Gesundheit : Mädchen für alles

Am Girls’ Day gehen mehr als 100000 in Männerberufe. Und was machen die Jungen?

Peggy Wolf

Zuerst die Schrauben aufdrehen, dann die Kabel mit einer Kneifzange abzwicken, schließlich den alten Monitor zum Entsorgungszentrum bringen: Marina hat den Girls’ Day vor einem Jahr in einer Firma für Abfallbeseitigung verbracht – und ist begeistert: „Der Tag ist eine gute Chance, sich die Berufe anzugucken, von denen man nicht gedacht hätte, dass sie so interessant sein können“, sagt sie. Heute strömen zum fünften Mal Mädchen im ganzen Bundesgebiet in klassische Männerberufe. Sie bauen Dachfenster als Zimmerin, entrosten Autos als Kfz-Mechanikerin oder errichten Modellbrücken als Bauingenieurin.

Für die Wirtschaft sind Frauen angesichts des Mangels an qualifizierten Fachkräften eine attraktive Zielgruppe. In der Schule haben sie häufig bessere Zensuren, auf dem Gymnasium stellen sie inzwischen mit 54,4 Prozent die Mehrheit der Schülerschaft, während die Mehrheit an Hauptschulen der untersten Qualifikationsstufe (56,3 Prozent) männlich ist.

Doch die Frauen meiden technische Arbeitsfelder. Ihre beliebtesten Lehrberufe sind seit Jahren Bürokauffrau oder Arzthelferin (siehe Grafik). In Germanistik sind 75,5 Prozent Frauen eingeschrieben, in Elektrotechnik dagegen nur 5,4 Prozent. „Damit Mädchen künftig aus einem breiteren Spektrum wählen können, muss es den Girls’ Day geben“, sagt Carmen Ruffer vom „Kompetenzzentrum Frauen in Informationsgesellschaft und Technologie“ in Bielefeld, das zuständig für den reibungslosen Ablauf des von der Bundesregierung und der EU geförderten Aktionstages ist.

Die Idee des Girls’ Day stammt aus den USA. An einem Tag im Jahr nehmen dort Mütter wie Väter ihre Kinder mit an ihre Arbeitsplätze. In Deutschland drehen oder fräsen zehn- bis 17-jährige Mädchen an ihrem schulfreien „Zukunftstag“ unabhängig vom Beruf der Eltern. Die Zuordnung der Mädchen auf die Betriebe und Einrichtungen geschieht über die Internet-Plattform www.girls-day.de. Und die Mädchen kommen. Am heutigen Girls’ Day werden über 100000 von ihnen bei 5000 Veranstaltungen erwartet. „Ein toller Erfolg“, sagt Carmen Ruffer. Vor fünf Jahren waren es nur 1800 Mädchen, die 39 Betriebe zur Auswahl hatten.

Die meisten Jungen gehen an dem Tag zur Schule wie sonst auch. In vielen Regionen gibt es aber auch für sie Veranstaltungen zur Berufsorientierung oder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, organisiert von Eltern, Schulen und Unternehmen. Die Universität Hohenheim in Stuttgart etwa will sich am Girls’ Day gezielt an männliche Abiturienten wenden. Denn nur jeder vierte der Studierenden in den naturwissenschaftlichen Studiengängen der Uni ist männlich: Fächer wie Ernährungswissenschaft und Lebensmittelchemie schrecken junge Männer ab, sagt Florian Klebs, Sprecher der Uni Hohenheim: „Sie denken an Kochen und Backen und verwechseln die Fächer mit Hauswirtschaftslehre.“ In Wirklichkeit wird in diesen Fächern knallharte Naturwissenschaft betrieben. Warum die Uni mehr Männer will? „Wenn Frauen und Männer zusammen arbeiten, ergänzen sich unterschiedliche Denkweisen. Das verbessert das Lernklima und wirkt sich gut auf die ganze Gruppe aus“, sagt Karl Bosch, Dekan der Fakultät.

Einen „Girls’ and Boys’ Day“, gibt es bisher jedoch nur in Brandenburg, Dresden und Hamburg. „Top-Ten-Berufe gibt es für Mädchen wie für Jungen“, sagt Gabriele Wittrin, Ansprechpartnerin für den Zukunftstag in Brandenburg. „Also muss die Entwicklung beider Geschlechter entsprechend gefördert werden. Mädchen sind gute IT-Spezialistinnen wie Jungs gute Grundschullehrer.“ Doch dem stünden Rollenbilder entgegen, die „es geradezu verbieten, sich frei für einen Beruf zu entscheiden. Jungen kommen kaum auf die Idee, Erzieher oder Arzthelfer zu werden. Und hier setzt der Zukunftstag für Mädchen und Jungen an. „Er soll die öffentliche Diskussion über Chancen und Ungerechtigkeiten anregen und helfen, Vorurteile abzubauen.“

Gelingt das am Girls’ Day? Eine Million Euro geben die Förderer jährlich für diesen Tag aus. „Rausgeschmissenes Geld“, sagt Carola Heldt, seit 12 Jahren ehrenamtliche Expertin beim Beratungsnetz für Frauen an der Universität Hamburg. „So lernen weder Mädchen noch Jungen, sich eigenverantwortlich um ihre berufliche Zukunft zu kümmern.“ Die Mädchen müssten nicht behütet, sondern losgelassen werden. Wenn Frauen in Führungspositionen unterrepräsentiert sind, sei das nicht Schuld der Männer. Frauen würden einfach dazu erzogen, zu kneifen, wenn es Schwierigkeiten gibt, glaubt Heldt. Aus ihrer Sicht muss die Gesellschaft ihre Rollenbilder gründlich überdenken. Geschieht das nicht, hilft auch der Girls’ Day nicht.

Gleichwohl ist der Girls’ Day ein Schritt in die richtige Richtung und ein Erfolg. Nach jedem Girls’ Day werden die Mädchen und die Betriebe von den Organisatorinnen befragt. „Die meisten Mädchen und die meisten der Veranstalter sind zufrieden mit dem Tag“, sagt Carmen Ruffer. Die Hälfte der Mädchen gibt an, eine Ausbildung in dem am Girls’ Day besuchten Betrieb machen zu wollen. Das wird die Wirtschaft freuen.

Auch der Tagesspiegel nimmt am Girls’ Day teil. 20 Schülerinnen aus Berlin-Spandau und von der Evangelischen Schule Frohnau werden einen Tag als Journalistinnen arbeiten (Bericht folgt).

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