Gesundheit : Lokomotive Lenzen

In voller Fahrt: Der Präsident der FU ist auf Erfolgskurs – doch manche fühlen sich überrollt

Anja Kühne

Seit vier Jahren ist Dieter Lenzen Präsident der Freien Universität (FU). Am Mittwoch will der 59-jährige Erziehungswissenschaftler vom Akademischen Senat der Uni wiedergewählt werden. Wofür er steht? Sein Motto verkündete der Präsident bei seinem ersten großen Auftritt vor den Angehörigen der Universität im November 2003. Vor mehreren tausend Zuhörern im Audimax und in per Video zugeschalteten Hörsälen erklärte Lenzen: „Wir sind die Besten!“ Lenzen will sich mit seiner Uni ganz oben sehen. Das ist das Programm.

Das überwiegend studentische Publikum quittierte seine Äußerungen damals mit Applaus und lachte – zum Ärger der linken Kommilitonen vom Asta – sogar über Lenzens Scherze. Dabei war der Anlass für die Zusammenkunft dramatisch, die Stimmung im Saal zunächst gereizt: Lenzen hatte zu erklären, bei welchen Fächern die FU nach der jüngsten Sparrunde des Senats 82 von ihren etwa 400 Professuren einsparen muss. Eine heikle Aufgabe. Aber Lenzen ist ein begabter Kommunikator, der, wenn er will, auch einen Saal aufgebrachter Studierender auf seine Seite ziehen kann.

„Wir sind die Besten!“ – Damals im Audimax berief der Präsident sich auf das internationale Shanghai-Ranking, das die FU vor der Humboldt-Universität (HU) sah. Und er verwies auf die Leistungstabelle des Berliner Senats, die von der FU angeführt wurde. Mit beiden Beispielen kann Lenzen sich und seine Uni heute nicht mehr schmücken. Die Chinesen haben die FU und die HU in ihrem Ranking disqualifiziert, nachdem deren Präsidenten sich darum gestritten hatten, welcher Hochschule die Nobelpreisträger der alten Berliner Universität aus der Vorkriegszeit zuzurechnen sind. Und im Berliner Leistungsvergleich, auf dessen Basis der Senat in diesem Jahr 25 Prozent seiner Zuschüsse an die Hochschulen verteilt, hat die HU die FU gerade zum ersten Mal nach fünf Jahren überrundet.

Gerade Letzteres muss den FU-Präsidenten wurmen. Natürlich ist ihm bewusst, dass die Entwicklung der HU nicht auf einen Leistungsverfall der FU verweist, die sich im Gegenteil ebenfalls gesteigert hat. Auch steckt die FU noch bis 2012 in einer großen Pensionierungswelle, was beim Einwerben von Drittmitteln vorübergehend nachteilig wirken kann. Doch in einer Zeit, in der beide Unis sich im Elitewettbewerb ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, kratzt die Nachricht am Image der FU.

Dieses Image, nach langen Jahren heftiger politischer Kämpfe und dadurch verursachten Phlegmas in Forschung und Lehre, hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer weiter verbessert. Der Aufschwung begann unter Lenzens Vorgängern Gerlach und Gaehtgens. In der Amtszeit des jetzigen Präsidenten hat die Uni den „bisherigen Höchststand ihrer Leistungen“ erreicht, wie Lenzen gerade dem Akademischen Senat in einem Rechenschaftsbericht darlegen konnte. Sie zähle zu den „deutschen Spitzenuniversitäten“, illustrierte Lenzen anhand von zehn Rankings über DFG-Mittel, Humboldt-Stipendiaten oder Leibniz-Preisträger. Nur die Unis München und Heidelberg kommen so oft unter die ersten zehn wie die FU, hat der Präsident herausgefunden.

Überproportional gestiegene Drittmitteleinwerbungen, immer mehr Abschlüsse und Promotionen pro Professor – die Zielvereinbarungen, die die Unileitung seit dem Jahr 2000 mit den Fachbereichen abschließt, spornen zur Leistung an. Beim Frauenanteil an Professoren gehört die FU bundesweit ebenfalls zur Spitze. Spricht man die Frauenbeauftragte auf den Präsidenten an, lächelt sie zufrieden.

Die Freie Universität ist im Januar mit ihrem Antrag einer „Internationalen Netzwerkuniversität“ zum zweiten Mal in die Endauswahl im Elitewettbewerb gelangt, dafür hat Lenzen gekämpft. Dass auch einige große Forschungsschwerpunkte, „Cluster“, in die Endrunden gebracht wurden, führt der Präsident mit auf seine Strategie zurück, die Wissenschaftler der Uni in Clustern zusammenzubringen – lange bevor bekannt war, dass es in Deutschland überhaupt einen Elitewettbewerb um Cluster geben würde.

Lenzens Vision von der FU ist die einer exzellenten Campus-Universität. Ihre bislang im Südwesten Berlins verstreuten Institute sollen fußläufig erreichbar sein, konzentriert auf einem Campus wie es in den USA üblich ist. Nach und nach werden die Villen der Uni verkauft. Der „Gebäudekomplex in der Habelschwerdter Allee“ – Lenzen vermeidet die nach Gammeluni klingenden Namen „Rost- und Silberlaube“ – ist saniert. Herzstück ist die in Lenzens Amtszeit eröffnete blasenförmige Foster-Bibliothek. Hinter der Rostlaube entsteht ein Gebäude für die „Kleinen Fächer“. Das Kongress-Hotel, das Lenzen durch einen externen Investor auf dem Campus bauen lassen wollte, ist hingegen wegen einer Fülle von Hindernissen noch nicht in Sicht.

„Mach die Augen auf!/Die Kacke nimmt bekanntlich/jetzt gerade ihren Lauf!“, sangen streikende FU-Studierende im Winter vor einem Jahr in einem selbst gereimten Lied „Klaus der Student“. Ihr Ärger hatte sich an der von Lenzen eingeführten Software „Campus Management“ entzündet, mit der die Studierenden und Dozenten die neuen Bachelorstudiengänge verwalten sollen. Doch bald wurde klar, dass es nicht nur um lästige Macken der Software ging. Das „Campus Management“ wurde zur Zielscheibe der Studierendenproteste, weil es half, unrealistisch strenge Fristen und übertriebene Arbeitsbelastungen („workloads“) zu erfassen. Unerwünschte Überschneidungen im Lehrangebot konnte es dagegen nicht verhindern. Die Uni musste ihre Strafpunkteregelung für überschrittene Fristen zurücknehmen, an runden Tischen suchte man nach Lösungen.

Heute hat sich die Aufregung gelegt. Zwar gibt es letzte Überschneidungen zwischen Pflichtkursen immer noch. Doch zumindest den Dozenten ist klar, dass sich der hohe Verwaltungsaufwand im Bachelor ohne die Software nicht bewältigen lässt. Mängel im Bachelor wollen die Fachbereiche nun in den Griff bekommen, indem sie die Studienordnungen von Kinderkrankheiten heilen.

Und sonst? Im Akademischen Senat der Uni herrscht meist eine harmonische Stimmung. Debatten über den Antrag im Elitewettbewerb sind an der FU anders als an der HU nicht zu hören. Die Studierendenvertreter erwähnten den Wettbewerb bei ihrer Generalabrechnung mit Lenzen nicht einmal. Stattdessen beklagten sie, dass der Präsident die Wände der Uni an Unternehmen vermiete und dass China und die Polizei offenbar seine bevorzugten Kooperationspartner seien.

Verärgerte Vertreter abgewickelter „Kleiner Fächer“ werden den Präsidenten bei den Wahlen wohl kaum in ernsthafte Bedrängnis bringen, sie stehen sowieso einsam da. Andere Kritiker outen sich im gleichen Atemzug als Lenzens Unterstützer: So wundert sich zwar einer, der Verwaltungsstab des Präsidiums sei deutlich gewachsen, fügt aber sofort hinzu, das sei wohl angesichts der Größe der Aufgabe „unumgänglich“. Ein anderer stellt fest, manche Wissenschaftler fühlten sich vom Präsidium abgehängt – allerdings könne der Präsident, der die Uni durch ungezählte Sachzwänge steuern müsse, wohl kaum mit jedem Professor verhandeln: „Lenzen ist eine Lokomotive.“

Sogar die Professoren-Opposition im Akademischen Senat bescheinigt dem Präsidenten „offensichtliche und unbestreitbare Verdienste“ (Gerd Hoff vom linken „Dienstagskreis“) oder lobt die „besonders beeindruckende Erfolgskurve der Universität in den vergangenen vier Jahren“ (Joachim Küpper von der konservativen „Liberalen Aktion“). Fans wie der Psychologe Hans Westmeyer sehen in Dieter Lenzen gar „den besten Präsidenten, den die Freie Universität in ihrer Geschichte je hatte“.

Trotzdem hat es in diesen Tagen vor der nächsten Präsidentenwahl Verstimmungen gegeben. Die Professoren der kleineren Gruppen fühlten sich von Lenzen übergangen, weil er ihre Wunschkandidaten für die Ämter der Vizepräsidenten nicht akzeptieren wollte. Zwar ist ein Kompromiss zustande gekommen – die Opposition ist nun mit anderen Professoren in der Leitung vertreten. Aber verraucht ist der Ärger noch nicht. Es gibt neue Kritik: Der Präsident gestalte manche Berufungsvorgänge nach der „politischen Farbenlehre“.

Vielleicht bekommt Lenzen bei der Wahl einen Denkzettel. Seine Position gefährden dürfte das aber nicht. In den Augen so manchen Vertreters anderer Statusgruppen im Akademischen Senat handelt es sich bei den Rangeleien der Professoren ohnehin nur um einen Sturm im Wasserglas. Eine Lenzen-Anhängerin, die den Präsidenten am Mittwoch wählen wird, sagt: „Gegen ihn sind die alle Zwerge.“

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