Gesundheit : Macht des Geistes

Gedanken formen das Gehirn, Glück kann man lernen – so die Botschaft mancher Hirnforscher. Stimmt das wirklich?

Bas Kast

Es gab einmal ein Dogma, und das ging so: Sobald wir auf die Welt kommen, hat unser Hirn auch schon mit der Welt abgeschlossen. Es ändert sich nicht mehr. Schluss, aus. So absurd diese Vorstellung vom „statischen Gehirn“ auch anmuten mag, sie war weit verbreitet, in der Öffentlichkeit, in Klassenzimmern, sogar im Biologieunterricht brachte man den Schülern diese „Tatsache“ bei; die Ironie, die darin lag, schien kaum einen zu stören: Wenn sich nämlich nach der Geburt tatsächlich nichts mehr tut im Oberstübchen, wozu dann der Unterricht? Jeder Schüler, der sich das Dogma einprägte, widerlegte es mit eben dem Akt des Einprägens.

Inzwischen ist die Idee längst auch wissenschaftlich widerlegt. Hirnforscher haben nachgewiesen, dass sich die Nervenzellkontakte (die Synapsen) täglich ändern können, sie kommen und gehen, die Neuronen schließen neue Kontakte, ja, sie wachsen zum Teil sogar nach. Doch statt die Tatsache, dass sich unser Gehirn ständig – mit jeder neuen Erfahrung, wer hätte das gedacht! – ändert, als Selbstverständlichkeit zu verstehen, wird sie immer wieder als „Meilenstein“, „Paradigmenwechsel“ und „Revolution“ gefeiert, von Forschern, Seminarleitern und Ratgeberautoren.

Die angebliche Revolution, die wir dabei erleben, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: „Neuroplastizität“. Das Schlagwort ist für viele zum wissenschaftlichen Alibi dafür geworden, einen alten Wunschtraum neu zu träumen: den Mythos von der völligen Formbarkeit des Menschen. Der Traum von der Kontrolle des Geistes über die Materie. Alles ist möglich, wird aus den „neuen Erkenntnissen der Hirnforschung“ herausgelesen, du musst es nur wollen. Die Macht des Bewusstseins ist grenzenlos, nutze sie!

Da sich das Gehirn neu verdrahten kann, lässt sich im Prinzip (dazu müssen Sie nur noch dieses Buch kaufen) alles ab- oder antrainieren: Ängste, Depressionen, Glück – alles eine Sache des Denkens, der Einstellung und „fokussierten Aufmerksamkeit“. Wer die Schlagzeilen zum Thema Neuroplastizität verfolgt, bekommt den Eindruck, das Gehirn würde von Jahr zu Jahr plastischer. Das alte Dogma ist verschwunden und durch ein neues ersetzt worden.

Jüngstes Beispiel dafür ist ein Buch der Wissenschaftsjournalistin Sharon Begley („Wall Street Journal“), das derzeit in den USA für Furore sorgt und in wenigen Tagen auch bei uns erscheint: „Neue Gedanken, neues Gehirn“ (512 Seiten, Goldmann Verlag). „Denken kann das Gehirn verändern!“, verkündet der Verlag und sieht damit die „Naturwissenschaft am Wendepunkt“: Depressionen lassen sich fortan in Freude, Aggressionen in Mitgefühl verwandeln.

Man könnte das Ganze einfach als Unsinn abtun, aber so leicht ist es auch wieder nicht. Die Forschungsergebnisse, die unter dem Begriff der Neuroplastizität laufen, sind größtenteils durchaus seriös. Und wie jeder weiß: Wir können uns ja ändern, auch im hohen Alter noch. Gut also, dass Hirnforscher das nun ebenfalls erkannt haben.

Doch ihre Ergebnisse verheißen mehr. Ein bekanntes Beispiel etwa ist, dass bei Geigenvirtuosen die Hirnregion, die die Finger der linken Hand kodiert, „erweitert“ ist. Was übrigens nicht heißt, dass diese Hirnregion aufgedunsen ist, sondern dass die Finger ein größeres Hirnareal als üblich beanspruchen. Bei anderen Menschen beschäftigt sich die gleiche Hirnregion mit etwas anderem (zum Beispiel mit der Kodierung anderer Finger oder Körperteile).

Noch einen Schritt weiter gehen die Studien des Harvard-Forschers Alvaro Pascual-Leone, der kürzlich nachgewiesen hat, dass sich eine gewisse Hirnregion nicht nur „vergrößert“, wenn man ein bestimmtes Klavierstück wiederholt spielt, sondern auch und in ähnlicher Weise, wenn man regelmäßig an das Klavierstück denkt . So weit, so gut. Für die Wissenschaftsautorin Begley ist der Befund Anlass für eine frohe Botschaft: Im Grunde, suggeriert sie, kann man sich das mühsame Üben mit dem Golfschläger schenken – schließlich ändert sich das Hirn schon allein, wenn wir uns das Training (fest) vorstellen. Armer Tiger Woods, der noch nicht von den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung gehört hat und sich nach wie vor in altmodischer Manier auf dem Golfplatz abrackert!

„Richtig ist, dass es hilft, wenn man sich nach einem Training die Bewegung oder was auch immer man gelernt hat, noch einmal vorstellt“, sagt der Hirnforscher Thomas Elbert von der Universität Konstanz. „Das Neuronennetzwerk wird dadurch teilweise reaktiviert und verfestigt sich.“ Auch im Schlaf kann der Zellverband im Kopf noch einmal zu Leben erwachen – das Gelernte verankert sich. „Mit diesen Einsichten verstärkt die Hirnforschung, was wir ohnehin schon wussten“, sagt Elbert. „Daraus zu schließen, wir könnten uns mit Hilfe des Denkens beliebig umformen oder Depressionen wegtrainieren, halte ich für blödsinnig.“

„Neuronale Plastizität wird übertrieben und missverstanden, und das scheint mir auch auf Begleys Behauptungen zuzutreffen“, kritisiert auch der Harvard-Forscher Steven Pinker in einer E-Mail an den „Tagesspiegel“. Pinker hatte schon in seinem letzten Buch „Das unbeschriebene Blatt“ die Plastizitätseuphorie als Wunschdenken entlarvt: „Einige Beobachter feiern die Plastizität als eine Eigenschaft, aus der sich ungeahnte Entwicklungen ergeben werden – eine ungeheure Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten, die zu revolutionären Neuerungen auf dem Gebiet von Kindererziehung, Bildung, Therapie und Gerontologie führen werden“, so Pinker. Dabei beweise die „Entdeckung, dass sich das Gehirn mit der Erfahrung verändert ... nicht, dass das Lernen einflussreicher ist, als wir gedacht haben“.

Lernen und Veränderungen im Gehirn gehen Hand in Hand. Jedes Denken geht mit Hirnveränderungen einher. Es handelt sich dabei nicht um zwei verschiedene Dinge, sondern nur um verschiedene Beschreibungsebenen. Pinkers Fazit: „Neuronale Plastizität ist einfach ein anderer Name für Lernen“.

Dass einige ausgewählte Hirnbereiche bis ins hohe Alter plastisch sind, heißt außerdem nicht, dass das gesamte Hirn gleichermaßen formbar ist. So mögen sich ganz spezifische Netzwerke, die unsere Finger kodieren, beim Geigenspielen ändern – viele unserer Einstellungen und Emotionen jedoch sind nicht ganz so plastisch, wie wir uns das manchmal wünschen. „Ein Beispiel sind Angsterkrankungen, die schon im Mutterleib ihren Ursprung haben, vom Einfluss der Gene mal ganz abgesehen“, sagt Elbert.

Ein anderes Beispiel, das Pinker anführt, ist Homosexualität. So haben Psychiater in weniger toleranten Zeiten öfters versucht, ihre schwulen „Patienten“ zu Heteros umzuprogrammieren. Man ließ sie beispielsweise „Hochglanzfotos im Playboy betrachten, während sie sexuell erregt waren“, berichtet Pinker. „Alle diese Techniken haben versagt.“ Denn: „Einige Bereiche unseres Gehirns sind einfach nicht plastisch, und alle Entdeckungen, die weiteren Aufschluss über die Verdrahtung des Kortex geben, werden daran nichts ändern.“

„Ich glaube, die Begeisterung rund um das Thema Plastizität hat ihren Zenit erreicht“, urteilt Isabella Heuser, Psychiatrie-Chefin an der Berliner Charité. „Sie wurde angetrieben von den vielen bunten Hirnbildern – aber diese Bilder sagen uns nichts Neues über unsere Lernfähigkeit.“ Und doch, die Vorstellung von der absoluten Macht des Geistes und des Denkens werde wohl für einige ein unwiderstehliches Faszinosum bleiben: „Was dahintersteckt, ist der Wunsch des Menschen nach Perfektion – die aber soll auf möglichst energiesparende Weise erreicht werden.“

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