Gesundheit : Märchenhafte Bücherwelt

Lesen unterm Glasdach, forschen bis in die Nacht: Der Bau des Jacob und Wilhelm Grimm-Zentrums der Humboldt-Uni beginnt

Anne Strodtmann

„Durch unsere exzellenten Arbeitsbedingungen werden mit den anderen wissenschaftlichen Bibliotheken Berlins konkurrieren können“, sagt Milan Bulaty, Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität. Wenige Tage vor dem ersten Spatenstich für den Neubau der neuen zentralen Bibliothek schwärmt Bulaty von der „einzigartigen Atmosphäre“ des terrassenförmig angelegten Lesesaals, seines gläsernen Dachs und der großen Freihandmagazine. Am Dienstag beginnt auf dem Gelände zwischen Planckstraße und Geschwister-Scholl-Straße in Berlin-Mitte der Bau der neuen Universitätsbibliothek für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.

In den vergangenen Jahrzehnten hat es viele Pläne für den Bibliotheksneubau gegeben. Seit 1922 war die Universitätsbibliothek Untermieter der Staatsbibliothek. Jetzt benötigt die „Stabi“, die in ihrem Innenhof einen neuen zentralen Lesesaal baut, das gesamte Gebäude zwischen Unter den Linden und Dorotheenstraße für die eigenen Bestände. Für die HU-Bibliothek war Mitte der 1990er- Jahre das Gelände der ehemaligen Marx-Engels-Kaserne als neuer Standort im Gespräch. Da eine Entscheidung des Bundes, dem das Gelände gehörte, auf sich warten ließ, wurde als Alternativlösung das ehemalige Telegrafenamt an der Oranienburger Straße ins Auge gefasst. Aber auch dieses vielversprechende Projekt ist gescheitert – diesmal an den Kosten. Obwohl die Universitätsbibliothek schon 2005 aus der Staatsbibliothek ausziehen musste, konnte erst 2004 ein Architektenwettbewerb für den Bibliotheksbau ausgeschrieben werden. Max Dudler (Berlin, Frankfurt, Zürich) hat ihn mit einem skulpturalen Entwurf gewonnen, dessen äußere Struktur die Form des Bücherregals aufnimmt.

Der Neubau wird auch ein Computer- und Medienzentrum beherbergen. Damit wird auf dem Campus Mitte dasselbe Konzept verfolgt, das bereits im Erwin-Schrödinger-Zentrum, der naturwissenschaftlichen Bibliothek der HU in Adlershof, realisiert worden ist. Darüber hinaus wird es am neuen Standort Ausstellungs- und Vortragsräume geben.

Das Zentrum des Gebäudes bildet ein großer Lichthof, in dem die Lesesaalplätze in Terrassen angeordnet sind. In der Bibliothek wird es etwa 1200 Arbeitsplätze geben, davon sind 500 mit Computern ausgestattet. Darüber hinaus sind Gruppenarbeitsräume für sechs bis zehn Personen und eine Reihe von Einzelkabinen vorgesehen. Zusätzlich zu den allgemein zugänglichen Leseterrassen ist ein Forschungslesesaal geplant, der der Arbeit mit den besonders schützenswerten Büchern vorbehalten ist. Einige Plätze dort werden für Dozenten reserviert, sagt Bulaty.

Der größte Teil der Bestände – etwa 1,5 bis zwei Millionen Bände – soll in Freihandmagazinen aufgestellt werden. Damit wird die Humboldt-Universität über die größte Freihandbibliothek Deutschlands verfügen. Auf diese Weise lässt sich der Bestellservice auf ein Minimum beschränken. Lediglich die kostbaren und besonders schützenswerten Werke sollen für die Benutzer unzugänglich aufgestellt werden. Mit dem Neubau wird Bibliotheksdirektor Bulaty auch seinem Ideal einer benutzerfreundlichen Bibliothek näherkommen: „Öffnungszeiten von 24 Stunden an 365 Tagen“ seien zwar vorerst nicht realisierbar. Aber bis weit in die Nacht hinein sollen die Leser in der Bibliothek arbeiten können und das auch samstags und sonntags, verspricht Bulaty. So werde seine Bibliothek nicht nur architektonisch mit den anderen großen Berliner Bibliotheken – wie dem Scharoun-Bau der Staatsbibliothek und ihrem neuen, von HG Merz entworfenen Lesesaal Unter den Linden oder mit Lord Fosters Philologischer Bibliothek der Freien Universität – konkurrieren können.

Als Baukosten sind rund 75,5 Millionen Euro veranschlagt worden. Teurer darf das Bibliotheksgebäude allerdings auch nicht werden. Mehrkosten, so der Baureferent der Universitäts-Bibliothek, Olaf Eigenbrodt, müssten von der Humboldt-Universität an anderer Stelle eingespart werden. Finanziert wird die Bibliothek noch nach dem bisherigen Modell, nach dem Hochschulbauten je zur Hälfte aus Bundes- und Landesmitteln bezahlt werden. Allerdings wäre der Neubau an der Haushaltsnot des Landes Berlin gescheitert, wenn die Humboldt-Universität den Landesanteil nicht aus dem eigenen Etat finanzieren würde.

Die neue Bibliothek soll 2009 fertig sein. Sie erhält den Namen Jacob und Wilhelm Grimm-Zentrum. Damit sollen nicht nur die Sammler und Herausgeber der „Kinder- und Hausmärchen“ und der „Deutschen Sagen“ geehrt werden. In erster Linie gilt die Anerkennung den Wissenschaftlern und Bibliothekaren Jacob und Wilhelm Grimm.

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