Gesundheit : Löschtaste im Kopf

Hirnforscher suchen nach Wegen, Menschen mit traumatischen Erlebnissen das Vergessen zu erleichern

Michael Zick

Hollywood ist schon weiter: In einer modernen Neuauflage des Films „Der Manchurian Kandidat“ von 1962 bearbeiten Bösewichter das Gedächtnis von Golfkriegs-Veteranen und programmieren sie auf Mord. „Wir zeigen in dem Film, dass wir die Möglichkeit haben, das Gehirn zu manipulieren – nicht nur für therapeutische Zwecke, sondern auch für politische“, sagt dazu Jay Lombard, Direktor des Brain Behavior Center in Nyack (New York). Er hat die Filmmacher wissenschaftlich beraten. Ging es in Kinofilmen wie etwa „Memento“ (2001) noch darum, wie ein Mann ohne Gedächtnis sein Leben in den Griff bekommt, so lautet Hollywoods Thema nun: Wie bekommt man mit Hilfe von Psychopharmaka das Gedächtnis in den Griff?

Noch mögen solche Horror-Storys Hollywood-Filmen vorbehalten sein. Doch die Potenziale sind inzwischen so umfassend, dass sich der Ethikrat der US-Regierung zu Wort gemeldet hat – warnend. In der Tat kommen aus den Laboren der Hirnforscher in immer kürzeren Abständen Meldungen über erfolgreiche Eingriffe in Gehirn und Gedächtnis.

Im Visier haben die Forscher dabei nicht mehr nur eine Pille gegen, sondern auch für das Vergessen. Damit wollen sie etwa verhindern, dass sich schreckliche Erlebnisse (ein Unfall, eine Vergewaltigung) zum „posttraumatischen Stresssyndrom“ (PTSD) verfestigen. Dabei wird das Geschehen immer wieder aus dem Gedächtnis herausgeholt und neu erlebt – eine quälende seelische Belastung, die den Betroffenen das Leben vergällt.

Ein Erlebnis wird im Hirn besonders nachhaltig archiviert, wenn es auf dem Weg ins Gedächtnis mit Emotionen, wie Angst, aufgeladen wird – ein PTSD droht. Der Psychiater Roger Pitman von der Harvard-Universität hat nun nachgewiesen, dass sich diese emotionale Aufladung durch Gabe eines beruhigenden Betablockers kurz nach dem Erlebnis verhindern lässt: Das Geschehen wird im Gedächtnis „normal“ abgespeichert und hat so die Chance, zu verblassen. Zumindest wächst es sich nicht zum Trauma aus.

Hört sich gut an. Doch das Verfahren eröffnet noch andere Möglichkeiten. Es funktioniert offenbar auch umgekehrt: Man kann ein im Gedächtnis bereits eingebranntes Trauma bewusst aus der Erinnerung holen und neu erleben – etwa durch Abhören des Tonbandprotokolls zum Geschehen. Wenn dabei die Gefühlsbegleitung durch ein bestimmtes Medikament unterbunden wird, bewertet der Betroffene die Erinnerung neu, sie wird ohne Verstärkung durch Gefühle, also gemildert, abgespeichert. Oder ganz gelöscht. So ließe sich das Gedächtnis nachträglich manipulieren.

Verschiedene Forschergruppen experimentieren auch im Tierversuch mit möglichen Pillen gegen das Vergessen, wie zum Beispiel der New Yorker Neurologe Joseph LeDoux. Er spielte Ratten einen Ton vor, den er immer wieder mit einem leichten Stromstoß koppelte. Nach einigen Runden rief allein die Präsentation des Tons eine Angstreaktion der Ratte hervor. Als der Forscher in einem Durchgang den Ton noch einmal darbot – ohne Elektroschock – und den Ratten dabei den Eiweißblocker „Anisomycin“ verabreichte, verlor der Ton im Nu seine Angst auslösende Wirkung. Das Mitttel hatte das Trauma ausgelöscht.

Skeptiker wie Jürgen Margraf, Psychologe an der Universität Basel, überzeugen Ergebnisse wie diese jedoch nicht: „Ich bin nicht begeistert, von dem, was ich dazu bislang zu lesen bekommen habe.“ Wir wissen zum Beispiel noch zu wenig über das komplexe Zusammenspiel von Gehirn und Umwelt. Auch die Biologie des Gedächtnisses ist nach wie vor zu großen Teilen ein Rätsel.

Außerdem ist die Wirksamkeit der Psychopharmaka eher gering. So existieren kaum Studien, die langfristig stabile Erfolge von Pharmako-Therapien bei seelischen Leiden nachweisen. Margraf: „Sobald man das Medikament absetzt, geht auch der Effekt weg.“

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