Gesundheit : Mädchen leiden anders, Jungs auch

In den ersten Lebensjahren ist das männliche Geschlecht das schwächere, haben Kinder- und Jugendpsychiater festgestellt

Adelheid Müller-Lissner

Bei Sprachstörungen ist es am deutlichsten: Auf vier Jungen, die wegen Stotterns behandelt werden, kommt ein Mädchen. Auch bei so unterschiedlichen Leiden wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, Autismus oder Symptomen wie dem Bettnässen liegen männliche Kinder eindeutig vorn.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat man lange kaum auf diesen Unterschied geachtet. „Man sprach von Kindern, als wären es Neutren“, kritisierte Colette Chiland von der Pariser Sorbonne beim Weltkongress der Internationalen Assoziation für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zu dem sich noch bis Donnerstag 2200 Experten aus 87 Ländern im Berliner ICC versammeln.

Das beginnt sich jedoch zu ändern. So wird inzwischen kritisch gefragt, ob Mädchen mit Aufmerksamkeitsstörungen nicht leichter durch die Maschen des diagnostischen Netzes schlüpfen. Regina Bussing von der Universität von Florida in Gainesville stellte eine Studie vor, die das nahe legt. Sie verfolgte das Schicksal von Jungen und Mädchen, die in der Grundschule durch unruhiges Verhalten aufgefallen waren. Die Jungen wurden später deutlich häufiger professionell behandelt.

Doch die Ungleichheit liegt nicht allein in der Behandlung. „Im Schnitt zeigen Mädchen einfach weniger motorische Unruhe als Jungen“, sagt der Essener Kinder- und Jugendpsychiater Johannes Hebebrand. In unserem Schulsystem bringt das den Mädchen eindeutig Vorteile.

Sind die Jungs also das schwächere Geschlecht? Tatsächlich sterben schon im Mutterleib mehr männliche Feten. Mit höherer Krankheitsanfälligkeit in der Kindheit und geringerer Lebenserwartung geht es weiter. Die Tatsache, dass Männer nicht über eine zweite Kopie des X-Chromosoms verfügen, mit der Frauen Mängel der ersten ausgleichen können, hat dafür immer wieder als Erklärung herhalten müssen. Kompliziert wird es aber, weil neben den Genen auch Rollenerwartungen und Erziehung eine gewichtige Rolle spielen.

Und das Blatt scheint sich mit der Pubertät in mancher Hinsicht zu wenden. Der englische Kinder- und Jugendpsychiater Sir Michael Rutter hat mit einer Studie darauf aufmerksam gemacht, dass Jungen eher zu leiden haben, wenn sie noch klein sind: unter frühen Entwicklungsstörungen, die auch einen genetischen Hintergrund haben.

Die Leiden der Mädchen dagegen beginnen typischerweise erst in der Pubertät. Trauriges Paradebeispiel sind die Essstörungen. Von den 600000 meist jungen Menschen, die in Deutschland unter Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leiden, sind 95 Prozent weiblich, berichtete Beate Herpertz-Dahlmann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Pychosomatik und Psychotherapie. Zwar seien auch immer mehr Jungen betroffen, doch das erkläre sich allein mit der allgemeinen Zunahme der Essstörungen. Eine Studie von ihr hat ergeben, dass der Heilungserfolg bei beiden Geschlechtern heute gleich ist. „Allerdings fühlen die Jungen sich, wenn sie in eine stationäre Einrichtung kommen, unter so vielen Mädchen oft isoliert.“

Von der Tendenz her unterschiedlich sind auch die Probleme, die später folgen: Junge Frauen entwickeln oft Angststörungen, während junge Männer, die eine Essstörung überwunden haben, für Suchterkrankungen anfälliger sind.

Auch Essstörungen haben genetische Grundlagen: Ist ein Familienmitglied an Bulimie erkrankt, steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst eine Essstörung zu bekommen, auf das Zwölffache. Herpertz-Dahlmann wies auf einen nicht ganz unwichtigen Auslöser hin: den Sport. Eine Studie an norwegischen Olympia-Teilnehmern ergab, dass 35 Prozent der Leistungssportler, die sich einer ästhetischen Sportart wie Kunstturnen widmen, und 29 Prozent der Adepten gewichtsabhängiger Sportarten wie Rudern unter einer Essstörung leiden. Dieser Gefahr unterliegen beide Geschlechter – noch als Erwachsene.

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