Gesundheit : „Macht euch auf die Socken“

Schröder will mehr Geld für Bildung – aber nicht mehr Schulden

Anja Kühne

Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte die Hochschulrektoren in Berlins Schloss Charlottenburg kaum freundlich winkend verlassen, um zum nächsten Termin zu eilen, da grätschte ihm sein Parteigenosse Klaus Wowereit in die Waden. Der Regierende Bürgermeister wollte von der großen Harmonie, die der Kanzler in seiner Rede anlässlich des Jahrestreffens der Hochschul-Chefs verströmt hatte, nichts wissen: „Ich halte es für falsch und für eine typisch deutsche Entscheidung, das Geld wieder mit der Gießkanne zu verteilen“, rief er den Hochschulrektoren angriffslustig entgegen.

Damit meinte Wowereit den neuen „Elite-Uni“-Wettbewerb. Die Länder hatten unlängst durchgesetzt, dass die 1,25 Milliarden Euro des Bundes nicht nur auf wenige Unis, sondern auf viele Exzellenzzentren und Graduiertenschulen verteilt werden, wie es sich auch die Hochschulen wünschen. Sehr zum Ärger des Regierenden Bürgermeisters der Hauptstadt: „Jeder guckt wieder nur, ob er selbst dabei sein wird.“ Das Geld werde verpuffen, eine echte Konkurrenz nicht eröffnet, prophezeite Wowereit.

Der Kanzler hingegen hatte an der Förderung von Exzellenzclustern nichts zu mäkeln, sondern forderte lediglich die Länder auf, „sich auf die Socken zu machen, damit es klappt“ – also selbst finanzielle Mittel bereit zu stellen. Schröder lobte im Gegenteil die deutsche Tradition einer exzellenten Breitenförderung. Die dürfe im Hinblick auf Exzellenz und Elite nicht verloren gehen, sagte der Kanzler – und streifte implizit das Thema Studiengebühren: Leute wie er selbst verdankten dem jetzigen System ihr Studium.

Auch das sieht Wowereit ganz anders, obwohl er wie der Kanzler aus einfachen Verhältnissen kommt: „Die Studentenproteste gegen die Kürzungen bei den Universitäten zeugen ja von Engagement. Aber eine Antwort auf die Frage, wie sich die Lage bei leeren öffentlichen Kassen ändern lässt, geben sie nicht.“ Auch das Eliten-Programm der Bundesregierung werde daran nicht viel ändern. „Wir kommen an Studiengebühren nicht vorbei!“ rief er unter dem Applaus der Hochschulrektoren. Gebühren würden auch eine „totale Bewusstseinsänderung“ unter Studenten und Professoren erzeugen. Wer intelligent genug sei, werde trotzdem nicht vom Studium ausgeschlossen, „darauf lege gerade ich als Sozialdemokrat wert“, sagte Wowereit. „Hunger, Wissensdurst und eine große Motivation“ sieht der Regierende Bürgermeister bei den neuen EU-Ländern – und damit eine neue Konkurrenz zu Deutschland. Wer den Besitzstand der letzten 50 Jahre wahren wolle, stecke seinen Kopf in den Sand: „Wir brauchen Veränderungen!“

Die will natürlich auch der Bundeskanzler: „Aber nur, wenn wir den Umbau schaffen, werden wir Ressourcen für Forschung und Entwicklung frei bekommen“, sagte Schröder mit Blick auf die Agenda 2010. Um in Wissenschaft zu investieren, müssten Subventionen abgebaut werden, zum Beispiel die Eigenheimzulage. Gleichwohl sollten die Deutschen ihre Wissenschaft nicht schlecht reden: Deutschland sei der zweitgrößte Exporteur von hochtechnischen Produkten, in der Welt habe es die meisten Patente, seine Biotechnologie sei in Europa Spitze, auch in der Nano- und optischen Technologie könne man auf Erfolgen aufbauen.

Trotzdem: Für den Kanzler ist „wissenschaftliche Vorzüglichkeit keine Anforderung an die Technik- und Naturwissenschaften allein“. Gerade in sehr komplexen Zeiten voller Umbrüche böten die Geistes- und Sozialwissenschaften Hilfe, sich zu orientieren. Was Schröder damit meinte zeigte sich an seinen wiederholten Rückgriffen auf das UniWesen des Mittelalters. Mehrfach hielt er es dem heutigen als leuchtendes Beispiel vor: als „Säule von Modernität“, als Ort der „Anwendung von Logik und Vernunft“ und „Freiheit von herrschaftlicher Gängelung“. Im Mittelalter habe die Universität Bologna sogar über eine eigene Polizei und das Recht, Steuern zu erheben, verfügt, sagte Schröder. Den enthusiastischen Applaus der Hochschulrektoren auf solche Aussichten bremste der Kanzler aber: „Soweit muss man nicht gehen.“

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