Gesundheit : Löcher im Eis

Seit 25 Jahren analysiert das Alfred-Wegener-Institut die Pole und Meere der Erde

Roland Knauer

25 Jahre ist es nun her. Die Politik stand Pate, als am 15. Juli 1980 in Bremerhaven eine Großforschungseinrichtung auf den Namen Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung getauft wurde. Die sozial-liberale Bundesregierung wollte im Konzert der Großen stärker als bisher mitspielen und sich die Tür zur Antarktis offen halten. Bereits 1979 war Deutschland daher dem Antarktis-Vertrag beigetreten und hatte sich damit verpflichtet, auf dem eisigen sechsten Kontinent Flagge zu zeigen. Eine eigene Forschungseinrichtung musste her, und ein Eisbrecher für die Wissenschaft wurde auf Kiel gelegt. Die „Polarstern“ ist noch heute der leistungsfähigste Forschungseisbrecher der Welt. Ein Schiff braucht aber auch einen Hafen, ein Wissenschaftler macht nicht nur Feldarbeit, sondern forscht auch im Labor. Diese Funktion sollte das kurz AWI genannte Institut in Bremerhaven übernehmen.

Als erste große Aufgabe sollten die Forscher den Krill genauer untersuchen. So heißen die kleinen Krebse im Scheckkartenformat, die in den Gewässern der Antarktis überall herumwimmeln. Vom Blauwal bis zum Pinguin futtern die meisten Tiere um den Südpol direkt oder indirekt diese Tierchen. Warum also sollte man nicht aus Krill auch leckere Mahlzeiten für den Menschen zaubern können, war einer der Gedanken – und schon war die Polarstern unterwegs.

Die wirtschaftliche Idee mit dem Krill war ein typischer Schlag ins Wasser: Krill enthält einfach zu viel Fluorid, das verdirbt den Geschmack und macht die Krebschen ungenießbar. Die Krillforschung hat sich trotzdem gelohnt, weil die AWI-Wissenschaftler zum Beispiel das Winterrevier der kleinen Krebse entdeckten: Dann weidet der Krill an der Unterseite des Eises auf dem Meer die dort lebenden Algen ab. Seither verstehen die Forscher auch, weshalb viele Tiere der Antarktis so gern an der Kante des Eises leben, dort ist der Tisch mit Krill reich gedeckt.

Solche Grundlagenforschung ist auch heute noch typisch für das AWI, das neben mehreren Forschungsschiffen und diversen über das Stadtgebiet von Bremerhaven verteilten Labor-Gebäuden auch einige Basen in den Polregionen betreibt. Da gibt es zum Beispiel die Neumayer-Station auf dem Ekström-Schelfeis im Nordosten der Antarktis. Wie die Maulwürfe überwintern die Forscher dort seit 1981 tief eingegraben im Eis, weil eine Station an der Oberfläche von den ewigen Stürmen des sechsten Kontinents rasch verschüttet würde. Ab dem Jahr 2008 aber bekommt die Station Fenster und wird auf Stelzen über dem Eis stehen. Dann kann der Wind unter den Labors durchpfeifen und die Wissenschaftler können Wetter, Klima und Ozonschicht auch direkt beobachten.

Von der Neumayer-Station aus brechen die Forscher auch zur Kohnen-Station auf dem Festlandeis der Antarktis auf. Dort bohrt ein Team europäischer Wissenschaftler 3200 Meter tiefe Löcher ins Eis, um aus den Bohrkernen das Klima der vergangenen 800000 Jahre zu ermitteln. Die Federführung bei diesem Projekt hat das AWI. Erste Ergebnisse sind bereits veröffentlicht, zum Beispiel gab es in der letzten halben Million Jahre nie so viel Kohlendioxid in der Luft wie heute.

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung messen die AWI-Forscher auch, wenn sie im Norden Sibiriens die Dauerfrostböden analysieren. Dort lagern riesige Mengen des Gases Methan, die in die Luft blubbern können, wenn der Boden bei steigenden Temperaturen auftaut. Methan ist ebenfalls ein Treibhausgas und würde die Erde weiter aufheizen.

Bei ihren Forschungen arbeiten die AWI-Wissenschaftler eng mit der Universität in Bremen zusammen – und verändern sie. Galt die Bremer Uni in den 1970er Jahren als linke Kaderschmiede der Geisteswissenschaften, hat sie sich seit der Gründung des AWI zu einem Eldorado der Meeres- und Polarforscher gewandelt. Das bringt auch die Wirtschaft im eigentlich strukturschwachen Bundesland Bremen auf Trab. Die politische Entscheidung vor 25 Jahren für das AWI als Zentrum für Grundlagenforschung an den Polen und in den Meeren hat daher jede Menge Arbeitsplätze nach Bremen gebracht.

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