Gesundheit : Lorettas lustiges Leben

JOSEFINE JANERT

Kuchen vom Vortag und Pullis vom Trödel / Studentischer SpartagVON JOSEFINE JANERTEs ist halb neun.Loretta Sparschuh steht in der Küche und schmiert sich Brote für die Uni.Wurst und Käse hat sie gestern bei Aldi gekauft, Obst beim Türken.Kuchen vom Vortag bekommt sie für 50 Pfennig beim Bäcker.Loretta muß sich beeilen.Sie will noch ein paar Leute anrufen.Wenn die Telekom ab neun Uhr den Vormittagstarif berechnet, kann Loretta sich das nicht leisten.Als Bafög-Empfängerin hat sie beim Sozialamt den Sozialtarif beantragt - und zahlt für ihr Telefon eine Grundgebühr von 7,82 Mark monatlich. Wen kann man zu dieser frühen Stunde schon erreichen? Ärzte, Behörden und Elfriede, die frühaufstehende Soziologiestudentin, die Loretta kürzlich beim Treffen ihres Tauschrings kennengelernt hat.Die Mitglieder dieser Vereinigung tauschen ihre Dienste aus, ohne dafür zu bezahlen.Jeder bringt sich mit seinen Fähigkeiten ein - und kann dafür die Hilfe der anderen in Anspruch nehmen: Haareschneiden gegen Gassigehen, Englisch gegen Massage.Elfriede hat Loretta beim Renovieren ihres Zimmers geholfen.Dafür paßt Loretta dann und wann auf ihren zweijährigen Sohn auf."Guten Morgen, Elfriede", grüßt Loretta und stellt die Tasse mit billigem Aldi-Tee auf dem Schränkchen ab, das sie neulich bei einer Wohnungsauflösung abgestaubt hat."Ich will mit ein paar Kommilitonen nach Dresden fahren.Kostet bei fünf Personen nur sieben Mark pro Nase, wenn wir das Wochenendticket nehmen.Kommst du mit?" Elfriede sagt sofort zu. Mit den Broten, der Ein-Liter-Thermosflasche und dem Habermas-Band, den sie kürzlich an einem Bücherstand vor der FU verbilligt erstanden hat, radelt Loretta in Richtung Uni.Der Tagesspiegel, den sie zum Studentenpreis von 21,40 Mark abonniert hat, steckt in ihrer Jackentasche.Einen Zwischenstop legt Loretta in der Charité ein, wo sie sich regelmäßig einen halben Liter Blut abzapfen läßt.Was für ein guter Mensch ich bin, denkt sie und steckt sich die Aufwandsentschädigung ein.Dann ist aber wirklich Zeit für die Vorlesung. Loretta setzt sich im Hörsaal in die erste Reihe und kramt Block und Stift heraus - beides aus der Ramschkette "Connys Container" oder vom Konkurrenten "Rudis Resterampe", wo neuerdings ein hübscher Verkäufer arbeitet.Loretta hat ein Auge auf ihn geworfen - und geht deshalb jetzt pausenlos auf Schnäppchenjagd.Ich muß wirklich sparen, denkt sie und malt Strichmännchen auf ihr Blatt.Apropos Männchen: Loretta nimmt sich vor, morgen beim Sozialmedizinischen Dienst ihres Bezirks vorbeizuschauen.Wenn sie dort einen Einkommensnachweis vorlegt, bekommt sie als Bafög-Empfängerin kostenlos Verhütungsmittel.Bei ihrer Krankenkasse hat sie sich von der Rezeptgebühr für Arzneimittel befreien lassen.In der Apotheke zeigt sie jetzt nur noch ihr Kärtchen vor. Nach der Vorlesung hastet Loretta in die Mensa, um sich rasch ein paar billige Klopse einzupfeifen.Da bis zum nächsten Seminar noch eine Stunde Zeit bleibt, durchforstet sie die Kleinanzeigen der Wochenblätter nach Gelegenheiten und Sonderangeboten.Wenn dort wider Erwarten mal Flaute ist, geht Loretta trödeln.Pullover, einen Mantel, Geschirr, eine Kaffeemaschine und einen alten Sessel hat sie alles im letzten Jahr auf Flohmärkten gefunden.Das Fahrrad stammt von einer Auktion.Es hat 40 Mark gekostet. Im Seminar trifft Loretta Thorsten, der mit ihr ins Kino möchte.Sie vertröstet ihn auf Freitag - und auf die "Tilsiter Lichtspiele" in der Richard-Sorge-Straße 25a in Friedrichshain, wo Kino nur sieben Mark kostet.Eine Alternative wäre der kostenlose Besuch des Deutschen Historischen Museums.Die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bieten immerhin am ersten Sonntag eines Monats freien Eintritt. Nach der Uni fährt Loretta noch schnell bei ihrer Bank vorbei und legt eine Immatrikulationsbescheinigung vor, damit sie auch im kommenden Semester günstige Studentenkonditionen erhält.Zur Happy Hour trifft sich Loretta in der Bar "N.N." in Schöneberg mit ihrem "Tandem", dem Literaturstudenten Tom aus London.Regelmäßig übt er mit ihr Englisch, wofür sie sein Deutsch verbessert.So haben beide einen teuren Sprachkurs gespart und lernen dazu noch bei einem Muttersprachler.Loretta und Tom schlürfen Drinks zum halben Preis und knabbern Kekse, die von einem Fabrikverkauf in Tempelhof stammen.Nach ihrem Englisch-Crash-Kurs radelt Loretta rasch nach Hause, und springt in ihren Designerrock, den sie kürzlich bei einem Fabrikverkauf verbilligt erstanden hat.Sie macht sich chic für einen Salsa-Abend im Grünen Salon der Volksbühne, wo sie mittwochs nur drei Mark Eintritt zahlt.Ihre Mitbewohnerin Franziska serviert gerade das Abendessen.Es gibt preiswertes Gemüse aus dem "StudentInnenkochbuch" und dazu Joghurt, der wegen des nahenden Verfallsdatums im Supermarkt preislich herabgesetzt war."Das Studentenleben ist lustig" sagt Loretta.Franziska pflichtet ihr bei.Wenig später steigen sie gemeinsam in den Bus und freuen sich darüber, daß Franziskas Umweltkarte "Premium" nach 20 Uhr für Zwei gilt."Was für ein Tag", sagt Loretta Sparschuh.Im stillen hofft sie, daß ihr heute abend ein netter Mann begegnet, der ihr möglichst viele Drinks spendiert.Vielleicht sogar der Verkäufer aus "Rudis Resterampe". Über günstige Studentenkonten informiert Campus in der kommenden Woche.

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