Magersucht : Eine Form des Neinsagens

Warum Magersucht eine Art Hungerstreik ist - und wie es gelingen kann, sich von der Krankheit zu befreien.

Friedhard Teuffel
Isabelle Caro
Isabelle Caro will ihre Krankheit besiegen. -Foto: dpa

Die Kassiererin im Supermarkt kam ihr auf einmal wie eine Bedrohung vor. Sie könnte doch ihr großes Geheimnis aufdecken. Deshalb hat Petra Berger* einfach die Süßigkeiten in die Tasche gesteckt und ist ohne zu bezahlen aus dem Laden verschwunden. Geld hatte sie genug, aber sie hätte es nicht ertragen, wenn die Kassiererin sieht, wie sie Süßigkeiten aufs Band legt, bezahlt und mitnimmt. Nein, Essen sollte auf keinen Fall zu ihr gehören.

Petra Berger ist im Laufe der Jahre eine Meisterin der Heimlichtuerei geworden. Als sie in einer WG lebte, hat sie Essen in ihrem Zimmer versteckt. Sie hat sich Geschichten ausgedacht, wenn andere Leute sie nach ihrer Figur oder ihren Mahlzeiten gefragt haben. So ist sie jahrelang an der Wahrheit vorbeigekommen: Dass sie ein krankhaftes Verhältnis zum Essen hat. „Essen, vor allem Zucker, ist für mich wie eine Droge“, sagt sie.

Ihre wahre Geschichte erzählt ihr Körper. Als es ihm am schlechtesten ging, war er bei einer Größe von 1,68 Meter noch 39 Kilogramm schwer. Das ergibt einen Body-Mass-Index von 13,8. Liegt der Index – errechnet aus Gewicht in Kilo geteilt durch Größe in Meter zum Quadrat – unter 17,5, ist die Diagnose eindeutig: Magersucht. Als normalgewichtig gilt ein Index zwischen 20 und 25.

Gestörtes Essverhalten und Magersucht als besonders schlimme Form rücken zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Die ersten Kosmetikfirmen werben mit Frauen, deren Körper auf normale Essgewohnheiten schließen lassen. Kürzlich stellten gleich drei Bundesministerinnen, Ursula von der Leyen, Ulla Schmidt und Annette Schavan, eine Kampagne vor: „Leben hat Gewicht – gemeinsam gegen den Schlankheitswahn“. Die Dringlichkeit hat erst 2007 eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt: Jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren zeigt Symptome einer Essstörung, von den Mädchen sogar fast jede Dritte. Aus den Essstörungen kann Magersucht werden. Und es gibt Forscher, die sagen, dass 20 Prozent aller Fälle von Magersucht tödlich enden.

Im Grunde ist die Debatte jedoch erst am Anfang, im Alltag schlägt der Schlankheitswahn noch gnadenlos zu. Eine Sportstudiokette empfahl einer Kundin jüngst im Test eines Sportmessgeräte-Herstellers, ihr Gewicht von 74 auf 58 Kilogramm zu senken. Mit der Begründung, ihren Körperfettanteil und damit „das Risiko von schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen“ zu verringern. Sie ist 1,80 Meter groß. Das wäre ein Index von 17,9 – knapp über der Magersucht.

Wie gefährlich solche Empfehlungen sind, zeigen ärztliche Erfahrungen. „Es kann schon eine Bemerkung sein, die bei den meist sehr empfindsamen Jugendlichen den Entschluss auslöst, nicht mehr richtig zu essen“, sagt Bettina Kallenbach-Dermutz, die an der Charité, Campus Benjamin Franklin, die Ambulanz für Essstörungen leitet. „Sie sagen sich dann: Jetzt zeige ich es allen. Sie treten in einen Hungerstreik.“

Hänseleien, und sei es nur ein „Dein Hintern ist zu dick!“ und gesellschaftlicher Druck können der Auslöser sein – die Ursache liegt meist, wie manche annhemen, tief in der Kindheit. Petra Berger hielt sich schon mit sechs Jahren für zu dick. „In der Pubertät habe ich angefangen, mit Essen rumzumanipulieren, Fastentage einzulegen, Diät zu machen.“ So verlor sie immer mehr Gewicht und die Kontrolle über ihr Essverhalten: „Ich habe gegessen, obwohl ich keinen Hunger hatte und nicht gegessen, wenn ich Hunger hatte.“ Mit Essen wollte sie Ängste und Selbstzweifel beruhigen.

Die Patienten, die in die Ambulanz der Charité kommen, haben viel gemeinsam. „Es sind sehr intelligente Mädchen, die ihr Selbstwertgefühl durch hervorragende schulische Leistungen nähren. Oft sind es die unauffälligen, braven, tüchtigen Töchter“, sagt Kallenbach-Dermutz. Mit Beginn der Pubertät sind sie auf einmal überfordert, ihre Leistungen zählen nicht mehr so viel. Stattdessen gilt es, die eigene Persönlichkeit und den eigenen Körper neu kennenzulernen. „Da fehlt diesen Mädchen das Zutrauen zu sich selbst, sie sind zutiefst verunsichert“, sagt die Ärztin. Dagegen rebellieren sie mit Hunger. „Hunger ist die letzte Form des Neinsagens gegenüber einer kontrollierenden elterlichen Umwelt, in der sie sich klein und ausgeliefert fühlen. Magersucht ist ihre letzte Domäne der Macht und gibt ihnen ein Gefühl der Stärke“, sagt Kallenbach-Dermutz.

Im Internet gibt es Foren, in denen Mädchen ihre Magersucht als Weg der Selbstverwirklichung feiern, in denen sie Tipps zum Abnehmen und zum Durchhalten austauschen. Doch die Hälfte aller Magersüchtigen erlebt im Zuge ihrer Erkrankung eine Depression, und die Unterernährung kann lebensbedrohlich werden. Oft steht vor der Therapie ein stationärer Klinikaufenthalt, um den Körper zu stabilisieren. Die Psyche ist in diesem Zustand zu einer Therapie ohnehin nicht fähig.

Der erste Schritt der Therapie ist immer derselbe: Einsicht. „Es gehört zur Krankheit, dass sie ihre Krankheit verleugnen“, sagt Kallenbach-Dermutz. Die Patienten müssen lernen, sich anzunehmen, zu verarbeiten, dass sie in ihrer Persönlichkeit vernachlässigt worden sind und sich selbst vernachlässigt haben. Wer einen Menschen mit möglicher Magersucht im Umfeld hat, dem rät die Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, seine Sorgen zum Ausdruck zu bringen und auf keinen Fall mit Vorschriften oder Verboten zu reagieren.

In der Behandlung sind mehrere Ansätze wichtig: die Familientherapie, schließlich haben Entwicklungsstörungen oft in der Familie begonnen, etwa mit „dem unbewussten Bedürfnis der Mutter, ein anhängliches Kind zu haben, von dem sie sich schlecht lösen kann“, sagt Kallenbach-Dermutz. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen. Eine andere Säule ist die Körpertherapie. Sie soll helfen, das eigene Bild vom Körper mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Entspannung und Bewegung können bewirken, den Körper endlich anders zu spüren, als über Hunger und Schmerzen.

In der Behandlung gibt es viele individuelle Wege. Petra Bergers Weg führte sie durch zahlreiche Therapien, sie wurde schon therapiemüde. Bis sie von zu Hause floh, vor allem von ihrem Kühlschrank, und sich bei einer Freundin einquartierte. „Die hatte früher viel Übergewicht und auf einmal eine normale Figur und ein Leuchten in den Augen.“ Die Freundin nahm sie zu einer Selbsthilfegruppe mit. Das war vor sieben Jahren. Seitdem hat Berger ihre Sucht im Griff. Die Methode der Gruppe: Um das Essen werden Grenzen gezogen, „denn ich habe das Gefühl für Mengen nicht, das kommt auch nicht wieder“. Die 40-Jährige hat eingeübt, mit vorgegebenen Mengen zu essen. Reisen ins Ausland muss sie vorbereiten, aber mit ihren Plänen ist sie sogar nach Indien gereist. „Das ist wie mit Diabetes.“

Essstörungen verschwinden nicht einfach wieder. „Man behält eine Empfindlichkeit für alles, was mit Ernährung und dem eigenen Körperbild zu tun hat“, sagt Bettina Kallenbach-Dermutz. Für ihren Alltag hat sich Petra Berger daher Regeln aufgestellt: drei Mahlzeiten am Tag, keinen Heißhunger entwickeln, genügend Schlaf. Sie dürfe sich nicht zu sehr isolieren und zu sehr ins Grübeln kommen. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich auf irgendetwas verzichten muss“, sagt sie. Für ihre gesunde Ernährung bekommt sie jetzt sogar manchmal Komplimente.

*Name von der Redaktion geändert

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