Gesundheit : Ludwig Wittgenstein: Der Philosoph als Ingenieur

Anatol Schneider

Es gibt nur wenige Philosophen, die ein Werk hochgemuter eingeleitet haben, als Ludwig Wittgenstein. In seiner ersten und einzigen zu Lebzeiten erschienenen philosophischen Schrift, der im Jahr 1922 veröffentlichte "Tractatus logico-philosophicus", beschrieb er die Wahrheit der von ihm mitgeteilten Gedanken als "unantastbar und definitiv". Er fügte hinzu: "Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben."

Doch mit solcher, im persönlichen Umgang oft genug aufbrausenden Wahrheitsliebe verband Wittgenstein eine seltene Bescheidenheit, die ihn im selben Atemzug sagen lassen konnte: "Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, dass sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass diese Probleme gelöst sind."

Auch in seinen Begabungen stellt sich Wittgenstein als vielfältige Persönlichkeit dar. Das zeigt der Titel eines internationalen Symposiums, das die Technische Universität Berlin veranstaltet: "Ludwig Wittgenstein. Ingenieur - Philosoph - Künstler". Nachdem die Rezeption zu Wittgensteins Werken den Schwerpunkt bisher eher bei der Sprachphilosophie oder der Philosophie des Geistes legte, wollten die Organisatoren der Berliner Veranstaltung zum 50. Todesjahr des Philosophen nun vor allem die Bedeutung des Ingenieurs Wittgenstein untersuchen. Dass der von Günter Abel (TU Berlin), Matthias Kroß (Einstein Forum, Potsdam) und Michael Nedo (Wittgenstein Archive, Cambridge) in den Mittelpunkt gerückte Aspekt ein entscheidender ist, legt auch Wittgensteins Biographie nahe.

Ein Student der Luftfahrttechnik

Am 23. Oktober 1906 immatrikulierte sich der 1889 in Wien geborene Industriellensohn mit der Matrikelnummer 18083 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg, der heutigen TU. Für Wittgensteins Entscheidung, nach Berlin zu gehen, scheint einer der großen Erfinder seiner Zeit gesprochen zu haben: Franz Reuleaux. Reuleaux gilt als einer der Begründer der modernen Ingenieurwissenschaften.

In Berlin befasste sich Wittgenstein, wie seine Schwester Hermine berichtete, "viel mit flugtechnischen Fragen und Versuchen". Er studierte Luftfahrzeugtechnik und Aeronautik, untersuchte das Verhalten fliegender Körper und befasste sich intensiv mit der Steuerung und Stabilisierung von Flugapparaten. Aus dieser Beschäftigung ging der im Jahr 1911 patentierte Blattspitzenantrieb für so genannte Drehflügel-Flugapparate hervor. Der Antrieb entsteht, indem Luft aus den Spitzen der Rotorblätter ausgestoßen wird. Mit dieser Technik benötigt beispielsweise ein Hubschrauber keinen Ausgleich für das Drehmoment an der Rotorwelle mehr, er kommt ohne stabilisierenden Schwanzrotor aus. Das kann man an einem Modell im Lichthof der TU studieren.

Die technische Intelligenz des immerhin erst 22-jährigen Wittgenstein, so Jürgen Thorbeck, Professor für Luft- und Raumfahrt an der TU, lasse sich gerade in der Einfachheit der Konzeption erkennen: "Im Weglassen liegt die Intelligenz." Den Wirkungsgrad des Motors nennt Thorbeck zwar "nicht berauschend", doch künftige Anwendungen im Bereich der Mikrotechnik will er nicht ausschließen.

In Berlin begann sich Wittgenstein aber neben der Ingenieurwissenschaft auch mit der Philosophie zu befassen, von der er sich "ergriffen fühlte", wie seine Schwester berichtete. Und zwar "so stark und so völlig gegen seinen Willen, dass er schwer unter der doppelten und widerstreitenden inneren Berufung litt und sich wie zerspalten vorkam." So ging er nach dem Abschlussdiplom im April 1908 zunächst nach Manchester, 1911 dann nach Cambridge ans Trinity College, um bei Bertrand Russell Logik und Philosophie zu studieren. In dieser Zeit schwankte Wittgenstein den Erzählungen Russells zufolge noch immer zwischen Philosophie und Luftfahrtechnik und begann, am "Tractatus" zu arbeiten.

Philosophie in der Verantwortung

Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, die Frage nach der Bedeutung des Ingenieurs für den Philosophen zu stellen. Kroß formulierte hierzu die These, Wittgenstein habe versucht, die Philosophie "als eine technische Apparatur zur Lösung all jener Fragen umzubauen und in Gebrauch zu setzen, die die Philosophie in ihrer überkommenen Form nicht hat lösen können." Damit trete die Philosophie in die Verantwortung, sich nicht in den aufgestellten Anwendungsregeln zu verfangen, sondern ihnen zu entsprechen. Wenn die Philosophie als Technik verstanden werde, bedeute das eben auch, dass sie die Übersicht über ihren Gegenstand nicht verlieren dürfe und sich in "Übersichtlichkeit der Darstellung" zu üben habe.

Ab kommendem Montag kann die Ausstellung zum Symposium im Architekturgebäude der TU besichtigt werden. Neben einer Abbildung des Patents zu Wittgensteins Antriebsaggregat finden sich hier Abbildungen etwa einer während des Zweiten Weltkrieges entworfenen Apparatur zur Messung von Puls, Blutdruck und Atemfrequenz. Zudem kann man durch zahlreiche Fotografien einen Überblick über Wittgensteins Leben und Einblick in sein künstlerisches Werk gewinnen. Stärker als die Vorträge in dieser Woche wird sich darüber hinaus ab dem 9. Oktober ein Programm in der österreichischen Botschaft mit dem Verhältnis Wittgensteins zur Musik befassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar