Gesundheit : Ludwig Feuerbach: "Das Gute verursacht das Böse"

Gert Lange

Ludwig Feuerbach, der berühmte deutsche Philosoph und Vordenker von Karl Marx, hat nicht nur ein vielschichtiges Werk hinterlassen, sondern auch einen wohlgeordneten Nachlass. Doch der galt über ein halbes Jahrhundert lang als verschollen. Erst 1956 entdeckte der Berliner Philosophiehistoriker Werner Schuffenhauer die vergessene Erbschaft: in einem schweinsledernen Reisekoffer, den Feuerbachs Tochter Eleonore 1919 der Universitätsbibliothek München übereignet hatte.

Der Letzte, der die unveröffentlichten Schriften, Briefe, Exzerpte gesehen hatte, war der finnische Philosoph Wilhelm Bolin, der gemeinsam mit dem Prager Dozenten Friedrich Jodl zwischen 1903 und 1911 "Ludwig Feuerbachs Sämtliche Werke" herausgab. Darin wurden einige bedeutende, bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Texte aufgenommen. Aber von einer systematischen Aufarbeitung des Nachlasses konnte nicht die Rede sein wie überhaupt der Vergleich mit den Handschriften zu wünschen übrig ließ.

Diese Situation - und weil die alte Ausgabe kaum noch zugänglich war - bewog die Akademie der Wissenschaften der DDR in den sechziger Jahren, Feuerbachs "Gesammelte Werke" neu herauszugeben. Schuffenhauers Recherchen nach dem Verbleib des Nachlasses hatten dem Projekt starken Auftrieb gegeben. Natürlich stürzten sich sofort Philologen auf die wieder aufgetauchten Schriften. Carlo Ascheri und Erich Thies, nachmaliger Wissenschaftssenator in Berlin, gebührt das Verdienst, sehr schnell die "Erlanger Vorlesungen" zugänglich gemacht zu haben. Feuerbach hat sie als Privatdozent in den Jahren 1829 (da war er gerade 24 Jahre alt) bis 1836 gehalten.

Jetzt liegt der erste von vier Nachlassbänden in Feuerbachs "Gesammelte Werke" des Akademie-Verlages vor. Er beinhaltet die "Einleitung in die Logik und Metaphysik", die "Geschichte der Philosophie" in bezug auf "Logik und Metaphysik" und die Opponentenrede "Über das Böse und seinen Ursprung". Während die beiden ersten Titel die Ascheri/Thiessche Edition nach textkritischer Durchsicht neu vorlegt, ist die Opponentenrede eine Erstveröffentlichung.

1828 hatte der Theologe Adolph von Harleß Feuerbach gebeten, bei der Verteidigung seiner Dissertation zu opponieren. Der sonst eher zurückhaltende, selten polemische Feuerbach widerlegt in dieser Rede mit einem Feuerwerk streng logischer Schlüsse die Ansicht von Harleß, das Böse trete "von außen in die Menschenseelen ein", quasi als das Unverstehbare, Teuflische und sei "dem Guten entgegengesetzt". Feuerbachs Antwort: Das Böse ist "die Einheit von Wille und Natur, das Gute die Differenz, ja sogar auf gewisse Weise der Widerstreit". Folglich sei das Böse durch das Gute verursacht. Weil das Gute unterscheidet, ist es "Quell und Ursprung von Streit".

Ein Jahr nach der Opponentenrede taucht das Thema in den Vorlesungen über Logik und Metaphysik wieder auf. Darin beklagt sich Feuerbach, in der bisherigen Betrachtungsweise werde das Böse "herausgerissen aus allem Zusammenhange". Es sei, wie das Gute und wie der Mensch überhaupt, in der Theologie nur eine abstrakte Vorstellung. Dadurch sei es wahrlich unbegreiflich. Feuerbach pocht auf die Realität und macht den Menschen schon in seiner ersten Vorlesung als sinnliches Wesen zum Gegenstand seiner Philosophie: "Der wirkliche Mensch ist der, in dem das Gute nicht vom Bösen, der Kampf, der Schmerz nicht von Lust und Freude getrennt ist; und nur ein solcher Mensch kann wirklich sein." Ein "Reich des Bösen", beispielsweise, gibt es in Feuerbachs Diktion nicht; sich ein solches vorzustellen ist seiner Logik gemäß reine Theologie.

Bereits in diesen frühen Äußerungen liegen die Keime, woran sich Feuerbachs anthropologischer Materialismus der späteren Jahre auskristallisiert. Die Kontroversen über Wesen und Ursprung des Bösen beflügeln ihn, den christlichen Idealismus hinter sich zu lassen, letztlich die Theologie in Natur- und Menschenlehre aufzulösen, wie er sich allmählich von Hegel lossagt.

Gleiches gilt für die Philosophiegeschichte in den Erlanger Vorlesungen. Feuerbach ist der Ansicht, dass die Beschäftigung mit Philosophiegeschichte selbst schon Philosophie ist. Das sagt Hegel auch, aber Feuerbach geht in seinen Studien zur Antike, später zur neueren Philosophie bis Spinoza weit über Hegel hinaus. Vor allem gibt es einen methodischen Unterschied: Während Hegel Philosophiegeschichte betreibt, um sein Kategoriensystem zu begründen, das er für den Gipfelpunkt des Denkens hält und als Maßstab an die Offenbarungen der Vordenker anlegt, ist Feuerbach, obwohl noch Hegelianer, ein Suchender. Für ihn ist der Weg der Philosophie offen.

Dass Ludwig Feuerbach in seinem Bemühen, das Allgemeingültige zu erkennen(worin er die Aufgabe der Philosophie sieht), gegen mannigfache Vorurteile angehen musste, liegt in der Natur der Sache. Dabei erschließen sich interessante Parallelen zur gegenwärtigen "Beliebigkeitsdebatte", wie sie zwischen postmodernen Geisteswissenschaftlern und Naturforschern geführt wird und wo es um die Frage geht, ob Wahrheit erkennbar ist, ja ob es überhaupt feststehende Wahrheiten gibt.

In dem Nachlassband ist ein Fragment aufgenommen, worin sich Feuerbach zum "kritischen Standpunkt" der Vernunftszweifler äußert. Er antwortet mit einem logischen Argument: Eine Kritik an der Erkennbarkeit der Wahrheit ist unsinnig, weil eine Einschätzung des Weges zur Erkenntnis die Kenntnis der Wahrheit voraussetzt. Feuerbach konstatiert, es sei eines der größten Mißverständnisse des Geistes und der Vernunft, "wenn man ihm bestimmte Fähigkeiten und ein bestimmtes Maß derselben zuschreibe".

Und das empirische Argument: "Allerdings ist die Wahrheit für uns unerkennbar, wenn wir glauben, dass sie es ist." Ein Künstler stelle gewiß auch nicht, bevor er ein Werk beginnt, eine Untersuchung seiner Fähigkeiten und Kräfte an. Wer den Trieb nach Wahrheit "und dem Denken als seinem Organ" hat, habe die Frage nach dem Vermögen schon beantwortet.

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