Gesundheit : „Madame, lesen Sie den Roman nochmal“

Was hat Houellebecq mit Zola gemeinsam? Rita Schober, Grande Dame der Berliner Romanistik, will es wissen

Brunhilde Wehinger

Pünktlich zu ihrem 85. Geburtstag konnte Rita Schober, emeritierte Professorin für Romanistik, ihre Freunde und Kollegen mit einem Geschenk überraschen: Sie überreichte ihnen ihr neuestes, gerade erschienenes Buch. Es handelt – zum Erstaunen Vieler – auch von dem literarischen Werk des französischen Skandalautors Michel Houellebecq.

„Ich bin oft gefragt worden, warum ich meine Zeit mit der Lektüre dieses Provokateurs verbringe“, erzählt sie lächelnd. Eine gefällige Lektüre biete Houellebecq allerdings nicht. Im Gegenteil. Auch die Literaturkritik schwankt zwischen Anerkennung und Ablehnung. Die einen werfen ihm Pornografie und eine reaktionäre Weltsicht vor. Andere loben ihn für seine Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Zeitalter der Globalisierung.

„Als Houellebecq vor drei Jahren in der Literaturwerkstatt auftrat, unternahm ich alles, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Es war nicht einfach. Ich fragte ihn, warum er in seinen Romanen der Sexualität so viel Bedeutung beimesse. Er schaute mich verwundert an und sagte leise zu mir: ‚Madame, lesen Sie meinen Roman ein zweites Mal.’“ Der Erfolg des Romans „Elementarteilchen“, der in über 30 Sprachen übersetzt wurde, konnte die Grande Dame der Berliner Romanistik nicht gleichgültig lassen. Sie wollte es genau wissen.

Die Wirkung von Romanen, die individuelle Schicksale und drängende Probleme der eigenen Gesellschaft vergegenwärtigen, hat Rita Schober schon immer fasziniert. Eine zentrale Frage, die sie sich seit vielen Jahren stellt, lautet: Welche Wahrheit vermittelt uns ein Roman im Unterschied zur Geschichtsschreibung oder zur Philosophie? Im Werk Houellebecqs entdeckte Rita Schober eine aufschlussreiche Analyse der zeitgenössischen Wirklichkeit. „Die Romane Houellebecqs“, bemerkt sie, „haben das Format eines Gesellschaftsromans in der Tradition der großen französischen Romane des 19. Jahrhunderts. Houellebecq hat eine literarische Sprache gefunden, die der Analyse unserer Gesellschaft, die sich aus der Sicht des Autors in einem katastrophalen Zustand befindet, auf einzigartige Weise gerecht wird.“

Vorwurf der Pornografie

„Auf dem Prüfstand. Zola – Houellebecq – Klemperer“, so lautet der Titel des neuen Buches von Rita Schober. Es enthält zwölf literaturwissenschaftliche Studien zu Werken der im Titel genannten Autoren. Im Mittelpunkt stehen die Studien zu Houellebecq. Rita Schober erinnert daran, dass die öffentlichen Debatten um die naturalistischen Gesellschaftsromane Emile Zolas Ende des 19. Jahrhunderts enorme Ähnlichkeit hatten mit den Diskussionen um Houellebecq heute: Gerichtsverfahren; Vorwurf der Pornografie; Empörung über die detaillierten Beschreibungen der menschlichen Misere; harsche Kritik an der Weltsicht des Autors. Andererseits findet die naturwissenschaftlich fundierte Schreibweise seiner Romane Anerkennung. Auch Zola hatte sich mit den neuen Wissenschaftsparadigmen seiner Zeit beschäftigt, seine naturalistische Schreibweise mit Erkenntnissen der damals aktuellen Vererbungslehre grundiert.

Klemperers Assistentin

Als international gefragte Zola-Expertin und Herausgeberin der 20-bändigen Zola-Ausgabe in deutscher Übersetzung (Berlin/DDR, München 1952-1976) ist Rita Schober vielen Leserinnen und Lesern seit langem bekannt. Weniger bekannt ist, dass sie die prominenteste Schülerin Victor Klemperers (1881-1960) ist. In ihrem neuen Buch widmet sie auch dem Werk ihres akademischen Lehrers zwei Studien: Seinen Tagebüchern (1933-1945) sowie seinem Wirken an verschiedenen Universitäten nach 1945.

Die Autorin lernte Victor Klemperer 1948 kennen, als er an die Universität Halle berufen wurde, wo sie 1945 am Wiederaufbau des Romanischen Seminars beteiligt und als Dozentin tätig war. Sie wurde Klemperers Assistentin. Die Zusammenarbeit mit ihm sei für ihren wissenschaftlichen Werdegang entscheidend gewesen. Er habe sie in ihrem Interesse an der Literatur und in ihrer rationalistischen Grundeinstellung bestärkt, sagt sie und rühmt sein Grundvertrauen in die Kultur, seine „Liebe zum Jahrhundert der Aufklärung“.

1955 trat Rita Schober als erste Frau auf einem romanistischen Lehrstuhl in der DDR Klemperers Nachfolge an der Humboldt-Universität zu Berlin an. Bis zu ihrer Emeritierung 1978 hatte sie leitende Positionen inne, nahm Gastprofessuren im Ausland an und wurde für ihre wissenschaftlichen Leistungen vielfach ausgezeichnet. Sie formuliert ihr Interesse an der Literatur folgendermaßen: Wie kommt die Welt in den Text? Wie geht die Literatur mit der Wirklichkeit um (Von der wirklichen Welt in der Dichtung, 1970)? Wie wird erzählt, was wird erzählt (Abbild, Sinnbild, Wertung, 2. Auflage 1988)? Diese Fragen, die Distanz, intellektuelle Offenheit und Neugierde voraussetzen, sind für sie nach wie vor aktuell. Ihre Studien zu Michel Houellebecq basieren auf einer in diesem Sinne positiven curiositas.

Rita Schober spricht am Mittwoch um 20 Uhr über ihre Houellebecq-Lektüre mit Jürgen Trabant (Freie Universität). Literaturforum im Brecht-Haus, Chausseestraße 125 (Mitte), Auskunft unter Tel. 28 22 003.

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