Gesundheit : Man erkennt sich

Anja Kühne

Jedesmal, wenn der Soziologe Michael Hartmann sich mit einem Interviewpartner verabredet, schließt er vorher eine Wette mit sich selbst ab: "Wetten, dass ich ihn erkenne?" Hartmann gewinnt immer: Die soziale Herkunft der Wirtschaftsbosse, über die er forscht, ist diesen deutlich anzuschmecken. Wer selbstbewusst und gelassen spricht, den muss man am Ende kaum noch fragen, was der Vater gemacht hat: Mit Sicherheit war der selbst Vorstandsvorsitzender eines Großkonzerns, vielleicht auch Professor oder sonst ein leitender Beamter.

"Ich stehe da, wo ich hingehöre", ist die Botschaft, die solche Manager ständig ausstrahlen. Das Kind des kleinen Angestellten oder gar Arbeiters outet sich dagegen durch Unsicherheit: "Was geschieht denn mit meinen Antworten?" fragen solche Unternehmer den Soziologen. So unruhig ist nur, wer sich latent sorgt, wieder dahin zurückzufallen, von wo er sich hochgearbeitet hat. Und das spüren auch andere.

Nicht etwa ein guter Studienabschluss oder die Promotion entscheiden denn auch in erster Linie, wer später in einem großen Unternehmen nach oben kommt, sondern das Auftreten, der Habitus, hat der Darmstädter Professor anhand von 6500 Lebensläufen promovierter Manager von vier Jahrzehnten herausgefunden. "Man erkennt sich", sagt Hartmann. Die Männer an der Spitze stellen vor allem Männer ein, die so sind wie sie selbst: solche, die zur richtigen Zeit das richtige Thema im richtigen Ton ansprechen und souverän mit den im Management geforderten Benimmregeln umgehen.

Auf das Elternhaus kommt es an

Aber dies sind Fähigkeiten, die Kinder schon mit der Muttermilch einsaugen und die sich in Schule oder Uni kaum lernen lassen. Wie sonst ließe es sich erklären, dass die Aussichten von promovierten Söhnen des Großbürgertums und des gehobenen Bürgertums auf eine Spitzenkarriere 50 bis 400 mal größer sind als die promovierter Männer aus der Mittelschicht? Nur drei Prozent der deutschen Bevölkerung gehören dem gehobenen Bürgertum an, nur ein halbes Prozent dem Großbürgertum. Trotzdem kommen 80 Prozent der Führungskräfte in der Wirtschaft aus diesen Schichten, die Hälfte davon sogar aus dem Großbürgertum.

Hier fällt auf, wer nicht dazu gehört. Über den ruppigen Daimler-Chef Jürgen Schrempp, Sohn eines kleinen Angestellten, habe man in der Wirtschaftsszene die Nase gerümpft: zu schnell und zu laut. Wer ganz selbstverständlich zur Spitze gehört, muss die eigene Kluft zu den Untergebenen nicht betonen - dies ist etwas für soziale Aufsteiger, sagt Hartmann: "Man tut so etwas nicht, sondern weiß es."

Denjenigen, die sich in ihrer sozialen Herkunft geborgen fühlen, fällt es auch leichter, die an der Spitze geforderte Risikobereitschaft mit authentischem Optimismus an den Tag zu legen: "Was Leute wie Christoph Daum dagegen über sich sagen, zeigt, dass sie sich vorstellen können, zu fallen", so Hartmann. Negativer als eine nicht großbürgerliche soziale Herkunft wirkt sich bei der Karriere in den Unternehmen nur noch das Geschlecht aus: Nur drei von 240 promovierten Frauen schafften es in die Führungsebene eines großen Unternehmens - alle drei in der Firma ihres Vaters.

Die Leistungselite ist ein Mythos, meint Michael Hartmann. Dabei hätten die Deutschen lange geglaubt, dass ihre Gesellschaft deutlich durchlässiger ist als andere, etwa die britische, von deren Klassengesellschaft man sich hierzulande zu unterscheiden glaubt. Was die Rekrutierung der deutschen tatsächlich von der der britischen Elite trennt, zeigte Hartmann am Montag am Großbritannienzentrum der Humboldt-Universität. In den sechziger Jahren stammten drei Viertel der britischen Spitzenmanager aus dem höheren Bürgertum, dem aber nur 3,5 Prozent der Erwerbstätigen angehören. Das gleiche Bild einer "geschlossenen Gesellschaft" zeigt sich in Deutschland: 80 Prozent kamen hier aus dieser Schicht.

Nach dreißig Jahren hat sich diese Situation weder in Großbritannien noch in Deutschland geändert. Und es ist auch über die Jahrzehnte hinweg bei einem entscheidenden Unterschied zwischen beiden Gesellschaften geblieben: Jeder zweite Mann an der britischen Spitze war in Oxford oder Cambridge. In Deutschland hat es dagegen nie eine Rolle gespielt, an welcher Uni jemand Examen gemacht hat. Noch wichtiger als "Oxbridge" ist in Großbritannien bei der sozialen Auslese aber die Schule: 1995 waren 72 von 93 britischen Managern auf einer der im Land besonders anerkannten Privatschulen (public schools), darunter jeder Neunte im renommierten Eton, jeder Vierte auf einer der neun Spitzenprivatschulen im Land. Die Karriere nimmt dann gerade für viele Adlige ihren Fortgang auch in den Garderegimentern, die im Lebenslauf Oxford oder Cambridge ersetzen können.

"In Großbritannien verläuft die Elitebildung auf dem klassischen Weg. Der Habitus wird öffentlich über die Zeugnisse zertifiziert", sagte Hartmann und rechnete vor, dass das Schulgeld für Eton das gesamte jährliche Durchschnittseinkommen eines Briten aufzehrt: 14 bis 16 000 Pfund. Eltern von Etonschülern hätten dagegen ein Jahreseinkommen von mindestens 40 000 Pfund, nicht selten auch 100 000 Pfund. Jeder sechste Etonschüler hat einen Vater, der selbst schon in Eton war. Die Hälfte der Studenten in Oxford und Cambridge war vorher auf einer Privatschule. Selbst wenn nicht allein das Portemonnaie über den Zugang entscheidet, sondern auch Leistungstests, sind die Kinder der upper classes doch ungleich besser auf solche Prüfungen vorbereitet als ihre Mitschüler. "Die soziale Rekrutierung ist hier hochexklusiv", meinte Hartmann.

Die Ochsentour

Während Großbritannien seine Premierminister seit jeher ebenfalls maßgeblich aus dieser Schicht rekrutiert, ist die deutsche Politik auf ihrer Spitzenebene sozial gemischter: Wer hier etwas werden will, kommt um die Ochsentour durch die Ortsvereine der Parteien nicht herum. Das macht den Zugang egalitärer.

Hartmanns Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Öffnung der Hochschulen für die Massen, von der einmal jenes benachteiligte "katholische Arbeitermädchen vom Land" profitieren sollte, für die "Leistungseliten" nicht viel gebracht hat. Was die soziale Zusammensetzung auf der Spitzenebene der großen Unternehmen betrifft, wird sich laut Hartmann noch in 30 Jahren nichts geändert haben. Wer nun aber behauptet, die gesamte Bildungsexpansion sei überflüssig gewesen, versteht Hartmanns Ergebnisse falsch. "Bildung ist ein Bürgerrecht", sagte er. Und selbst wenn Angehörige der Mittel- oder Unterschichten die ganz großen Karrieren nicht machen, beeinflusst ihr höheres Bildungsniveau die Gesellschaft doch an anderer Stelle. Im Gegenteil zeige der Vergleich mit Großbritannien, dass sich ein Ranking der Hochschulen und die Herausbildung von Eliteuniversitäten, zu der der Trend in Deutschland geht, nicht lohne: So oder so sind es die gleichen Leute, die bei gleicher Leistung nach oben kommen - die der Oberschicht.

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