Quelle stammten – beispielsweise von einem HIV-positiven Blutspender –, sondern von zahlreichen Personen.

Dies ist das erste Mal, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Holzfälleraktivitäten und der Ausbreitung von HIV nachgewiesen werden konnte. Frühere Studien hatten nur indirekte Hinweise gefunden. Beispielsweise, dass durch den Verzehr von Affenfleisch affenspezifische Retroviren (simian immuno deficiency virus, aus dem vermutlich das HI-Virus durch Mutation entstanden ist) auf den Menschen übertragen werden können. Die systematische Jagd auf Primaten in bislang unzugänglichen Regenwaldgebieten ist aber eine typische Folge, wenn ein Gebiet durch Straßen für den Holzeinschlag erstmals erschlossen wird und Männer genügend Geld verdienen, um Gewehr und Munition zu kaufen.

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