Gesundheit : Magermilch statt Jungbrunnen

Gegen das Altern helfen keine Kuren oder Wundermittel – nur striktes Maßhalten beim Essen

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Von Michael Simm

Sämtliche Mittel und Kuren gegen das Altern sind nutzlos; einige können sogar gefährlich sein. Zu dieser ernüchternden Bilanz kommen 51 der führenden US-amerikanischen Altersforscher in einem öffentlichen Appell, der jetzt auf den Internetseiten der Zeitschrift „Scientific American“ erschienen ist. „Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen lässt sich die natürliche Alterung durch kein derzeit angepriesenes Mittel aufhalten“, heißt es dort. Ihre Ansicht begründen drei der Unterzeichner auch in einem Beitrag für „Spektrum der Wissenschaft“ (August-Ausgabe, Seite 68).

S. Jay Olshansky, Leonard Hayflick und Bruce A. Carnes verstehen unter „Altern” die Anhäufung zufälliger Schäden in den Bausteinen des Lebens. Obwohl der Körper über Reparaturmechanismen verfügt, wird er im Laufe der Jahre mit den Defekten nicht mehr fertig. Zellen, Gewebe und Organe funktionieren dann weniger gut, wodurch der Organismus anfälliger wird für Krankheiten und die typischen Altersabbauerscheinungen und Leistungseinbußen zeigt: Muskeln schrumpfen, Knochen verlieren an Festigkeit, Seh- und Hörvermögen nehmen ab und auch die Reaktionsgeschwindigkeit lässt nach.

Eine der wichtigsten Ursachen für die Anhäufung von Defekten ist die Zellatmung, betonen die Wissenschaftler. Dabei entstehen höchst aggressive Sauerstoffradikale. „Die biologische Wahrheit ist, dass die Lebensmaschinerie, einmal angeworfen, unausweichlich die Keime zu ihrer Vernichtung trägt.“

Zu den am häufigsten angebotenen Mitteln gegen das Altern gehören Antioxidantien, welche die Sauerstoffradikale neutralisieren sollen. Für die als Antioxidantien gepriesenen Vitamine E und C ist in der Tat belegt, dass sie das Krebsrisiko senken können, wenn sie mit der Nahrung aufgenommen werden. „Ob jedoch Vitaminpräparate Ähnliches leisten, ist bisher nicht nachgewiesen“, warnen die Altersforscher.

Mehr Muskeln und glatte Haut

Bedenklich sei auch der Versuch, die im Alter abnehmenden Hormone künstlich zu ergänzen. Dies wird beispielsweise mit Melatonin, Wachstumshormon, Testosteron und Dehydroepiandrosteron (DHEA) probiert. Speziell mit Wachstumshormon konnte bei älteren Männern ein Gewinn an Muskelmasse und straffere Haut erreicht werden.

Allerdings weiß man aus Mausversuchen, dass ein Zuviel an Wachstumshormon die Nieren schädigen kann und zu frühem Herz- und Lungenversagen führt. Das in den USA als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäufliche Melatonin erhöht – ebenfalls bei Mäusen – das Krebsrisiko. Auch die Gabe von Östrogen für Frauen nach den Wechseljahren ist nicht unumstritten. So könne das Befinden mancher Frauen durchaus verbessert werden, doch werde dieser Vorteil durch ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Thrombosen erkauft. Um bestimmte altersbedingte Störungen zu behandeln, könne ein zeitweiser Hormonersatz durchaus sinnvoll sein, heißt es. „Dafür, dass die Hormongaben das Altern hinauszögern, bestehen allerdings keine Anzeichen.“

Den günstigen Einfluss einer „vernünftigen“ Ernährung und regelmäßiger Bewegung bestreiten die Wissenschaftler nicht. Damit ließe sich das Risiko für viele Krankheiten herabsetzen, was vielen Menschen zu einem längeren und gesünderen Leben verhilft. Wiederum gebe es aber keinen Nachweis, dass durch solches Verhalten die Alterung selbst aufgeschoben werde.

Dass wir uns heute in den Industrieländern auf eine Lebenserwartung von 75 bis 80 Jahren freuen dürfen – gegenüber nur 25 Jahren in früheren Jahrhunderten – sei vor allem der Eindämmung von Infektionskrankheiten durch Impfungen, bessere Hygiene und Antibiotika zu verdanken. „Wir leben heute nicht etwa deswegen länger, weil wir anders altern, sondern weil wir anders leben“, schreiben die Forscher.

Der Einfluss der Gene auf das Altern ist den Forschern zufolge nur indirekt. So gebe es weder ein genetisches Programm, das uns altern lässt, noch bestimmte Erbanlagen, welche die Lebensdauer bestimmen. Begründet wird dies mit den Mechanismen der Evolution, die lediglich dafür sorgen, dass aus der befruchteten Eizelle ein Individuum heranwächst und sich fortpflanzt. Danach können sich bestimmte Erbanlagen verheerend auswirken.

Weniger essen, länger leben

Als einzigen Erfolg versprechenden Forschungsansatz für eine wirkliche Verzögerung der Alterung sehen die Experten die stark kalorienreduzierte Ernährung. Wenn Versuchstiere bis hin zum Affen nämlich mindestens ein Drittel weniger Kalorien erhalten, als sie von selbst fressen würden, so verlängert dies eindeutig die Lebensspanne und die Tiere bleiben auch länger gesund. Es sei zu vermuten, dass eine derartige Diät beim Menschen ähnlich wirke. Weil aber kaum jemand bereit ist, sich einzuschränken, untersucht man jetzt die Stoffwechselmechanismen, auf denen der Effekt beruht. Ziel ist es, die „kalorische Restriktion“ zu imitieren, ohne hungern zu müssen.

Bis es so weit ist, stehe vor allem eines fest: „Weltweit wächst die Zahl alter Menschen, und viele Leute versuchen sich an Produkten gegen das Altern zu bereichern.“

Mehr im Internet unter:

www.sciam.com

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