Gesundheit : „Man darf der Forschung nicht die Luft zum Atmen nehmen“

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Führungswechsel bei der Max-Planck-Gesellschaft: Am 14. Juni übernimmt der Göttinger Wissenschaftler Professor Peter Gruss bei der 53. Hauptversammlung in Halle das Amt des Präsidenten der Forschungsorganisation. Der 52-jährige Entwicklungsbiologe tritt die Nachfolge von Hubert Markl an. Gruss ist seit 1986 Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, wo er die Abteilung für molekulare Zellbiologie leitet. Für seine Forschungsarbeiten hat er zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den Louis-Jeantet-Preis für Medizin, den Wissenschaftspreis des Stifterverbandes und den Zukunftspreis des Bundespräsidenten.

Herr Gruss, Sie gelten als einer der weltweit führenden Wissenschaftler für die Erforschung der molekularen Mechanismen bei der Säugetierentwicklung. In den nächsten sechs Jahren werden Sie sich um das Management der Max-Planck-Gesellschaft kümmern. Was wird in dieser Zeit aus Ihrer Forschung?

Ich habe viele Projekte angestoßen und wünsche mir natürlich, dass diese Arbeit weitergeht. Einmal geht es um die Regenerierung der Zellinseln, die das Insulin in der Bauchspeicheldrüse produzieren. Wir haben an der Maus modellhaft gezeigt, dass eine solche Neubildung möglich ist. Ein weiteres Projekt befasst sich mit den grundlegenden Studien der Entwicklung des Säugetiergehirns. Ich selbst werde in Zukunft nicht mehr sehr viel dazu beitragen können, habe aber ausgezeichnete erfahrene Wissenschaftler, die jetzt in eigener Regie die Forschung weiter betreiben. Ich werde dies aber weiter verfolgen, mein Herz hängt an diesen Arbeiten.

Wie eng wird Ihr Kontakt zu der aktiven Forschung sein?

Ich habe inzwischen fast 60 Institute der Max-Planck-Gesellschaft besucht und immer wieder festgestellt, welchen Enthusiasmus die Forscher für ihr jeweiliges Gebiet entwickeln. Diese Einblicke in die Qualität und Bedeutung der Forschung möchte ich mir auch weiterhin verschaffen.

Forschung kostet viel Geld. Reicht die finanzielle Ausstattung der Forschungsorganisationen aus?

Wir können nur international konkurrenzfähig bleiben, wenn die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen. Das Budget der Max-Planck-Gesellschaft ist in diesem Jahr um 3,5 Prozent erhöht worden. Die National Institutes of Health in den USA dagegen haben jedes Jahr zweistellige Zuwächse. Innerhalb von fünf Jahren haben sie damit ihr Forschungsbudget verdoppelt. Die Max-Planck-Gesellschaft ist nicht schwächer geworden, aber unsere Konkurrenz ist stärker geworden, und zwar auch deshalb, weil sie besser finanziert wird. Wir müssen daher auf die Politik einwirken, damit diese die Forschung adäquat fördert. Forschung ist die Basis für Innovationen und damit für die zukünftige Gestaltung unseres Landes.

Müssen die Wissenschaftsstrukturen reformiert werden?

Wissenschaftler sind im öffentlichen Dienst in das gleiche Tarifsystem eingebunden, das beispielsweise bei der Post gilt. Wir benötigen ein eigenes Tarifsystem, das uns ähnlich flexible Strukturen ermöglicht, wie sie in den USA gang und gäbe sind, sonst sind wir international einfach nicht konkurrenzfähig.

Was wollen Sie innerhalb der Max-Planck-Gesellschaft bewegen?

Bei der Evaluierung durch die Bund-Länder-Kommission hat die Max-Planck-Gesellschaft 1999 zwar hervorragend abgeschnitten, aber auch Verbesserungsvorschläge erhalten, zum Beispiel mit den Universitäten stärker zusammenzuarbeiten. Dies möchte ich vorantreiben, beispielsweise durch die Etablierung weiterer Graduiertenstudiengänge, den „International Max Planck Research Schools“. In Göttingen geht das hervorragend. Das Curriculum ist nicht an Disziplinen gebunden, so dass man in einem innovativen Feld flexibel agieren kann. Diese Programme sind auch für das Ausland attraktiv, denn 65 Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland. Ein anderes Modell sind Projekte, bei denen unsere Grundlagenforscher mit Universitätskliniken zusammenarbeiten. Außerdem sollen in einer Pilotstudie nach dem Max-Planck-Prinzip Forschergruppen an Universitäten eingerichtet werden.

Müssen Sie für diese neuen Projekte an anderer Stelle sparen?

Mit Budgeterhöhungen von drei Prozent sind solche Neuerungen nicht zu finanzieren. Wenn die Förderung nicht erhöht wird, müssen entweder bestehende Forschungseinheiten ganz wegfallen oder neue Projekte gestrichen werden. Eine solche Entscheidung möchte ich aber nicht treffen müssen und möchte deshalb für diese neuen Aktivitäten um neues Geld werben. Nach der Wiedervereinigung haben die Max-Planck-Institute in den alten Bundesländern über das föderale Konsolidierungsprogramm zehn Prozent ihrer Stellen und Mittel abgeben müssen. Ich denke, wir sind genug geschrumpft.

Immer öfter müssen Politiker Entscheidungen fällen, die große Auswirkungen auf die Arbeit der Wissenschaftler haben. Wird die Forschung in Deutschland zu sehr eingeengt?

Wir brauchen gesetzliche Rahmenbedingungen, die uns im internationalen Konzert konkurrenzfähige Forschung erlauben. Deutschland ist keine Insel. Das erste restriktive Gentechnik-Gesetz führte dazu, dass sich die Forschung hier zu Lande langsamer entwickelte als im Ausland und die pharmazeutische Industrie mit ihren biotechnologischen Projekten in Ausland abwanderte. Der Gesetzgeber muss dafür Sorge tragen, dass uns nicht die Luft abgeschnürt wird. Die Forschung an und mit Tieren ist unerlässlich, zum Beispiel bei der regenerativen Medizin, die sehr wichtig werden wird. Es ist nicht auszuschließen, dass es durch die Verankerung des Tierschutzes als Staatsziel zu massiven juristischen Auseinandersetzungen mit Tierschützern kommen wird, weil diese nun dem Grundrecht der Forschungsfreiheit den Schutz der Tiere entgegensetzen können. Wir brauchen deshalb zumindest in Europa eine Harmonisierung der Regeln und Standards.

Wie wollen Sie Gesellschaft und Politik für Ihre Ziele gewinnen?

Wir müssen noch mehr als bisher Überzeugungsarbeit leisten. In Deutschland herrscht eine andere psychologische Grundstimmung als in den angelsächsischen Ländern oder in Frankreich. Dort gibt es eine größere Bereitschaft, Innovationen positiv zu bewerten. In der Bundesrepublik reagiert man dagegen meist mit Kritik und oft auch mit Angst. Das kann man nur ändern, indem man aufklärt und den Dialog sucht.

Das Gespräch führte Heidi Niemann.

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