Gesundheit : Lumumba-Universität Moskau: Studiosi aller Länder ...

Volker Krampe

"Natürlich haben wir ein anderes Rechtssystem", sagt Tarek Ersoy aus Azerbaidschan. Der 26-Jährige studiert im fünften Jahr Jura an der Lumumba-Uni, die jetzt offiziell Russische Universität der Völkerfreundschaft (russisch kurz: RUDN) heißt. Derzeit schreibt Tarek an seiner Diplomarbeit - Thema: "Urheberschutz im russischen Rechtssystem". "Wir werden hier systematisch im Rechtsvergleich getrimmt. Nicht nur das russische öffentliche, Straf- und Privatrecht lernen wir, sondern auch die Varianten in Westeuropa, England, den USA und der Dritten Welt. Das hilft sehr, einen Überblick zu gewinnen". Stolz lobt Tarek die Rechtskoryphäen Ian Kosotschkin und das Akademiemitglied Wassilij Kutschninskij.

Die Lumumba-Universität ist ein Kind der Chruschtschow-Ära. Im Februar 1960 wurde sie zu Ehren des ermordeten kongolesischen Revolutionärs und Staatsführers als Patrice-Lumumba-Universität gegründet. "Wir werden von allen noch immer so genannt. Und die Umbenennung beschloss die Regierung, ohne uns zu fragen", betont der wissenschaftliche Sekretär der RUDN Wladimir Maloseew.

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre erlangten Dutzende ehemaliger Kolonien in Südamerika, Afrika und Asien politische Unabhängigkeit. Binner weniger Jahre entstand eine enorme Nachfrage nach gut ausgebildeten Führungskräften. Die UdSSR erkannte ihre Chance. Hoch dotiert durch die Staatskasse, boten sowjetische Hochschulen, voran die Lumumba-Uni, den Regierungen befreundeter Länder und Befreiungsbewegungen gratis Studienplätze an.

Tareks Freund und Kommilitone Asis Komirow (28) aus Dagestan studiert gratis. Er hat die Aufnahmeprüfung geschafft. Rund ein Drittel ihrer Kommilitonen muss dagegen Studiengebühren bezahlen - für Jura derzeit 4000 US-Dollar im Jahr. Allerdings ist das geschätzte monatliche Prokopfeinkommen mit knapp 1000 Dollar in Moskau zwei- bis dreimal so hoch ist wie in anderen russischen Städten. Zumindest die Aufnahmeprüfungen erinnern an russischen Hochschulen und so auch an der Lumumba-Universität zuweilen noch an sowjetische Zeiten. Sieht man einmal ab von den zusätzlichen PC-gestützten Multiple-choice-Tests, die jetzt in Chemie und Geografie eingesetzt werden. Bewerber für das Fach "Weltökonomie" müssen schriftliche Prüfungen in Mathematik, russischer Sprache und Literatur über sich "ergehen" lassen.

Rassismus spüren die beiden Dunkelhäutigen, die Freunde aus Kolumbien, Peru und Korea haben, an der Uni nicht. Sicher gebe es Antipathien, Hackordnungen und gelegentlich auch ungerechte Bewertung seitens der Dozenten, bei der die Hautfarbe womöglich eine Rolle spielte, gesteht Tarek ein. "Aber hier sind so viele Nationen vertreten, dass sich immer Ausgleich und Vermittlung finden", erklärt Asis. Früher seien in den Wohnheimen absichtlich Russen, Araber und Afrikaner in ein Zimmer gesteckt worden. Jetzt wohnen Landsleute meist zusammen und mehr Streit zwischen den Nationen gebe es trotzdem nicht. "Außerhalb der Uni haben wir es dagegen viel schwerer. Spätestens seit den Tschetschenienkriegen sind wir der Miliz ein Dorn im Auge", fügt er hinzu. Und auf einen Platz als Richter hofft Asis schon lange nicht mehr, selbst wenn die Noten reichen.

An der alten Lumumba-Universität schulten die Moskauer Internationalisten ihre Gaststudenten nicht nur in Saattechnik, Luftröhrenschnitt, oder Kohleabbau. Der Lehrstuhl "Wissenschaftlicher Kommunismus", mittlerweile umbenannt in "Politologie", trimmte die Jung-Kader mindestens ebenso unerbittlich in sozialistischer Gesinnung. Das hat sich geändert.

Nach dem politischen Umsturz in Russland hatte es die RUDN leichter als etwa die renommiertere Lomonossow-Uni (MGU), die sehr viel Grundlagenforschung betrieb und dafür erstmal keine Geldgeber mehr fand. Die RUDN entrümpelte schnell die Studienpläne. Sie nutzte ihre Auslandsbeziehungen, um prominente Dozenten anzuwerben. Und sie befriedigte die Nachfrage nach Absolventen in völlig neuen Fächern wie Pressearbeit oder Lokalverwaltung. Außerdem war die RUDN die erste Uni Russlands, die nach englischem Vorbild Bachelor- und Magister-Titel einführte - federführend war der damalige Dekan der Mathematischen Fakultät und heutige Bildungsminister Wladimir Filippow.

Zwischenzeitlich erlangte die RUDN den zweifelhaften Ruf, ein Drogenumschlagplatz zu sein. Nach ständigen Razzien kehrte 1997 Ruhe ein. Mittlerweile verlagerten sich die Reviere der Dealer, unter ihnen RUDN-Studenten, an den Nikitskij Boulevard im Zentrum, berichtete "Istwestija" vor kurzem.

Eine Besonderheit hat die einstige Kaderschmiede im Moskauer Südwesten: Jeder Absolvent kann neben seinem Fachdiplom einen Abschluss als Dolmetscher und Übersetzer in bis zu drei Sprachen machen. Das verbessert seine Berufschancen im Heimatland erheblich. Derzeit existieren an der RUDN neun Fakultäten: die Ökonomische, Juristische, Medizinische, Landwirtschaftliche, Philologische, Ökologische und die Fakultät der Human- und Sozialwissenschaften, der Mathematik und Naturwissenschaften sowie die Fakultät für Ingenieurwissenschaften. Eine solche Vielfalt - in Europa für eine klassische Universität selbstverständlich - ist in Russland einzigartig.

Die RUDN hat noch immer 9000 Studenten aus 114 Ländern. Allerdings ist der Ausländeranteil mittlerweile auf 30 Prozent gesunken - vor zehn Jahren waren es noch rund 60 Prozent. Noch immer werden aber jährlich 1000 Stipendien an Bewerber aus der Dritten Welt vergeben. 20 Prozent der Studenten kommen aus den autonomen Gebieten und Republiken Russlands. Burjaten, Nenzen, Jakuten, Ewenken, Udmurten - die Vertreter all dieser Ethnien studieren an der RUDN auf Staatskosten.

"Wir prüfen bei jedem Studenten aus den Autonomien und aus dem Ausland intensiv seine Russischkenntnisse. Wer es nötig hat, wird für ein oder zwei Semester in Vorbereitungskurse geschickt. Danach sind in der Regel alle studierfähig", erklärt Wladimir Maloseew. Keine andere Uni hat in den Augen des Kreml so viel Kompetenz im Umgang mit kulturellen Feinheiten im Riesenreich und bekommt staatlich finanzierte Verträge, um die neuen regionalen Eliten auszubilden.

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