Gesundheit : Lothar Machthan: Hitlers Geheimnis: Hitler sells - Sex sells

Peter Siebenmorgen

Die letzten Fragen zu Hitler und den nationalsozialistischen Verbrechen werden sich nie schlüssig beantworten lassen. Vieles lässt sich erforschen - wie kam Hitler an die Macht, wie übte er sie aus, was hat ihn geprägt -, doch eine Antwort lässt sich nicht geben: Wie kann so viel Böses Menschengestalt annehmen und in die Welt hineinbrechen? Und da sich die Beantwortung diese Frage der exakten Wissenschaft entzieht, wird Hitler die um Wissen und Verstehen bedachten Forscher und auch das breite Publikum nicht ruhen lassen. Zu der Grundausstattung des menschlichen Geistes zählt die Unfähigkeit, sich damit abzufinden, etwas nicht wissen zu können. Zeitungen und Buchverlage sind aufgrund dieses Umstands immer wieder der Versuchung erlegen, eine marktgerechte, gleichwohl zynische Konsequenz zu ziehen: Hitler sells.

Ein anderes, nicht ganz so zynisches, gleichwohl ehernes Gesetz der Medien lautet: Sex sells. Wesentliche Teile unserer Medienlandschaft demonstrieren Tag für Tag, wie einträglich das Geschäft mit unser aller Voyeurismus ist.

Wie schön sich beides - Hitler und Sex - miteinander kombinieren lässt, hat unlängst erst die ungeheuere Erfolgswelle von Publikationen bewiesen, die unter dem Rubrum "Die Frauen der Nazis" die häuslichen, familiären und privaten Seiten der Tätergesellschaft auskundschaftet. Nachdem hierbei der durchaus unentschiedene Fall der Führer-Braut Eva Braun hin- und hergewendet worden ist, konnte es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis sich irgendwer der sexuellen Neigungen Hitlers einmal andersherum annähme und diesen als Homosexuellen outet.

Dafür hat sich nun Lothar Machtan, ein Bremer Historiker, der unter anderem vor vielen Jahren eine beachtliche Studie zu Bismarcks Sozialstaat vorgelegt hat, mit der sich wissenschaftlicher Lorbeer ernten ließ, aber kaum Kasse zu machen war, hingegeben. Sein Buch über "Hitlers Geheimnis" wird seine Käufer finden - Glückwunsch! Es wird zugleich alle jene Leser enttäuscht zurücklassen, die sich nicht damit zufrieden geben wollen, dass es so gewesen sein könnte, vielleicht aber auch nicht.

In jenen wenigen, knappen Passagen seines Buchs, die wissenschaftliche Demut wenigstens vorzutäuschen sich bemühen, räumt der Autor sogar ein, dass er lediglich ein Indiziennetz weben könne. Denn Hitler - so perfide war er! - hat nicht nur die europäischen Juden ausgerottet und die Welt mit Krieg überzogen, sondern obendrein auch noch alle Unterlagen, die seine Homsexualität belegen könnten, vernichtet. Wer also von den windigen, dürren Zeugnissen aus zweiter und dritter Hand, die Machtan lediglich für seine Beweisführung vorlegen kann - neu sind diese übrigens auch nicht -, nicht überzeugt ist, der möge sich, bitte schön, beim Führer beschweren und nicht dessen Opfer, den Buchautor, behelligen.

Machtan, der Enthüller von Hitlers Geschlechtlichkeit, geriert sich überdies als ein Tabubrecher. Die Nachkriegsdeutschen hätten es nicht ertragen, dass der Massenmörder auch noch schwul gewesen sei. Deshalb sei sein Forschungsgegenstand bisher tabusiert worden. Darf man dies als Aufforderung verstehen, sich weiteren, unangetasteten Tabus endlich anzunehmen? Längst ist bekannt, dass Hitler Vegetarier war. Aber niemand ist bisher der Frage nachgegangen, ob die Verweigerung der Aufnahme von tierischen Nahrungsmitteln in besonderem Maße zum Völkermord disponiert. Viel Stoff für einen neuen Bestseller!

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